Villen in Blankenburg · Schleinitzstraße 7
Die Wahl des Captains – Schleinitzstraße 7, Blankenburg
Auf der Karte zeigen
Schleinitz ist ein altes meißnisches Adelsgeschlecht, das bereits im 16. Jahrhundert in den Reichsfreiherrenstand erhoben wurde. Sehr bekannt wurden die Schleinitz‘ durch die Bekleidung hoher Staatsämter; insbesondere der in Blankenburg geborene Regierungspräsident und spätere herzoglich-braunschweigische Minister Karl Ferdinand Freiherr von Schleinitz (1756-1837) erlangte seine Meriten. Er hatte die Schlacht bei Waterloo mitge macht und drei Söhne. Julius Karl Leopold Freiherr von Schleinitz war ein preußischer Regierungspräsident, sein Bruder Staatsminister in braunschweigischen Diensten, Wilhelm von Schleinitz. Ein weiterer Bruder war der preußische Außenminister Alexander von Schleinitz. Da war eine Straßenbenennung in der Residenzstadt wohl eine naheliegende Ehrung.
Auch diese Villa Nummer 7 wurde unter Denkmalschutz gestellt, bei ihr war es die italienische Anmutung, die die Denkmalschützer dazu bewog.
Um 1900 von Dr. Hartmann errichtet, besticht das Haus mit seinem enormen Platzangebot von etwa 200 Quadratmetern. Pro Etage! Dr. Hartmann war seit 1910 herzoglicher Augenarzt, was eine Privilegierung gegen über anderen niedergelassenen Ärzten darstellte. Das Prädikat »Herzoglicher Augenarzt« war natürlich sehr werbewirksam. Deswegen strebten alle Dienstleister der Residenzstadt nach diesem Titel. Noch in den dreißiger Jahren betrieb sein Compagnon Dr. Herzog im Hinter haus eine Augenklinik.
1945 wurde dieses Haus der Dienstsitz der Besatzer, das heißt des amerikanischen Ortskommandanten. Dem Captain Tragle gegenüber ergab sich am 23.4.1945 Ge neral Lucht, Oberbefehlshaber der 11. Armee im Kloster Michaelstein und ging in Gefangenschaft. Tragle sorgte für den Abtransport der vielen Zwangsarbeiter und KZ-Häftlinge im Gebiet Blankenburg sowie auch für eine würdige Beisetzung verstorbener Häftlinge.
Zwar mußten alle Bewohner, darunter auch die Eigen tümerfamilie, das Haus binnen 12 Stunden räumen, doch wurde der Vater des heutigen Eigentümers wegen seiner guten Englischkenntnisse als Dolmetscher beim Ortskommandanten eingestellt. So konnte er ein wenig Einfluß auf die Behandlung des Hauses nehmen. Town Comander Captain Henry I. Tragle wußte genau, daß die amerikanische Besatzungszeit nur kurz werden würde. Seit der Konferenz von Jalta waren die Besatzungszonen festgelegt. Blankenburg sollte demnach der britischen Zone zugeschlagen werden, insofern war es eine klare Sache, daß sich die US-Army zurückziehen würde. Die englische Militärverwaltung war gemeinsam mit den Amerikanern in Blankenburg eingetroffen und traf schon Vorbereitungen für ihre Amtszeit.
Nach dem Krieg gelangte das Haus in den Besitz des Hüttenröder Fuhrunternehmers Gustav Angerstein. Die schiere Größe der Stadtvilla weckte angesichts der grassierenden Wohnungsnot Begehrlichkeiten. Es war deshalb kein Wunder, daß zu Zeiten der DDR sechs Wohnungen durch Ab- und Unterteilungen im Haus entstanden. Aber wie überall waren auch in der Schlei nitzstraße 7 die Mieten keinesfalls kostendeckend. Das unbequeme Los des Hausbesitzers Angerstein war die Erhaltung der Substanz.
Heute strahlt die Villa als Firmensitz und Wohnort eine elegante Solidität aus und bereichert das Villenensemble der Blütenstadt auch eindrucksvolle Weise.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 217–224: „Schleinitzstraße 7“

Mehr davon im Buch
Villenstadt Blankenburg
Glanz und Geschichte
Mit einem Geleitwort von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff: 42 der schönsten Blankenburger Villen aus Jugendstil und Gründerzeit, opulent fotografiert von Clemens Bussert.
29,90 €versandkostenfrei, bequem auf Rechnung







