Villen in Blankenburg · Grefestraße 13/14
Stadtkultur und ein Seeheld um die Ecke – Grefestraße 13/14, Blankenburg
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Ursprünglich als Eckwohnhaus von Konditoreibesitzer Friedrich Bestehorn konzipiert und bis nach 1945 auch so benannt, wurde das Haus zur Jahrhundertwende um 1900 zum Hotel umgebaut. Durch großzügige Investi tionen wie beispielsweise in einen großen Saal oder eine Kaffeeterasse avancierte es zu einer der vornehmsten Adressen der Stadt.
Seinerzeit reichte der Wald, sehr aufgelockert zwar, noch bis an die nach dem Ziegeleibesitzer Grefe benannte Straße. Das Areal wurde insgesamt von der Stadt sehr großzügig geplant. Heute noch erkennbar ist eine un gewöhnlich große, geradezu riesige Kreuzung zwischen dem Kaiser Wilhelm Spital, ab 1948 Poliklinik, und dem Hotel. Mehrere solcher großzügigen Kreuzungen oder Einmündungen sind, wenngleich nicht in diesem Aus maß, in der Nachbarschaft zu erkennen, so die namenlo se Einmündung in die Wilhelmstraße, Richtung Luisen straße oder die großräumige Einmündung Grefestraße und Michaelsteinerstraße. Obwohl der Autoverkehr noch sehr verhalten war, diese Verkehrsräume als Fahrbahnen also keinesfalls ausgelastet waren, zeigt die Bauweise deutlich den damals großzügigen Gestaltungswillen der Stadtväter. Raus aus der Enge der Altstadt, hieß die Devise.
Das Haus liegt an der Schnittstelle zwischen dem Villen gebiet an den Harzbergen mit großartigen Solitärvillen und den später gebauten Stadthäusern in den Straßenzü gen Grefestraße sowie Kreuz- und Michaelsteinerstraße. Nach der kriegsbedingten Verwendung als Reserve lazarett übernahm 1949 der Großbetrieb »VEB Harzer Werke« das Objekt und wandelte es zum betriebseigenen Kultur- und Klubhaus um. Hier sollten sich die Werktä tigen nach harter Arbeit wohlfühlen. Ein Brigadezimmer für Versammlungen, eine Speisegastätte auch zur Ver sorgung des angrenzenden Wohngebietes und Arbeitsge meinschaften vielfältigster Art boten Abwechslung. Es gab da eine Schrammelgruppe, eine Volkstanzgruppe, einen FDJ-Chor, Mandolinenorchester, Blaskapelle und Fanfarenzug sowie einen dramatischen Zirkel. Der Saal wurde als einer der wenigen mit großem Platzangebot ständig nachgefragt. Diskothek und Kampfgruppeneh rung, Jugendweihe oder Tanzstunde, Rockkonzert und Erste Mai-Feier wechselten sich ab.
Nach 1990 bekam die Eigentümerfamilie Angerstein das Haus zurück, behob den Sanierungsstau, um dann weiter zu vermieten. Wechselnde Gastwirte versuchten ihr Glück, mußten jedoch dem stark reduzierten Kulturan gebot und dem mehr aufs Private hin veränderten Frei zeitverhalten der Einheimischen Tribut zollen. – Aber auch heute gibt es eine Gastwirtschaft im Haus, die den schwierigen Bedingungen mit gutem Angebot trotzt. In unmittelbarer Nähe, praktisch einmal um die Ecke, finden wir das Wohnhaus eines weltweit bekannten Blankenburger Einwohners und Ehrenbürgers der Stadt Emden: Karl von Müller-Emden. Karl ergriff die Marine laufbahn, sie soll zeittypisch und mustergültig verlaufen sein. Seine herausragende Stellung in der Geschichte rührt aus dem ehrenvoll und ritterlich geführten Kaper krieg im Indischen Ozean, die ihm den Beinamen »Pirat des Kaisers« einbrachte. Als Kommandant des kleinen Kreuzers »Emden« seit Frühjahr 1913 erlangte er wegen seiner unerwartet humanen Kriegsführung Ruhm und Ehre bei Freund und Feind.
Es waren tatsächlich die Kriegsgegner, die von Müller den Titel: »Gentleman of the War« verliehen. Und das, obwohl durch die Emden in zwei Monaten 16 britische Handelsschiffe versenkt und weitere sieben Schiffe aufgebracht wurden.
Am Ende wurde die Emden vom australischen Kreuzer »Sydney« überrascht, kampfunfähig geschossen und auf den Strand gesetzt. Karl von Müller geriet in Gefangen schaft. In diese Zeit fällt am 19. März auch die Verlei hung des Ordens Pour le Merite. Der Kaiser kabelte per Telegramm nach Holland: »Sie haben den Namen Ihres Schiffes für alle Zeiten zu hohen Ehren gebracht …Gro ßes Hauptquartier, den 18. März 1918 gez. Wilhelm I.R.« KvM begründete eine illustre Reihe weiterer Marinehel den, so Graf Luckner und im zweiten Weltkrieg Kapitän Bernhardt Rogge mit seinem Schiff »16«. Rogge brachte es übrigens bis zum Konteradmiral der Bundesmarine und leistete zusammen mit dem späteren Bundeskanzler Helmut Schmidt Außerordentliches bei der Bewältigung der Sturmkatastrophe 1962 in Hamburg.
Nach Kriegsgefangenschaft und Ausscheiden aus der Marine zog sich Karl von Müller wieder nach Blanken burg zurück. 1920, in der Weimarer Republik, wurde der »Emden«-Besatzung eine fast sensationelle Ehrung zuteil. Allen Überlebenden wurde der erbliche Namens zusatz »Emden« gestattet. Noch heute existiert die »Emden«-Familie und trifft sich gelegentlich.
Unerwartet starb KvM im Alter von 50 Jahren. Durch die Regierung des Freistaates Braunschweig unter Heinrich Jasper wurde ihm auf dem Friedhof Blankenburgs ein Staatsbegräbnis zuteil. Sein Grab befindet sich noch heute dort und wird unter anderem von der Bordgemein schaft der Emdenfahrer und der Bundesmarine gepflegt. 2020 wurde eine Neubaukorvette als »Emden 6« auf Kiel gelegt. Daß es nach dem legendären leichten Kreu zer »Emden« immer wieder deutsche Marine-Schiffe mit Namen »Emden« gegeben hat und gibt, ist auch als star kes Zeichen und Referenz an die respektvolle Behand lung seiner Kriegsgegner durch Karl von Müller-Emden zu werten.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 97–100: „Grefestraße 13/14“

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