Villen in Blankenburg · Rohdenbergstraße 22
Ein Haus für die Politik: Ein Mann zwischen den Fronten – Rohdenbergstraße 22, Blankenburg
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Im eleganten, vom Bergwerksdirektor Franz Haase erbauten Haus wohnte zwischen 1950 und 1960 zeit weise das Ehepaar Korfes. In der DDR-Zeit wurde diese Immobilie in den Besitz des Staatlichen Forstbetriebes Blankenburg überführt, Förster bewohnten es als Dienst wohnungen.
Nach der polititischen Wende gelangte solch staatlicher Besitz in den Verfügungsbereich der »Treuhandgesell schaft«, die es den im Haus wohnenden Förstern mit Vorkaufsrecht andiente. Die Villa wurde mehrfach wei terverkauft, heute pflegt die jetzige Eigentümerin liebe voll das Anwesen.
Die Rhodenbergstraße 22 erzählt vor allem die Geschich te eines Mannes, der hier, unter Freunden, den Umbrü chen des 20. Jahrhunderts die Arbeit an einem gesell schaftlichen Aufbau abtrotzte: Otto Korfes.
Dr. rer. pol. Otto Korfes wurde am 23. November 1889 geboren. Er wuchs im Pfarrhaus zu Cattenstedt auf und besuchte das Gymnasium in Blankenburg.
Unmittelbar danach trat Korfes am 17. März 1909 als Fahnenjunker in das 3. Magdeburgische Infanterie-Regi ment Nr. 66 ein, wo er in seiner Laufbahn bis zum Leut nant aufstieg. Den Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Westfront. Im Alter von 31 Jahren studierte Korfes an der Philosophischen Fakultät der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und promovierte 1923 zum Doktor der Staatswissenschaften. Von April 1920 bis zum Juni 1937 war er beim Reichsarchiv Potsdam beschäftigt. Dabei handelte es sich um eine verdeckt arbeitende Dienstelle der Reichswehr, in der vorrangig der Verlauf des zurück liegenden Krieges analysiert wurde. Hier lernte er die Tochter des Reichsarchivpräsidenten, Gudrun, Freiin Merz v. Quirnheim kennen. Die beiden heirateten als bald.
Als Major der Reserve wurde Korfes am 1. Juni 1935 von der Wehrmacht reaktiviert und diente an der Ost front. Seine Familie wohnte während des Krieges in Blankenburg, in der Nähe seines Schwiegervaters. Durch mehrmalige Beförderungen erreichte er den Rang eines Generalmajors.
Bei der Schlacht um Stalingrad geriet Korfes am 31. Januar 1943 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und gelangte in das Kriegsgefangenenlager 5110/48 Woiko wo. Er engagierte sich früh im Nationalkomitee Freies Deutschland (NKFD), um an der Front die deutschen Soldaten aufzurufen, sich zu ergeben und damit dem Krieg ein Ende zu setzen. Als NKFD-Gründungsmitglied arbeitete er in der Sowjetunion eng mit Walter Ulbricht zusammen. Dadurch waren in Deutschland seine Fami lienmitglieder automatisch der sogenannten Sippenhaft unterworfen und wurden zum Teil von der Gestapo in Gefängnisse verschleppt.
1948 kam Korfes nach Deutschland zurück. Der Ruf des Staatsarchives in Potsdam erforderte den Wegzug von Blankenburg. Doch waren er und seine Frau Gudrun als Stadträtin in vielfältigster Weise mit Menschen und Pro zessen in der Harzstadt verbunden, so daß eine häufige Anwesenheit in der Harzstadt über die ohnehin starke Bindung zu Elternhaus und Schwägerin hinaus beiden wünschenswert schien. Bei diesen Aufenthalten in den frühen fünfziger Jahren wohnte das Ehepaar Korfes bei Freunden in der Rhodenbergstraße 23.
Als Leiter des Staatsarchivs Potsdam und der Hauptab teilung Archivwesen im Innenministerium schuf Korfes die Grundlagen des DDR-Archivwesens. So haben wir hier den wohl einmaligen Fall, das ein hochrangiger Militär in zwei gänzlich unterschiedlichen Systemen an etwa derselben Stelle wirkte. Die DDR übernahm ihn als aktives Mitglied der National-Demokratischen Partei Deutschlands und in die Führung der Volkspolizei, je doch unter Beobachtung der Staatssicherheit. Von 1952 bis 1956 war er als Generalmajor der Kasernierten Volks polizei Leiter der historischen Abteilung des MdI und stellvertretender Leiter des Stabes der Operativabteilung der Kasernierten Volkspolizei. Des Weiteren war Korfes seit Gründung des Nationalrates der Nationalen Front im Jahr 1950 Mitglied des Nationalrates und ab 1957 Di rektor des Staatsarchivs Potsdam, Mitglied der Sektion Geschichte der Akademie der Wissenschaften und von 1958 bis zum Tode Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ehemaliger Offiziere. Flaniert man in Berlin Unter den Linden entlang, so sieht man noch heute sichtbare Spu ren des Wirkens von Stalingradern NKFD-Generälen: Denkmäler der preußischen Militärs Scharnhorst, Blü cher und Gneisenau. Obwohl den Kommunisten lange Zeit suspekt, wurden sie auf Initiative von General Otto Korfes schon in den 50er Jahren an ihren alten Plätzen wieder aufgestellt.
Dr. Otto Korfes, Verfechter für einen Tauroggen-Rapol lo-Gedanken, starb am 24. August 1964 in Potsdam und wurde auf dem Neuen Friedhof in Potsdam beigesetzt.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 101–104: „Rohdenbergstraße 22“

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