Villen in Blankenburg · Wilhelm-Raabe-Straße 1
Mut im Amt und weibliche Avantgarde: Geschichte eines Stadthauses – Wilhelm-Raabe-Straße 1, Blankenburg
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Ein wahres Kaleidoskop von 100 Jahren Stadtgeschichte bietet das repräsentative Stadthaus Wilhelm-Raabe-Straße 1. Errichtet an der Gartenhöhe als eines der ersten Häuser dort, zeigte es städtebaulich das Ausweichen einiger Bauherren auf schönes, gleichzeitig aber auch preiswerteres Bauland westlich des Stadtkerns an. War bis ungefähr 1880 die Gartenhöhe vorwiegend mit namensgebenden Gärten bestückt, so begann westlich der Michaelsteiner Chaussee im Mönchenfelde bereits die Feldmark. In dieser reizvollen Stadtrandlage bot sich ein neues Villenquartier förmlich an. Die verkehrliche Erschließung war erstens über die bereits erwähnte Michaelsteiner Chaussee, die auf gesamter Länge beidseitig mit Birnenbäumen bestückt war, sowie zweitens über Kloster- und Grefestraße gegeben. Kleinere Verbindungsstraßen werden wohl aus Gartenwegen hervorgegangen sein; die Wilhelm-Raabe-Straße gehört in diese Kategorie. Als Bauherr begegnet uns der 1874 geborene Pfarrer der Luthergemeinde Wilhelm Kiel, der durch Hauserwerb sein Geld gewinnbringend anlegen wollte. Schon Wilhelm Busch bemerkte treffend: „Ja, selig ist der gute Christ, wenn er nur gut bei Kasse ist.“ Den Vermietungen nach dürfte der gute Mann recht selig gewesen sein. Eine gutbürgerliche Mieterschaft war jahrzehntelang kennzeichnend für das Haus, wobei es wie so oft innerhalb der Häuser ein soziales Gefälle gab. Je höher gelegen die Wohnung, desto geringer das soziale Prestige. Ergo wohnte Kiel unten, im ersten Obergeschoß der Lehrer Ritzau und im zweiten Obergeschoß die Aufwartefrau Dambock.
Pfarrer Kiel wurde 1927 nach Wolfenbüttel versetzt. Die Pfarrstelle wurde mit Heinrich Lachmund neu besetzt. Zum Dienstantritt bezog dieser mit seiner Familie Kiels geräumige Wohnung im Erdgeschoß. Mit den anderen evangelischen Pfarrern der Stadt, Palmer und Kellner, verband ihn eine harmonische Zusammenarbeit. Dies änderte sich 1933 im Zusammenhang mit den politischen Umwälzungen dieses Jahres. Die Braunschweigische Landeskirche, insbesondere in Blankenburg, geriet in sehr schweres Fahrwasser. Ein Richtungskampf der evangelischen Christen unter dem Namen „Kirchenkampf“ entbrannte hier in aller Schärfe und Pfarrer Lachmund entwickelte sich dabei zu einer herausragenden Persönlichkeit in der Verteidigung des wahren evangelischen Glaubens. Die Auseinandersetzungen gipfelten mit der Absetzung Palmers und Lachmunds im Jahr 1934 durch Bischof Beye. Der war frisch ins Amt gekommen und galt mit 30 Jahren als jüngster Bischof der Welt. Seine stramm nationalsozialistische Einstellung ließ ihn sogar Gottesdienste in SA-Uniform zelebrieren. Lachmund war mittlerweile Bruder im Pfarrernotbund, schon um sich klar gegen die Deutschen Christen abzugrenzen, die in Blankenburg von Kellner angeführt wurden. Der Pfarrernotbund war aus Protest gegen die bekenntniswidrige und brutale Machtpolitik der deutsch-christlichen Kirchenleitungen entstanden, die mit Hilfe der NSDAP und des Staates ans Ruder gekommen waren. So hatte es immer wieder gegolten, Einspruch zu erheben gegen Gesetze oder Maßnahmen, die eindeutig dem Bekenntnis und der Bibel widersprachen – beispielsweise dem Arierparagraphen –, und Eingriffe in das Rechtsleben der Kirche abzuwehren, gegen Willkürmaßnahmen in Personalfällen und dergleichen mehr. Eifrig warb dagegen Kellner vor allem in der Gemeinde St. Bartholomäus nicht ohne Erfolg um Anhänger im Sinne des Dritten Reiches. Das Blankenburger Kreisblatt berichtete am 15. Mai 1934 von einer Werbeveranstaltung der Deutschen Christen. Sie seien „aus der leidenschaftlichen Liebe für Volk und Vaterland entstanden“, die Kirche hingegen habe es in der Vergangenheit versäumt, sich gegen die Kriegsschuldlüge und den Marxismus zu wenden. Die Glaubensbewegung habe das „Interesse des Führers“ gefunden. Das Schlüsselwort zum Verständnis der Deutschen Christen war das Wörtchen „Ineinander“. Hakenkreuz und Christenkreuz seien identisch, ineinander verwoben. In Adolf Hitler sei Christus erschienen, hieß es euphorisch. Der 30. Januar wäre ein Tag der Offenbarung der Geschichte Gottes mit dem deutschen Volk. Die neue Kirche solle wie der Staat judenfrei sein. Totale Kirche im totalen Staat, lautet die Devise. Das konnte und wollte Lachmund nicht mittragen.
Postwendend begannen Repressionen. Gegen Lachmunds Entfernung aus dem Amt liefen über fünfzig Protesttelegramme beim Landeskirchenamt ein, darüber hinaus hatte sich der Notbund dreimal gegen den Landesbischof ausgesprochen. Das war in dieser Dichte ein beispielloser Vorgang, tapfer und voller Risiko für die betreffenden Pfarrer und ihre Familien. Der Pfarrernotbund war wahrscheinlich die dauerhafteste innerkirchliche Oppositionsgruppe. Trotzdem dominierten zahlenmäßig in Blankenburg die Deutschen Christen. Insbesondere zu Beginn des Krieges steigerten sich einige dieser Pastoren in ungezügelter Begeisterung für den „Führer“, wie nachstehende Eintragung in die Kirchenchronik eines braunschweigischen Harzdorfes von Mitte 1940 belegt:
„In blitzartigem Vormarsch durchstießen unsere Truppen die Maginotlinie bis weit nach Nordfrankreich hinein. Am 5. Juni war die große Schlacht in Flandern beendigt, unsere Truppen bis zum Kanal vorgedrungen. Am 10. Juni kapitulierte Narvik und Norwegen. Am 11. Juni trat Italien in den Krieg ein. Am 14. Juni marschierten unsere Truppen in Paris ein. Am 17. Juni legte Frankreich die Waffen nieder. Am 23. Juni wurde Straßburg wieder deutsch und am 24. Juni wurde der Waffenstillstand mit Frankreich unterzeichnet. Im Rundfunk erschallte der Choral „Nun danket alle Gott mit Herzen, Mund und Händen“ und der Führer sprach zum deutschen Volk: „In Demut danken wir dem Herrgott für seinen Segen.“ Im ganzen Reich läuteten die Glocken sieben Tage lang und überall wurden Dankgottesdienste abgehalten, wohl auch in Zorge und Hüttenrode und Wieda und den anderen Dörfern und auch in der Garnisonstadt Blankenburg. Wann haben je wieder eine ganze Woche hindurch mittags die Glocken geläutet?“
Die ganze Geschichte dieses Hauses steht im Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“. Zum Buch
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 33–36: „Wilhelm-Raabe-Straße 1“

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