Villen in Blankenburg · Westerhäuser Straße 19
Buschtomate Rotkäppchen aus der Blütenstadt Blankenburg – Westerhäuser Straße 19, Blankenburg
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Luis Mewes muß zu den schillerndsten Unternehmerpersönlichkeiten Blankenburgs gerechnet werden. Geboren 1853 in Arendsee nutzte er eine Erbschaft, kaufte in Blankenburg 1888 ein Textilgeschäft und ließ sich hier nieder. Seine Leidenschaft für Züchtungsforschung teilte er mit dem ebenfalls hier schon alteingesessenem Kaufmann, Samenzüchter und Banker Conrad Trumpff, der ebenfalls getrost zu den großen Blankenburgern Unternehmern gerechnet werden darf.
Professor Eduard Damköhler, Studienrat für Deutsch am hiesigen Gymnasium und gebürtiger Cattenstedter, bemerkte einst:
„Gerade für viele Cattenstedter Einwohner war die weltbekannte (!) Trumpffsche Samenhandlung in Blankenburg eine gute Einnahmequelle. Sie gewährte zwar nicht das ganze Jahr hindurch Beschäftigung, aber das Sammeln der verschiedenartigen Sämereien ist sehr lohnend, nicht selten hat eine einzelne Person 4 bis 5 Mark an einem Tage verdient. Und selbst im Winter, wenn die Arbeit knapp ist, holen junge Männer und Frauen aus den Kiefernwäldern zwischen Blankenburg und Halberstadt die Kiefernzapfen und verdienen dabei selten unter 1,50 Mark, Männer bis zu 3 Mark. Es ist allerdings mühselige und für die Männer auch gefahrvolle Arbeit, wenn sie sich von Baum zu Baum schwingen, um sich das zeitraubende und anstrengende Erklettern jedes einzelnen Baumes zu ersparen.“
Von Trumpff mietete Mewes Verkaufsfläche in der Langen Straße 4 für sein neueröffnetes Ladengeschäft. Dies war möglich geworden, weil Trumpff ein größeres Anwesen in Bahnhofsnähe erworben hatte und sein Geschäft dorthin verlegte.
Trumpffs Samengroßhandlung entwickelte sich nun immer rasanter, schon 1901 war die Einstellung des Obergärtners Kogge erforderlich. Auch eine Baumschule betrieb er; eine von vielen in Blankenburg. Es war die Zeit, als zehntausende blühende Apfel-und Kirschbäumchen der Stadt zu ihrem Ehrennamen „Blütenstadt“ verhalfen. An seinem Grundstück Alte Halberstädter Straße 2a hatte Bankier und Züchter Conrad Trumpff sogar einen Gleisanschluß und so lag es nahe, das Trumpff sein Imperium um einen Kohlenhandel erweiterte. Auch sein Züchtungsunternehmen erfreute sich eines makellosen Rufes.
Viele später bekannte Fachleute lernten hier, besonders hervorzuheben wäre Dr. Johannes Reinhold, ab 1937 Direktor der Versuchs- und Forschungsanstalt für Gartenbau Berlin-Dahlem, später in gleicher Stellung in Pillnitz. Reinhold war von 1916 an als Gehilfe bei den Trumpffschen Baumschulen Blankenburg beschäftigt. Als der letzte männliche Trumpff in Blankenburg starb, offenbarte sich überraschend eine finanziell prekäre Lage; der Konkurs 1910 war unausweichlich. Unter Fortführung des bekannten Firmennamens führte Erich Pfeil, ein Züchterfreund aus Rathenow, das Unternehmen weiter. Pfeil hatte eine schon 1892 nachweisbare Forst(zucht) anstalt in Rathenow.
Er verkaufte Anfang der zwanziger Jahre an Mewes. Schon lange im Züchtungsgeschäft tätig, schien dessen Textilladen nur noch zur Erwirtschaftung barer Mittel zugunsten seiner Samengroßhandlung betrieben worden zu sein.
Mewes besaß da schon Meriten; hatte er doch zuvor eine selbstgezüchtete Tomatensorte unter dem schönen Namen „Rotkäppchen“ auf den Markt gebracht, die heute zum Teil unter der falschen Bewerbung einer vorgeblichen „alten DDR-Sorte“ angepriesen wird. Seine Neuzüchtung wurde erstmals 1920 in der Gartenzeitschrift „Gartenwelt“ erwähnt. Ihr eigentlicher Züchter war vermutlich der bei Mewes angestellte Gärtner Georg Bornemann aus Blankenburg. Einige Jahre später hielt sie Einzug in den Sortenkatalog der Quedlinburger Firma Dippe. „Seine“, Bornemanns Tomaten werden gerade einmal 80 cm hoch und sind ideal für den Balkon geeignet. Sie sind recht robust und wenig krankheitsanfällig. Die Früchte haben ein fruchtiges Aroma.
Mewes Familie mußte mehrfach Schicksalsschläge hinnehmen, doch Luis machte stets optimistisch weiter. Sein Wahlspruch prangte auf allen Geschäftspapieren: „Rast ich, rost ich!“ Dazu zeigte sich eine Biene, wie allgemein bekannt, ein Symbol des Fleißes. Im Jahr 1952 hätte die Saatzuchtfirma auf 100 Jahre erfolgreicher Firmengeschichte zurückblicken können, doch brachte das Jahr 1945 leider infolge der Enteignung durch die Russen den Todesstoß.
Zu Ehren seiner verstorbenen Tochter errichtete Luis Mewes die noch heute genutzte „Martha-Kapelle“ auf dem Waldfriedhof. Eine Familiengrabanlage kündet ebenfalls noch heute von seinem Namen. Die Samengroßhandlung zog in die Westerhäuser Straße 35 ein. Auf diesem Geschäftsgrundstück befand sich eine 1726 erstmals erwähnte Ölmühle, angetrieben vom Mühlenbach. Mewes nutzte sie als Säge- und Schrotmühle sowie zur Reinigung und Sortierung seines Saatgutes. Heute steht hier das Einkaufsgebäude eines Lebensmitteldiscounters.
Luis Mewes erwarb als Alterssitz die Villa Westerhäuser Straße 19.
Das schöne Haus mit vielen Jugendstilelementen wurde ursprünglich vom Stadtkämmerer Bindseil 1905 errichtet. Der charakteristische Anbau stammt allerdings von Mewes um 1930. Das Haus kam 1998 in „gute Hände“, denn eine wahrhaft umfassende, zehn Jahre währende Erneuerung wurde mit erheblichem Aufwand betrieben. Nicht nur die Optik innen wie außen, vielmehr eine perfekte Funktionalität bis in kleinste Details zeichnen heute dieses Haus, das 2018 sogar einen Gartenpreis erhielt, aus. Der aufmerksame Betrachter erkennt mehrfach angebrachte Zeichen der rührigen heutigen Eigentümerfamilie, von deren Elan viel mehr hier gebraucht würde.
1934 wurde Mewes zu Ehren – zu Lebzeiten ist das eine seltene Ehrung – die Westerhäuser Straße in Mewes-Straße umbenannt, was in der Zeit des Sozialismus rückgängig gemacht und gegen Otto-Nuschke-Straße ausgetauscht wurde. Die allfällige Umbennung wiederum nach der politischen Wende 1990 führte erneut zur Westerhäuser Straße, man mochte sich, wie‘s scheint, an bedeutende Blankenburger nicht erinnert fühlen. Anscheinend kommt es bei Ehrungen nicht nur auf den zu Ehrenden an, vielmehr kann auch ein nicht genehmer Ehrungsanreger die Ehrung verderben.
Nach Luis Mewes‘ Tod 1941 führte Sohn Franz das Geschäft weiter, bis zur vorerwähnten Enteignung. Erst gehörte das enteignete Vermögen zur „Deutschen Saatzuchtgesellschaft“, um dann 1952 dem „VEG Saatzucht Baumschulen Dresden-Betriebsteil Blankenburg“ zugeschlagen zu werden. 1975 wurde daraus der „VEB Baumschulen und Landschaftsgestaltung Gernrode“. Nach 1990 zunächst Treuhandeigentum, erwarb eine Blankenburger Garten- und Landschaftsbaufirma das Unternehmen. So wurde das Mewes‘sche Erbe in Blankenburg von Blankenburgern weitergeführt.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 131–140: „Westerhäuser Straße 19“

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