Villen in Blankenburg · Knorrenbergstraße 2
Das Siemenshaus: Westpakete für die Weiße Villa – Knorrenbergstraße 2, Blankenburg
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Am steilen Berg mit ungewöhnlichem Namen wohnte nach Beendigung seiner militärischen Laufbahn Freiherr Oskar von Maltzan, Freiherr von Wartenberg und Penz lin (1850-1943). Er hatte das Haus bereits 1906 erwor ben.
Die Maltzans bilden ein geradezu riesig weit verzweig tes Adelsgeschlecht, deren Wurzeln urkundlich bis 1194 zurückgehen. Sie stellten Gutsbesitzer, Reichstagsab geordnete und vor allem illustre Militärs. Selbst heute dient noch ein hochrangiger Maltzan in den deutschen Streitkräften. Oskar von Maltzan war in seiner aktiven Zeit Kommandeur des 5. Garde-Regiments zu Fuß in Spandau und danach Kommandeur der 37. Infanterie-Brigade in Oldenburg. Er schied als Generalleutnant aus dem aktiven Dienst. Nach seiner Dienstzeit machte diese Einheit in anderem Zusammenhang von sich reden. Aus Teilen der 5. Garderegiments wurde im Januar 1919 das Freiwilligen-Bataillon »Maltzan« aufgestellt, das dann als Freikorps im Baltikum bei den Kämpfen gegen die Sowjets kämpfte. Gerufen wurden diese Truppen vom Generalbevollmächtigten des Deutschen Reiches für die besetzten baltischen Länder, dem Blankenburger August Winnig. In seinen Lebenserinnerungen schätzte er den Erfolg dieses Waffengangs als sehr hoch für das Reich ein, weil anderenfalls die Sowjets freie Bahn bis Berlin gehabt hätten. 1918 war das noch undenkbar. Komman deur der Truppe war Oskars Sohn Friedrich v. Maltzan. Maltzans Ehefrau Emma gehörte zum Blankenburger Handarbeitszirkel um die Herzogin und Kaisertochter Viktoria Luise. Die Eheleute Oskar und Emma fanden auf dem Blankenburger Waldfriedhof ihre letzte Ruhe stätte.
Neben dem vorerwähnten Sohn Friedrich hatte das Paar eine Tochter Charlotte, die den ältesten Siemens-En kel Hermann von Siemens heiratete. Hermann Werner von Siemens war nicht nur der Enkel des weltbekannten Begründers des Siemens-Konzerns Werner von Siemens, sondern gleichzeitig auch Enkel des Physikers Hermann von Helmholtz. Die Industriellenfamilie entstammte dem alten Goslarer Stadtgeschlecht Siemens, das 1384 erstmalig urkundlich erwähnt wurde. In Blankenburg wohnten zuvor bereits mit Ludewig Gottlieb Julius Sie mens (1816-1854) und Leopold Carl Friedrich Wilhelm Siemens (1822-1890) zwei Mitglieder der verzweigten Siemens-Familie.
Hermann von Siemens bekleidete mit Unterbrechungen von 1941 bis 1956 den Aufsichtsratsvorsitz des Welt konzerns. Sein Sohn Ruprecht von Siemens, der Urenkel des legendären Firmengründers, lebte in den Jahren vor dem Krieg zeitweilig bei seiner Großmutter in Blanken burg; insofern ist die Bezeichnung »Siemenshaus« nicht unberechtigt. Wegen der innerdeutschen Grenzziehung konnten sich Oma, Mutter und Enkel letztmalig 1948 sehen.
Kurios und doch sinnbildlich für die Folgen der deut schen Teilung: An der Villa mußten dringend Dach rinnen repariert werden. Weil es in der DDR ständig an Material mangelte, übernahm es die Tochter Charlotte, der Mutter paketweise Blechrollen zur Herstellung von Dachrinnen mit der Post von Westdeutschland aus zu schicken. Doch war in den Anfangsjahren der DDR nur ein »Westpaket« pro Monat erlaubt. Also gingen Pakete auch an vertrauenswürdige Freunde und Nachbarn, bis dem Postboten eines Tages die überaus erstaunliche An zahl der Pakete auffiel. Die weitere Erklärung lieferte der Dachklempnermeister: Darin bestand auch seine Bezah lung ...
Das »Siemenshaus« diente auch als Filmkulisse und war bei der ARD-Erfolgsserie »Alles Klara« zu sehen.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 163–168: „Knorrenbergstraße 2“

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