Villen in Blankenburg · Schnappelberg 6
Das kleine Schloss – Schnappelberg 6, Blankenburg
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Das Kleine Schloß ist jedem Blankenburger ein ge läufiger Begriff. Es ist aber eine Villa der herzoglichen Familie gewesen, kein Schloß im eigentlichen Sinne. In Adelskreisen, wo eine Villa nicht standesgemäß war, wurde nun einmal jeder bessere Bau als Schloß bezeich net. Das erforderte einfach der Komment. Bis hin zum allerniedrigsten Landadligen findet man die Sitte, jedes repräsentative Haus als Schloß zu titulieren, um eine Erhöhung des gesellschaftlichen Ansehens zu erlangen. Gerade dieser Bau zeigt deutlich die Schwierigkeiten bei der exakten Abgrenzung von Schloß, Villa und Stadt haus. Vielleicht trifft es das englische »Small Palace« etwas genauer.
Errichtet wurde das Kleine Schloß oder auch Garten schloß 1725 als Gartenhaus des Blankenburger Fürsten Ludwig Rudolf von Braunschweig-Wolfenbüttel für seine Ehefrau Christine Luise. Im klassisch barocken Baustil mit schwingenden Formen und Liebe zum Detail bil det das Gebäude die Verbindung zwischen dem großen Schloß, den barocken Schloßgärten und der Altstadt. Ab 1765 wurde das baufällig gewordene Haus erneuert. Das Gebäude veränderte im Laufe der Jahrhunderte vom Fachwerkbau zum sandsteinernen Barockschlöß chen sein Aussehen und wurde nach Osten und Westen mit langgestreckten Anbauten erweitert, in denen sich ursprünglich eine Kapelle, ein Gewächshaus und Ställe befanden. Aufgrund eines natürlichen Geländegefälles bestehen am Haus unterschiedliche Geschoßhöhen, so daß das Gebäude auf der Gartenseite nur eineinhalbge schossig ist.
Von 1914 bis 1918 diente das Haus als einer der Wohnsit ze der Familie von Ernst August von Braunschweig und Lüneburg, wann immer die Herzogsfamilie in Blanken burg weilte. Nach langer Zeit nahm also das Geschlecht der Welfen, wieder eingesetzt in alte Rechte, hier Woh nung; insofern wurde die Stadt wieder »vollwertige« Residenzstadt. Das Große Schloß blieb den Regierungs geschäften vorbehalten.
1917 brachte hier Ernst Augusts Ehefrau Viktoria Luise von Preußen die gemeinsame Tochter Prinzessin Friede rike von Hannover zur Welt. Viktoria Luise war überaus beliebt. Neben vielen anderen Ehrungen trug sogar das erste Kreuzfahrtschiff der Welt ihren Namen.
Eines der prominentesten »Kinder der Stadt« ward da am 18. April 1917 im Kleinen Schloß geboren: späte re Königin von Griechenland, Mutter der spanischen Königin Sofia und Großmutter des spanischen Königs Felipe VI. Die Kaiserin aus Berlin besuchte schon acht Tage nach der Geburt ihre Tochter und Enkelin, was mit einem großen Hofzug verbunden war. Doch es ist Krieg – noch am Abend des Tages muß der kaiserliche Hofstaat nach Potsdam zurück.
Wenn es die Regierungsgeschäfte notwendig erscheinen ließen, wohnte das Herzogspaar auch im Großen Schloß, dann bezogen einige Vertraute das Kleine Schloß. Wäh rend der Vakanz des Welfenhauses von 1918 bis 1925, nachdem der regierende Herzog 1918 zur Abdankung gezwungen worden war, wurde die Immobilie von Be diensteten der herzoglichen Güterverwaltung betreut. Mit der Rückkehr des Herzogshauses nach Blankenburg 1925 wurde das herzogliche Schloß wieder ein Vorzeige objekt und die Familie zog erneut in das Kleine Schloß. Das Einwohnerverzeichnis von 1928/29 zählt übrigens auf, was und wen sie mitbrachten: ein Hofmarschallamt, das Oberforstamt, Schloßverwalter, Kammerdiener, zwei Kammerfrauen, Kammerlakaien, Silbermeister, einen herzoglichen Kommissär und andere.
Ein Jahr später schrieb dann übrigens das Große Schloß Lokalgeschichte. Da hatte Ingenieur Küppers vom städ tischen E-Werk die Idee, die hochaufragende Tanne vor dem Schloß in der Weihnachtszeit mit über 100 elektri schen Kerzen zu beleuchten. Bis weit in das Harzvorland kündete der Lichterbaum von der bevorstehenden Weih nacht; eine Pioniertat im Harzgau!
In den dreißiger Jahren bewohnte Hofmarschall v. Grone das Kleine Schloß, und er blieb auch nach 1945 unter sehr ärmlichen Verhältnissen in seiner Dienstwoh nung, wahrscheinlich, um den herzoglichen Besitz in der Zeit des Exils zu hüten. Damals lag es außerhalb jeder Vorstellungskraft, daß die Herzogsfamilie nie wieder an diesen Ort zurückkehren würde. Vorbild war dem Hofmarschall der Kammerherr und Schloßverwalter Spindler, der in dem Zeitraum zwischen der Abdankung 1918 und der Wiedereinsetzung in den alten Besitz 1925 die Stellung hielt. Er allein wachte über die Unversehrt heit des herzoglichen Besitzes. Stolz konnte Spindler am 4. November 1925 das Große Schloß der Herzogsfamilie in tadellosem Zustand übergeben.
Grone seinerseits mußte kummervoll miterleben, wie die neuen Machthaber ab 1945 das Große wie auch das Kleine Schloß vereinnahmten. Eine Ära ging zu Ende. Gegenüber Vertretern der »Ausbeuterklasse« wurde kei nerlei Rücksicht genommen. Grone mußte sich stellver tretend für seinen Dienstherren Vorhaltungen machen lassen, daß mit vierzig Lkws der britischen Armee und zivilen Möbelwagen die allerwertvollsten Besitztümer in Richtung Marienburg schon abgefahren wurden – der letzte LKW fuhr gerade aus Blankenburg heraus – als die ersten Sowjetrussen einmarschierten. Die waren über
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