Villen in Blankenburg · Herzogstraße 16a
Das Storchenhaus und der gelbe Stern – Herzogstraße 16a, Blankenburg
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Unmittelbar zu Beginn der Schlacht von Jena und Auer stedt am 14. Oktober 1806 zerschmetterte dem preußi schen Feldmarschall und Schlachtenlenker, Herzog Karl Wilhelm Ferdinand von Braunschweig, eine von der Seite kommende Gewehrkugel beide Augen. Der Verlust des Oberkommandierenden trug wesentlich zur preußi schen Niederlage bei.
Auf einer Bahre getragen, mehr tot als lebendig, erreich te der beliebte Herzog am 20. Oktober Braunschweig. Dabei zog die Eskorte mit dem Schwerverletzten auch durch Blankenburg und nahm den Weg zum Großen Schloß. Die Fama will wissen, daß dies unter großer An teilnahme der Bevölkerung geschah.
An der nach diesem Ereignis »Herzogstraße« benannten Verkehrsader steht am unteren Ende ein ganz besonde res Haus. Schon aus der Ferne kündet eine Storchen skulptur auf dem Dachfirst von der ursprünglichen Zweckbestimmung. Die wird schnell klar, wenn man in Betracht zieht, daß der Storch die Kinder bringen soll, tatsächlich aber ein Arzt sie auf die Welt holt.
1905 im Jugendstil erbaut, kaufte schon zwei Jahre dar auf Dr. med. Hans Ewh das Objekt und betrieb dort auch eine gutgehende Praxis. Ursprünglich aus Saarbrücken stammend, übersiedelte er hierher mit Familie, zwei Dienstmädchen und einem Kutscher für den Landauer. Um 1908 war Ewh, der sich zum angesehenen und beliebten Arzt entwickelte, auch der erste Autobesit zer in der Stadt. Er wurde im ersten Weltkrieg Standort arzt, was ihn vor dem Dienst an der Front bewahrte, und auch herzoglicher Hofarzt. 1919 verstarb er an der auch in Blankenburg grassierenden Spanischen Grippe. Seiner Witwe wurde in der NS-Zeit ihr einst abgelegter jüdischer Glaube zum Verhängnis. 1938 drangen SA-Leute ins Haus ein, verwüsteten die Inneneinrichtung und bedrohten sie. Ab sofort mußte sie den Judenstern tragen und auf ihren Postsendungen hatte deutlich der Zusatzname »Sarah« zu stehen. Nachdem man sie auch auf der Straße niedergeschlagen hatte, verließ Frau Ewh das Haus nicht mehr. Es war am 10. Januar 1944, als zu später Stunde Männer der »Geheimen Staatspolizei« klingelten und sie verhafteten. Ihre Tochter durfte sie noch zum Bahnhof begleiten, wo sich die Tür des Vieh wagens, in dem sich schon viele Menschen drängten, für immer schloß. Zunächst nach Hannover, einen Tag später mit Transport römisch 8/3, Nr. 19 nach There sienstadt deportiert, starb Frau Ewh dort noch 1944.
»In dem Hause, wo ich wohnte, hatte ich den Klang und die Stimmung jeder Stufe einer alten hölzernen Treppe gelernt und zugleich den Takt, in welchem sie jeder meiner Freunde, der zu mir wollte, schlug.«
Georg Christoph Lichtenberg
Auf einer kleinen Plakette an der Vorderfront des Hauses hat sich ihr Bild erhalten. Der Ehemann ihrer Tochter ließ sich, weil seine Frau Vierteljüdin war, scheiden. Als Oberstfeldmeister beim Reichsarbeitsdienst hätte er mit einer nichtarischen Ehefrau dieses Amt nicht ausüben dürfen. Nach dem Krieg heiratete das Paar erneut. Als im Juni 1945 die Engländer den Kreis Blankenburg von den Amerikanern vertragsgemäß übernahmen, re sidierte der englische Kommandant des Military Gou vernement, 11. Detachments, das entspricht etwa einer Regionalverwaltung, in dieser Villa. Als Dolmetscherin fand Frl. Wirstorf, Tochter eines Blankenburger Notars, hier Anstellung. Unsere Stadt hat Frl. Wirstorf eine aus gezeichnete Stadtgeschichte zu verdanken.
Da die Engländer mit den Russen den östlichen Teil des Kreises Blankenburg gegen ein Gebiet bei Bad Sachsa 1945 austauschten, war die »britische« Herrschaftszeit in Blankenburg bereits am 23. Juli 1945 vorbei. Die Villa wurde bald kommunal verwaltet, Mieter zogen ein. Erst nach 1990 gelangte das Haus wieder in priva te Hände und wurde aufwendig saniert. Heute ist die einstige »Ehwsche Villa« oder auch das »Storchenhaus« innen wie außen eine der schönsten Villen der Stadt.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 63–70: „Herzogstraße 16a“

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