Villen in Blankenburg · Mozartstraße 5
Ein Turm mit morbidem Charme – Mozartstraße 5, Blankenburg
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Am Steilhang des Berges Walhalla – und das war auch der zugehörige Straßenname vor 1950 – stehen durch aus ungewöhnliche Häuser. Das große Haus mit der Nummer Eins gehörte Frau Elisabeth Gnauck-Kühne mit ihrem hauswirtschaftlichen Institut, die der Straße ab dem Jahr 1950 ihren Namen gab. Sie war eine Frauen rechtlerin der ersten Stunde.
Gebaut wurde die Villa Nummer Fünf im Stil eines Schweizer Hauses, mit umlaufendem Balkon, von Kauf mann Löhr um 1900. Der nächste Besitzer ab 1920 war ein bedeutender Erfinder aus Magdeburg. Herr Wilhelm Ebeling besaß Patente auf Heizgeräte und vor allem auf einen mechanischen Wäschestampfer, der noch vor Miele auf dem Markt für Furore sorgte und unter dem schönen Namen »Ebeline« verkauft wurde. Die Verwer tung der Patente führte zu einigem Wohlstand und ein Sommerhaus sollte her.
Fündig wurde Ebeling in Blankenburg. Seine Tochter heiratete den Sohn des Blankenburger Bauunternehmers Wilhelm Diesing. Nagel und Diesing ware neben Beck und Gebr. Schönfelder eine der namhaftesten Baufirmen der Stadt und hatte ihren Sitz in der Hospitalstraße 27. Viele Villen wurden von ihnen entworfen und errich tet. Die Firma hatte einen eigenen Architekten! Sogar der Wienröder Steinbruch im Forstort Pfennigscheißer gehörte zum Unternehmen. Unter dem Namen »Grün stein« wurde der begehrte Diabas abgebaut; ein Teil des Pflasters der Tränkestraße besteht gegenwärtig immer noch aus diesen Steinen.
Schwiegervater Diesing nutzte sein Talent zu manch architektonischem Gimmick. So krönt ein eigenartiges Türmchen das Grundstück und mit diesem Ausguck be saßen Schwiegertochter und Sohn, der Architekt Walter Diesing, vom damals noch unbewaldeten Berg einen paradiesischen Blick auf die Stadt. Das Ehepaar, er war schließlich herzoglicher Hofbaumeister, wollte dem ver ehrten Herzogshaus im benachbarten Schloß auf Augen höhe nah sein; durch die Höhenlage des Turms gelang es ihnen auch! Krönung des Turms ist die vollverglaste Aussichtskuppel in der Art einer Kaffeeterrasse. Auch ihren Kindern erfüllte das Paar jeden Wunsch. Nach und nach entstanden so ein Kinderhäuschen, eine Ritterburg und eine Schlangengrube. Ein besonderes Erlebnis für die Kinder war die Benutzung der extra angelegten Badestelle. Das kleine Becken war mit lus tigen Meerestieren bemalt. Ein roter Fisch war neben dem blauen Kraken zu sehen, der sich vor dem scharf bezahnten Hai in die Sicherheit des Wasserzulaufes zu retten schien. Das Eigentum an diesem sehr steilhangi gen Grundstück inclusive des pittoresken Turmes verlor Familie Diesing in der DDR-Zeit durch Flucht in den Westen.
Nach den Bürgermeistern Bodemann und Zerbst, die im Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite wohn ten, nahm später ein weiterer Bürgermeister in dieser Adresse Quartier, bis er nach der politischen Wende das Haus Mozartstraße 5 verlassen mußte. Manfred Jünger, Amtszeit von 1973 bis 1982, war der Initiator des Neu baugebietes am Regenstein sowie des Neubaus einer Poliklinik. Das Wohnungsneubauprogramm am Standort der abgerissenen Regensteinkaserne, später gab es in der Oesig ein weiteres, wenn auch von geringerem Umfang, linderte die extreme Wohnungsnot der sechziger und siebziger Jahre in Blankenburg. Diese Wohnungsnot war einerseits auf den Verfall von Wohnungen in der Innen stadt, andererseits durch den enormen Zuzug von Ver triebenen aus dem ehemaligen deutschen Sudetenland begründet.
Wie bei vielen anderen Häusern auch, meldeten die Alt besitzer 1990 Restitutionsansprüche an, denen das Amt für offene Vermögensfragen in der Regel stattgab. Im Falle der Mozartstraße 5 mußte zurückgekauft werden, eine bittere Pille für die rechtmäßigen Eigentümer.
»Zeitlose Schönheiten zeichnen sich dadurch aus, daß Farben an Gebäuden von Sonne, Wind und Wetter geschaffen werden, nachdem der Mensch die Baustoffe sinnvoll angewendet hat.«
Max Laeuger
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 201–206: „Mozartstraße 5“

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