Villen in Blankenburg · Roh 4
Krichelsdorffer Villa: Geschenkte Pflege – Roh 4, Blankenburg
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Die Familie Krichelsdorff kam 1917 nach Blankenburg; hier gedachte sich der Familienvater Hans Krichelsdorff mit 66 Jahren zur Ruhe setzen. Seinerzeit bebaute er ein geradezu riesiges Grundstück mit Haus und »Kutschen garage«; richtigerweise einer Remise. Das Grundstück reichte bis zur Geysö-Straße, es wurde in der DDR-Zeit zwecks Errichtung zweier Wohnblöcke geteilt.
Zur Gartenseite ist die Fassade mit Reliefs verziert, de ren rechtes eine interessante Allegorie zeigt. Eine zentral sitzende Mutterfigur mit Spinnrocken und Spindel sym bolisiert die emsige Hausfrau. Liebevoll schenkt sie dem links sitzendem Sohn ihre mütterliche Aufmerksamkeit, die der Junior anscheinend mit Lernfreude quittiert. Schreibblock und Griffel sprechen eine deutliche Spra che. Doch warum trägt der junge Mann einen unmänn lichen Rock? Rechts ist die Tochter des Hauses mit einer Näharbeit beschäftigt, den Blick züchtig gesenkt. Eine Familienidylle vor 100 Jahren?
Krichelsdorffs Tochter Katharina »Käthe« profilierte sich als Malerin und Papa überließ ihr ein großzügiges Atelier zum parkähnlichen Grundstücksteil. Der eigens ausge suchte Raum im ersten Obergeschoß war nach Norden ausgerichtet, des gleichbleibenden Lichtes wegen. Vor zugsweise malte sie Portraits, Stillleben und Landschaf ten. Gelobt wurde von Zeitgenossen eine lebensvolle Wiedergabe, mit Temperament, gefühlsmäßiger Bezie hung zum Objekt und technisch reifer Ausführung. Ein Selbstbildnis im zweiten Obergeschoß ist noch vorhan den.
In Zeiten der DDR war das Haus zwar mit Mietern voll belegt, doch brachten die staatlicherseits festgelegten äußerst geringen Mieten die erforderlichen Kosten nicht annähernd herein. Als Katharina wieder einmal beim Dachdeckermeister ihr marodes Dach beklagte, schlug er als pragmatisch denkender Mensch vor: »Sie haben kein Geld und ich habe kaum Material – malen sie mir ein Bild, dann sind wir quitt!« So geschah es.
Testamentarisch vermachte die Malerin schließlich diese besondere Villa zum Zwecke der Einrichtung eines Pflegeheimes an das Krankenhaus Blankenburg. Käthe Krichelsdorff selbst blieb dort in Pflege und starb erben los mit 96 Jahren im Jahr 1976.
Seit dieser Zeit wird das Haus vom Gesundheitswesen genutzt. Mit der 1990 eingeleiteten Umstrukturierung des Blankenburger Krankenhauses zum Harzklinikum wurde in diesem Haus eine Tagesklinik für psychiatrisch Erkrankte eingerichtet. Umfangreiche Investitionen wer teten auch das Haus auf. Die psychiatrische Betreuung speziell in einer Tagesklinik wurde 1994 vom gebürtigen Timmenröder und Chefarzt Dr. med. W. R Krause, kon zeptionell auch von Dipl. med. päd. M. Krause übernom men. Ein großzügiger Umbau, in den die Erfahrungen Dr. Krauses von der Universitätsklinik Halle und der Charite einflossen, ermöglichte eine erfolgreiche Arbeit, die bis heute anhält. Waren es anfänglich 10, so können heute 25 Patienten täglich behandelt werden. Ein jähr licher Höhepunkt ist das Fest des Vereins »Lebenskraft« und das Klinikfest mit Hunderten von Teilnehmern. Das gesamte Ärzteteam der hiesigen Psychiatrie erwarb sich auch international einen hervorragenden Ruf. In die Einrichtung ist das wissenschaftliche Archiv der »Deut schen Gesellschaft für ärztliche Hypnose und autogenes Training« integriert.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 87–90: „Roh 4“

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