Villen in Blankenburg · Heidelberg 4
Der Erbauer der Talsperren – Heidelberg 4, Blankenburg
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Das Haus wurde noch vor 1888 von Herrn Neuhusen erbaut, der um diese Zeit als Rentier die untere Etage be wohnte. Ein Stockwerk höher verbrachte Oberst Tellen bach seinen Lebensabend. Ab 1888 besaß der jüdische Bankier und Stadtrat Emil Glaser diese Immobilie. Er trat vielfältig gesellschaftlich in Erscheinung, wozu er als Bankier und Eigner des gleichnamigen Bankhauses in der Langen Straße 1 und Landtagsabgeordneter seit 1912 reichlich Gelegenheit hatte. Es überrascht nicht, daß er als Banker den Stadt- und Landesfinanzen besondere Aufmerksamkeit schenkte. Seine wohl wichtigste Tat für Blankenburg war in den 1890er Jahren das Zustan dekommen einer Millionenanleihe für Blankenburg zu günstigen Zinsen. Die damals unter einer ungeheuren Schuldenlast leidenden Stadtfinanzen konnten so schnell in Ordnung gebracht werden. Das stützte auch den Bür germeister Zerbst, der durch geordnete Finanzverhält nisse großen Gestaltungsspielraum erlangte. Ein reiches und blühendes »Pensionopolis« entwickelte sich. Der 1840 geborene Glaser lebte bis 1929. Von ihm stammt das Bonmot: »Seit 1873 setzte die Entwicklung Blanken burgs als Klein Wiesbaden ein.«
Wiesbaden galt zu dieser Zeit immerhin als ältester und mondänster Kurort im Reich. Ebenfalls auf Glaser geht der Benennungsvorschlag »Wilhelm Burchardt Stollen« nach dem Namen des Taufpaten für den Hüttenstollen der Harzer Werke 1920 zurück; er hielt auch die Festrede zur Anschlagfeier des Stollens am 28. März 1920. Als um 1952 der Ingenieur Weißbach hier einzog, war das bereits 65 Jahre her. Aber mit Christian Weißbach begann eine neue Geschichte in den Gemäuern der Villa. Der prominente Bewohner war gebürtiger Erzgebirger; Weißbach ist im dortigen Gebirge ein klingender Be griff. Die Bergakademie Freiberg kennt zwei Professoren des Namens, übrigens Vater und Sohn, darüber hinaus trägt eine Fachschule in Freiberg diesen verdienstvollen Namen.
Christian Weißbach, der neue Mieter im Heidelberg 4, wurde 1906 in dem zwischen Zwickau und Chemnitz gelegen Heinrichsort geboren. Nach Studium an der TH Dresden folgten die zweite Staatsprüfung, Eintritt in die NSDAP und der Wehrdienst. Nach dem Krieg war Weißbach zunächst am Bau der Talsperren in Sosa und Cranzahl beteiligt. Diese Erfahrungen brachten ihm beim Bodewerk im Harz rasch die Position eines Ober bauleiters ein. Ab 1952 lebte und projektierte er nun in Blankenburg, sofern er nicht auf einer der vielen Bau stellen des Bodewerkes – heute ist allerdings der Name »Rappbodetalsperrensystem« gebräuchlicher – anzu treffen war. Morgens fuhr stets eine dunkle »Wolga«- Limousine vor und brachte den Oberbauleiter in sein Büro in der Rohdenbergstraße.
Begonnen hatte der Riesenbau der Talsperre noch ohne ihn. Dann aber entwickelte er sich zur untrennbar mit dem Projekt verbundenen Leitfigur. 106 Meter hoch und 415 Meter lang, wurde das Bauwerk 1959 fertiggestellt. Der Staat ehrte ihn im selben Jahr zusammen mit Pro jektierer Kurt Münster, dem ersten Bauleiter Erhard Lehmann, seinem Stellvertreter Werner Grahl, Wilhelm Wölfel, Florentin Seifert und Ernst Fessel mit dem Nationalpreis der DDR, der zwar kein Orden, aber doch eine der höchsten Auszeichnungen war, die dieser Staat zu vergeben hatte.
1962 folgte Weißbach, inzwischen Professor, dem Ruf an die Hochschule für Bauwesen Leipzig. Doch auf der Fahrt zur Antrittsvorlesung verstarb er an Herzversa gen im Auto auf der Autobahn. Sein liebevoll gepflegter Grabstein auf dem Blankenburger Friedhof kündet noch heute stolz: Dr. Ing. Christian Weißbach, Nationalpreis träger, Erbauer der Talsperren.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 33–36: „Heidelberg 4“

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