Villen in Blankenburg · Rohdenbergstraße 13
Der Borries-Clan und das Jahrhundertprojekt Talsperren – Rohdenbergstraße 13, Blankenburg
Auf der Karte zeigen
Ab dem Juli 1907 diente diese Adresse einer neuge gründeten »Gewerkschaft Harz« als Firmensitz. Dieses Bergbauunternehmen wollte am sagenhaften Kalkboom teilhaben, die Gewinne der benachbarten »Vereinigten Kalkindustrie Elbingerode« machten Appetit. Um die fünfzig Einzelpersonen, darunter auch Bahndirektor Glanz zeichneten Anteile. Schon kurz vor der Gründung konnte von der Besitzerin des Gutes Hüttenrode, Baro nin von Hagen ein großes Kalkabbaugebiet, vor allem im Kalten Tal zu Rübeland erworben werden. Der ehemalige Marine-Offizier Zeising wurde erster Direktor, er wohnte gleich nebenan, in der Luisenstraße 5.
1916 taucht der Wirkliche Geheimrat und Staatsminister a.D., in diesem Amt tätig von 1903 bis 1912, Friedrich Arthur von Borries als Besitzer auf. Er entstammte der westfälischen Linie dieses Adelsgeschlechtes, das nicht nur in Deutschland verbreitet ist, sondern darüber hin aus auch in Brasilien und Chile lebt. Die geschlossenste »Borries«-Gemeinschaft lebt heute in Bolivien; der Präsident des Obersten Gerichtshofes des Landes ist seit 2014 ein Borries. Eine uralte Devise der Familie lau tet: »Der Borries Trachten und Dräuen, der deutschen Sache Gedeihen«. Die Schwester Anna v. Borries lebte lange im Haushalt des Bruders. Nach ihr ist noch heute in Hannover eine Straße benannt. Sie rief eine soziale Stiftung ins Leben.
Der Geheimrat hatte einen nicht minder bekannten älte ren Bruder, August Borries. Dieser entwickelte den nach ihm benannten Einachsantrieb der Verbundlokomotive, bei dem im Gegensatz zum Zweiachsantrieb nach der Bauart »de Glehn« die auf einer Querebene liegenden Hoch- und Niederdruckzylinder auf eine gemeinsame Kropfachse wirken. Weitere bedeutende Erfindungen von ihm verbesserten die Dampfloks entscheidend. 1902 beendete er seine Tätigkeit bei der Preußischen Staats bahn und nahm eine Professur für Eisenbahnwesen an dem zur Technischen Hochschule Charlottenburg umge wandelten früheren Gewerbe-Institut an. Er war Ehren ritter des Johanniterordens und Premierleutnant der Landwehr a.D. Beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI), dem er seit dem Jahr 1880 angehörte, hatte von Borries von 1899 bis zu seinem Tode das Amt des Kurators inne. Mehrmals war er Vorsitzender des VDI-Bezirksvereins Hannover.
Außerordentliche Bedeutung erlangte das Haus aber im Zusammenhang mit dem Riesenbauwerk der Talsperren, oben im Harz. Bauherr des Bodewerkes war die Provin zialverwaltung Sachsen, die das Haus als Amtssitz des Talsperrenbauamtes um 1936 erwarb. Regierungsbau meister Winter leitete die Dienststelle bis Kriegsende. Da die Büroräume nicht ausreichten, wurde umgehend im Garten der Villa eine Baracke aufgestellt, die den Krieg überdauerte und bis 1996 genutzt wurde.
Unter Zuhilfenahme des Nachbarhauses Nr. 15 wurde hier ab 1949 die Projektierung des »Bodewerkes« in An griff genommen. Dieses gigantische Bauprojekt wurde zuerst von Direktor Schwenk geführt, nach 1952 dann von Dipl. Ing. Lehmann, bis endlich Dr. Ing. Weißbach als Oberbauleiter die Projektleitung und Bauüberwa chung des Gesamtwerkes übernahm. Oberingenieur Theodor Schwenk wohnte »um die Ecke« in der Rübe länder Straße 20. Die wichtigsten Leute des Projektes hatten ihre Büros in der Rohdenbergstraße. Ingenieur Strathausen leitete die Bauausführung der Rappbodetal sperre, Ing. Bohnsack und Ing. Wirtgen leiteten den Bau der Talsperre Königshütte bzw. des Trinkwasserstollens. Ing. Wagner verantwortete das Hochwasserschutzbecken Königshütte und Ing. Schulze die Hassel-Vorsperre so wie die Rappbode-Vorsperre Trautenstein. Anschließend leitete er die Bauarbeiten der Talsperre Wendefurth. Wagner übernahm anschließend den Bau der Trinkwas seraufbereitung Wienrode, deren erster Leiter er auch wurde. 1977 übernahm dieses Amt Vermessungs-Ing. Klabunde. Oberingenieur Pape leitete den Bau des Rapp bode-Straßentunnels und wurde nach Fertigstellung der Rappbodetalsperre als Oberflußmeister mit der Leitung aller Bodetalsperren beauftragt. Bis nach der Wende stand er der Leitung des gesamten Systems vor. Kurt Münster leitete die Projektierungsgruppe der Wasser wirtschaft Bode mit Sitz in Blankenburg.
So hatten beide Häuser in der Bauphase eine enorme Be deutung als Sitz des zentralen Projektierungsbüros. Es gibt übrigens auch Gerüchte über eine Nutzung der Räumlichkeiten des Hauses als Bordell, aber womöglich gehört das schon in den Bereich der Legendenbildung. Heute erfüllt die Villa Rhodenberg 13 wieder ihren ursprünglichen Zweck als repräsentatives Wohnhaus.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 117–120: „Rohdenbergstraße 13“

Mehr davon im Buch
Villenstadt Blankenburg
Glanz und Geschichte
Mit einem Geleitwort von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff: 42 der schönsten Blankenburger Villen aus Jugendstil und Gründerzeit, opulent fotografiert von Clemens Bussert.
29,90 €versandkostenfrei, bequem auf Rechnung







