Villen in Blankenburg · Welfenstraße 31
Festnahmen und Mitmenschlichkeit – Welfenstraße 31, Blankenburg
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In der Welfenstraße 31 wohnte ein Zweig der deutsch landweit verzweigten Adelsfamilie derer von der Schu lenburg, seit langem als herzogliche Hofjägermeister in Diensten des Hauses Braunschweig-Lüneburg tätig. So auch der Erbauer der Villa, Matthias Graf von der Schu lenburg, ebenfalls seines Zeichens Hofjägermeister, der bis zu seinem Tod 1929 in der Welfenstraße 31 lebte. Aus der Sippe der Grafen von der Schulenburg waren Fried rich-Werner Graf von der Schulenburg und Fritz-Dietlof Graf von der Schulenburg am Attentat auf Hitler betei ligt. Auch sie wurden festgenommen und wenig später hingerichtet.
Nach dem Tode des jagdliebenden Grafen lebte seine Witwe in dem großen Haus, zusammen mit prominenten Mietern, wie Baronin von Schleinitz und dem Berliner Domprediger Johannes Kritzinger, der zusammen mit seinem Bruder, einem bekannten Magnetographen, eine weitere Etage bewohnte. Die verwitwete Gräfin Schulen burg ließ sich im Garten ein Badehaus errichten; dessen Grundfesten kann man noch heute besichtigen. Die behagliche Ruhe dieses Seniorenhauses wurde am 21. April 1945 jäh für immer beendet. Das Haus wurde beschlagnahmt, die Bewohner hatten 24 Stunden Zeit für ihren Auszug. Wohin? Das war den US-Offizieren herz lich egal. Vielen anderen Villenbesitzern und -bewoh nern ging es ebenso. Die Welfenstraße 31 wurde schließ lich einer militärischen Dienstelle zugewiesen. Vom Mai bis Juli 1945 war dieses Haus Sitz der polnischen Trup penverwaltung, des 2. polnisches Korps, ab Juli 1945 Dienstelle der sowjetischen Geheimpolizei GPU, vormals Tscheka, ab 1953 KGB. Daß in diesem Gebäude ebenfalls das NKWD und die Spionageabwehr Smersch residier ten, war wohl niemanden so genau bewußt. Hier hatten die Russen das Sagen, mit denen man besser nichts zu tun haben wollte. Für viele, auch von Deutschen denun zierte und anschließend verhaftete Bürger des Kreises Blankenburg war dieses Haus die erste Station auf einem jahrelangen Leidensweg, der bis in die sowjetischen Spe ziallager in Deutschland oder noch weiter nach Sibirien zur Zwangsarbeit führen sollte. Im Erdgeschoss oder im Keller wurden die Zugeführten »behandelt«, die Russen führten die Verhöre vorzugsweise in der Nacht. Bekannt ist, daß immer, wenn sich eine genügende Anzahl Ver urteilter angesammelt hatte, diese sich in bereitstehende, offene LKWs begeben mußten, dort in Dreierreihen mit weit gegrätschten Beinen in Reihe eng hintereinandersit zend und Hosentaschen nach außen gestülpt, in Rich tung Buchenwald abgefahren wurden. Diese Transporte begannen stets vom Sammelgefängnis aus, das im Ge bäude der Polizei am Tummelplatz eingerichtet wurde. Mitleidigen Frauen, die nach Möglichkeit Tüten mit Ver pflegung in Höhe des Lühnertorplatzes auf die Ladeflä chen warfen, wurde mit »Mitfahrt« gedroht.
Auch dieses Haus wurde mit großem Aufwand nach 1990 saniert, es bereitete viel Mühe, neuzeitliche Etagenwoh nungen einzurichten. Ein völlig verändertes Treppen haus mußte konstruiert werden, was eine Verlegung des alten Zugangs erforderlich machte. Günstig gestaltete sich die Anlage eines großen Carports, sehr notwendig, denn Autos waren zum Zeitpunkt der Erbauung selten und noch seltener wurde ein Autoschuppen beim Bau mit errichtet.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 183–186: „Welfenstraße 31“

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