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Villen in Blankenburg · Ehemalige Lindestraße 18

Vom Alumnat zur Geburtshilfe – Ehemalige Lindestraße 18, Blankenburg

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Vom Alumnat zur Geburtshilfe – Ehemalige Lindestraße 18, Blankenburg

Das Eckgrundstück Lindestraße zur Helsunger Straße zeigt heute moderne Zweckbauten einer karitativen Einrichtung. Hier stand bis 2013 das der Rhoterschen Privatschule angeschlossene Alumnat. Ein prägnantes Sandsteinrelief auf dem Gelände der Neinstedter An stalten, vom abgerissenen Vorgängerbau gerettet, macht neugierig. Höchstwahrscheinlich zeigt die Steinmetz arbeit den Erbauer des vormaligen Gebäudes, Wilbrandt Rhotert. Die Rhotertsche Familie wohnte um 1920 im Heidelberg 6; heute ist das der Forstmeisterweg 1. Die Lindestraße fiel seinerzeit durch einen besonders ho hen Anteil von »Kriegervillen« auf, so die Häuser Nr. 1 – Graf von der Schulenburg –, Nr. 3 – Kapitän zur See, Heinrich Otto Kranzbühler – und Nr. 10; da war das Kriegsministerium in Berlin der Besitzer und ein Generalmajor z.D. Wild hatte hier eine Wohnung. Her vorhebenswert sind die Eigentümer der Nr. 5. Um 1920 besaß diese Villa Generalmajor Otto Heinrich Leopold von Kurnatowski, der an Generalmajor a.D. Karl Plantier weiter verkaufte. Plantier war als Kommandeur der 2. Masurischen Feldartilleriebrigade 82 ein Teilnehmer der Schlacht von Tannenberg und somit ein verehrungswür diger Held seiner Zeit.

Professor Rhotert hatte frühzeitig erkannt, daß es in Stadt und Kreis Blankenburg Bedarf an einer guten Privatschule gab. Deshalb verlegte er seine 1889 in Bad Sachsa gegründete Realschule 1905 hierher. Finanziell gut ausgestattet, ließ er ein großzügiges Schulgebäude mit angeschlossenem Internat, denn viele Schüler kamen von auswärts, in der Helsunger Straße, Abzweig Linde straße errichten. Allein für 1918 sind 141 Schüler belegt, davon nur 61 aus Blankenburg. Seine Schule wurde schnell stadtgeschichtlich bedeutsam. Auch das Inter natsgebäude, das den Einwohnern unter dem Namen »Alumnat« ein Begriff wurde, schrieb Stadtgeschichte. Aus der Rhotertschen Realschule wurde nach seinem Tod 1926 durch Ankauf das städtische Lyzeum. Ein Blick zum Giebel lohnt, entdeckt man doch eine bemerkens werte Reliefdarstellung. Der abgebildete Bienenstock mit fleißig aus- und einfliegenden Bienen ist eine Allegorie auf die Zweckbestimmung des Lyzeums: Fleißig zu sein wie die Bienen, das sollte den heranwachsenden Mädeln stets als höchstes Ziel vor Augen stehen!

Mitte September 1943 wurden Schule und Alumnat beschlagnahmt, der Unterricht eingestellt, die Schüler auf andere Schulen aufgeteilt. Die Kriegswirtschaft des Deutschen Reiches hatte vordringlichen Bedarf ange meldet; die Marine wollte eine getarnte Dienststelle im unverdächtigen Mitteldeutschland errichten. Da mit den bisherigen U-Booten vom Typ 7 C der Seekrieg nicht mehr zu gewinnen war, mußten schnellstens modernere Typen her. Das Ingenieur-Büro »Glück Auf«, eine Tarn firma der deutschen Kriegsmarine, nahm in Blankenburg die Arbeit auf. Der Deckname der Dienststelle war »Hu bertusjagd«. Im Lyzeum, Alumnat, Cafe Kurhaus, Luvos Heilerde und in der Berufsschule am Bahnhof arbeiteten am 8. Dezember 1943 bereits 1020 Mitarbeiter in täglich 12-Stunden-Schichten. Bis dato hatte das Ingenieurbü ro für die U-Bootstypen 21 und 23 schon 18400 Konstruktionszeichnungen angefertigt. In einer Halle der BEMA in der Weinbergstraße bauten Mitarbeiter einer Danziger Werft mehrere Holzmodelle der betreffenden U-Boote im Maßstab 1:1 nach, die beim Herannahen der Front im April 45 zusammen mit vielen Unterlagen verbrannt wurden. In wenigen Monaten entstanden hier an den Reißbrettern die revolutionären Elektroboote. Sie leiteten nicht nur in Deutschland, sondern in allen Kriegsmarinen einen Paradigmenwechsel im U-Bootbau ein. Nachdem dieses Projekt sehr schnell konstruktiv abgeschlossen worden war, erfolgte sofort der Serienbau dieser Bootstypen. Doch dem militärischen Großeinsatz kam das Ende des Krieges zuvor. Es gab zum Abschluß dieser bemerkenswert straffen und ebenso schnellen Entwicklungszeit von nur sechs Monaten einen Fest empfang im Blankenburger Kurhotel/Fürstenhof. Der anwesende Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Karl Dö nitz und Rüstungsminister Albert Speer verteilten einige Orden an wichtige Schiffsbaukonstrukteure. Die Aufgabe war erfüllt, viele Experten kehrten zu ihren Basen zu rück.

In Blankenburg blieb ein reduzierter Personalstamm, um das Boot Typ 26 zu entwickeln. Dieser Typ, auch bekannt als »Walter-Boot«, kam aufgrund des raschen Kriegsendes nicht mehr zur Auslieferung, doch trachte ten die Alliierten danach, die technischen Unterlagen, wie sie es bereits bei der V-1 und V-2 praktiziert hatten, in die Hände zu bekommen. So diente diese Konstruk tion als Vorbild für das erste US-amerikanische Atom-U-Boot »Nautilus« sowie auf russischer Gegenseite für das Projekt 616. Noch 1955 wurde von DDR-Seite ein vor Heiligendamm gesunkenes Boot Typ 23 (ex U 2344) gehoben und sollte als Typschiff für eine von der Sowjet union geforderte DDR-U-Bootwaffe wieder fahrtüch tig gemacht werden. Immer noch galt der Typ als sehr modernes Boot. Die Arbeit der »Glück Auf«-Leute war so abgeschirmt, daß beim großen Verbrennen der Konstruktionspapiere auf dem Schulhof des Lyzeums im Ap ril 1945 die Blankenburger Feuerwehr aus allen Wolken fiel; niemand hatte vom Aufenthalt der Marine in der Stadt gewußt. Blankenburg als Wiege der modernsten U-Boote?

Ab 1945 wurde das Alumnat als Krankenhaus genutzt. Es befanden sich dort anfänglich eine chirurgische und später eine gynäkologisch-geburtshilfliche Station. Die »Innere« kam im Sanatorium Thiestraße unter. Gene rationen von Blankenburgern haben im »Alumnat« das Licht der Welt erblickt. Erster Chefarzt des Städtischen Krankenhauses war Dr. med. Adolf Pfeiffer. 2006 ent stand ein Neubau des Harz-Klinikums für die Klinik In nere Medizin/Geriatrie. 2013 erfolgte ein Totalabriß; die Fläche wurde von den Neinstedter Anstalten neu bebaut. Im Lyzeum richtete die sowjetische Besatzungsarmee ab Sommer 1945 die »Komandantura« ein, von hier aus wurden Stadt und Kreis mittels militärischer Befehle verwaltet. Der sowjetische Ortskommandant und gleich zeitig Chef der Schloßkaserne wohnte aber nicht dort; er bezog an der Teufelsmauer 1 ein schönes Haus gleich neben der Kaserne. Da ließ es sich gut leben. Von der Hauswirtschafterin wurde er des öfteren mit zwei ukrai nischen Frauen im Bett gesehen, was sie, gut katholisch, stets in Kauderwelsch schimpfen ließ: »Nix Kultura, nix Kultura!«

Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg“

Doch auch diese Zeit ging vorüber. Am 13. Mai 1946 ver ließen die Russen die Schloßkaserne.

Das Haupthaus dient bereits seit Ende 1945 unter dem Namen des Dichters Heinrich Heine wieder seinem ur sprünglichen Zweck, als jetzt staatliches Schulgebäude. Bekannte Namen waren hier nach 1945 die Schulmänner Hund, Zuber, Pawel, Stöckicht, Funk und Algermissen sowie Hausmeister Willi Kipper, einer der bekanntesten Kommunisten der Stadt, und die Sekretärin Frau Eisele. Sie war die Ehefrau des bekannten Bildhauers und Schöpfers der Teufelsskulptur des Teufelsbades, Franz Eisele.

Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 47–50: „Ehemalige Lindestraße 18“

Buch: Villenstadt Blankenburg

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Villenstadt Blankenburg

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