Villen in Blankenburg · Mozartstraße 2
Eine Bürgermeisterlegende – Mozartstraße 2, Blankenburg
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Der »Erste Bürger« Karl Zerbst war mit seiner Amtszeit von über 34 Jahren ein Mann, der das Gesicht der Stadt überaus stark geprägt hat. Von 1898 bis 1933 im Dienst, erreichte er die längste Amtszeit unter den Blanken burger Bürgermeistern. Eingesetzt als Vorsitzender des Stadtmagistrats und wenig später als Bürgermeister durch den regierenden Monarchen in Braunschweig bestätigt, hatte er seine erste Bewährungsprobe beim Wiederaufbau von Straßen und Gebäuden nach den sint flutartigen Regenfällen des Sommer 1905, die extreme Zerstörungen im Stadtgebiet verursachten. Eine erste Kanalisation wurde bei dieser Gelegenheit geschaffen, Teile davon sind noch heute in Benutzung. Vielleicht packte da den studierten Juristen die Baulust, die ihn ab 1921 in den Zeiten großer Wohnungsnot die Bau genossenschaft des Kreises Blankenburg mitgründen ließ. Der Villenbauboom der Jahre 1890 bis 1910 schuf einen großen Bedarf an Dienstpersonal. So wurde Wohn raum für einfache Leute immer knapper. Zusammen mit Kreisdirektor Georg Schultz wurden im Ostteil der Stadt moderne Quartiere gebaut. Wohl wegen ihrer großzügi gen Bauweise mit viel Licht und Grün nannte der Volks mund diese Häuser bald »Bebelhöfe«; wurden doch soziale Wohltaten zumeist der politischen Heimat von August Bebel – der SPD – zugeschrieben. Schultz und Zerbst kannten sich seit Gymnasiumstagen aus ihrem heimatlichen Weserbergland. Dieses für Blankenburg segensreiche Gespann engagierte sich öfter gemeinsam, so bei dem Bau eines Freibades durch Arbeitslose – ein Beitrag zur Senkung der drückenden Arbeitslosigkeit um 1930. Eine Tischlerfachschule in der heutigen Kuno-Rie cke-Straße wurde eröffnet.
In der anarchistischen Zeit des Arbeiter- und Soldaten rates in Blankenburg, mit Absetzung des Herzogs durch dieses Gremium, gelang es Karl Zerbst durch kluges Argumentieren, die Stadt weiter zu regieren. 1919 wurde er für weitere 10 Jahre im Amt bestätigt. Legendär wur den seine Ansprachen von der Rathaustreppe. Dies war seine ureigenste Methode, dem Volk Entscheidungen verständlich zu machen. Eine Unzahl von Demonstra tionen, Aufmärschen, Versammlungen und Schlägereien in den zwanziger Jahren, Klassenkämpfe zwischen Rot und Braun, blieben zumeist auf die Stadtteile hinter dem Bahnhof, umgangssprachlich: Hakeldama, beschränkt. Denn es brodelte in der früher so ruhigen Stadt der Pen sionäre.
Rückblickend war Zerbsts Amtszeit und die Zeit bis zum Ausbruch des zweiten Weltkrieges wohl eine der erfolg reichsten in der Geschichte der braunschweigischen Re sidenzstadt. Er kam als Kompromißkandidat ins Amt, da die beiden Vorgängerbürgermeister R. Bodemann und E. Salemon letztlich am konservativen Stadtrat scheiterten. Dieses Gremium war 1898 am städtisch geförderten Zu zug von Neubürgern wenig interessiert. Der Widerwillen erlahmte erst, als der Stadt größere Grundsteuereinnah men durch die Villenbesitzer zuflossen. Da begann ein Umdenken. Auch Zerbst, der zuerst in der Lühnergasse 3 wohnte, bezog ein schönes Grundstück in der Walhalla – heute Mozartstraße 2. Er erwarb es von einem seiner Amtsvorgänger, Altbürgermeister Bodemann.
1933 wurde Zerbst ohne Angabe von Gründen als Bür germeister abberufen und gegen einen kommissarischen Bürgermeister ersetzt. Die NSDAP wollte einen eigenen Mann auf dem Posten haben. Die Ära Zerbst, die längste Dienstzeit eines Blankenburger Bürgermeisters in der Stadtgeschichte, ging zu Ende. Er hielt sich als »Zuge zogener« viel länger im Amt als im Ort geborene und aufgewachsene Bürgermeister.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte sich Zerbst als 78-jähriger wieder im Rathaus und bis 1948 im Stadt bauamt als Fachmann zur Verfügung. 1960 ist er im Alter von 92 Jahren gestorben. Sein Ehrengrab befindet sich jetzt auf dem Waldfriedhof zu Blankenburg. Mehrmals verkauft, aber durch die Eigentümer vor bildlich restauriert, zeigt sich das Objekt würdig, hoch über der Stadt zu thronen. Bei der umfassenden Total sanierung 1994 erhielt das Haus sogar ein Türmchen im Obergeschoß, aus dessen Fenstern man romantisch den Sonnenaufgang über dem Großen Schloß erleben kann.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 207–210: „Mozartstraße 2“

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