Villen in Blankenburg · Gnauck-Kühne Straße 10
Gauleitersuizid und ein großer Streik – Gnauck-Kühne Straße 10, Blankenburg
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Der Bauunternehmer Carl Felsche erbaute diese schö ne Villa nach 1908 einzig zu dem Zweck der schnellen Weiterveräußerung. Ein bemerkenswertes Buntglasfens ter im Treppenhaus, das Einflüsse des Jugendstils nicht verleugnen kann, weist auf das nachbarliche Grundstück Welfenstraße 3.
Hier lugt also ein weiteres Haus des Dr. med. Otto Müller hervor, eigens erbaut, um seine guten Gewinne anzulegen. Müller wird als Begründer des Kurwesens von Blankenburg angesehen, erkannte er doch als erster die heilklimatisch günstige Lage der Stadt und begann damit, Kuren anzubieten. 1888 ist in dem Haus Welfen straße 3 ein Leo Eggeling, »preußischer Lieutnant a.D. und Oeconom« als Mieter nachweisbar. Lieutnant Egge ling ist der Vater des 1884 hier geborenen Joachim Albrecht Leo Eggeling, der im Dritten Reich einige Be kanntheit erreichen sollte. Im ersten Weltkrieg avancier te er bis zum Hauptmann. Dekoriert mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse in die Heimat entlassen, trat er 1925 der NSDAP bei, machte Karriere und wurde 1935 stellvertretender Gauleiter vom Gau Magdeburg-Anhalt. Doch es sollte für Eggeling noch weiter auf wärts gehen. 1936 folgte der Eintritt in die SS im Rang eines Brigadeführers, 1937 wurde er dann von Hitler als Gauleiter von Halle-Merseburg ernannt, 1942 Reichs verteidigungskommissar. Als im April 1945 die Gau hauptstadt Halle unmittelbares Kampfgebiet zu werden drohte, wollte er die Stadt durch kampflose Übergabe retten. Eigenmächtige Übergabe an den Feind schied bei einem Mann wie Eggeling natürlich aus, er versuchte von seinem Vorgesetzten die Genehmigung zur fried lichen Übergabe einzuholen. Also fuhr er am 12. April in das brennende Berlin und suchte Reichsleiter Martin Bormann, gebürtig aus Wegeleben unweit Halberstadt auf. Doch während des Gespräches, in dessen Verlauf auch Hitler persönlich erschien, wurde ihm unmißver ständlich der Führerbefehl vor Augen gehalten. Danach war jede Stadt wie eine Festung unter Androhung der Todesstrafe zu verteidigen! Bormann ließ es sich nicht nehmen, das aktuelle Beispiel des Kampfkommandan ten von Königsberg auszuschlachten. Dort hatte General Lasch am 9. April kapituliert und wurde daraufhin in Abwesenheit zum Tod durch den Strang verurteilt. Hitler ereiferte sich ungemein über diesen »feigen« General: »... und so einem Verbrecher habe ich das Eichenlaub verliehen!« Dann beruhigte er sich etwas, so daß Egge ling die Frage nach den angekündigten Wunderwaffen stellen konnte. »Wunderwaffen? Die kommen nicht mehr zum Einsatz!« Für Eggeling, der immer fanatisch an den Führer geglaubt hatte, brach eine Welt zusam men. Als resignierter und gebrochener Mann nahm er sich am 15. April auf der Moritzburg in Halle durch Gift das Leben. Am 17. April zog die US-Army fast kampflos in Halle ein.
Zum Kriegsende wohnte August Winnig, ein alter Blan kenburger Kämpfer für Gerechtigkeit und 12. Kind des hiesigen Totengräbers, nebenher auch einer der ersten Gewerkschafter von Blankenburg, in der Welfenstraße 3. Sein altes Mütterlein verbrachte ihre letzten Lebens jahre prekär in der Zimmerstraße 4; dorthin mochte der ehemaliger Staatspolitiker indessen auch in Stunden höchster Not nicht mehr zurückkehren. Zusammen mit dem damals noch unbekannten Tischlergesellen Wil helm Pieck, erster und einziger Staatspräsident der DDR, engagierte sich Winnig in seiner Jugend sehr für das noch junge Pflänzchen der Gewerkschaft. Pieck mußte bald wegen eines Techtelmechtels mit einem Pensions fräulein, Tochter aus gutem Hause, überstürzt abreisen; Winnig blieb.
Der große Maurerstreik in Blankenburg von 1898 betraf die allerorten anzutreffenden Villenbaustellen. August Winnig war vorn mit dabei. Er wurde sogar dafür inhaf tiert. Dieser Streik führte in seiner Folge dann zu einem vorübergehenden Einbruch im Blankenburger Bauge werbe, denn die Ziegeleien hatten wegen des fehlenden Absatzes während des Streiks Personal entlassen. Winnig trat der SPD bei und engagierte sich weiter. Das fiel den Genossen auf, der junge Mann machte Karriere. Von 1919 bis 1921 war er sogar Ministerpräsident von Ostpreußen, äußerte alsbald jedoch national gesinnte Ansichten und begrüßte gar den Kapp-Putsch. Die Ge nossen verloren das Vertrauen in ihn und er bald dar auf seinen Posten. Fortan lebte er als Schriftsteller und kehrte erst zum Kriegsende in die vermeintlich sichere Geburtsstadt Blankenburg zurück.
Vom Balkon mußte er das brennende Halberstadt am 8. April 1945 mitansehen. Ein endloser Strom von silbrig glänzenden Bombern, Welle auf Welle den Eichenberg überfliegend, ließ zunächst einen Großangriff auf die Blütenstadt ahnen. Doch es galt Halberstadt! Bald schon wehte schwarzer Brandgeruch herüber ... Winnig flüch tete im Troß des Herzogs nach Westen. Er starb 1956, wurde in Goslar beerdigt und vierzig Jahre später in die Heimaterde von Blankenburg umgebettet. Eine Straße ist heute nach ihm benannt.
»Die Vaterstadt, wie find ich sie doch? Folgend den Bomberschwärmen komm ich nach Haus.«
Bertolt Brecht
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 187–190: „Gnauck-Kühne Straße 10“

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