Villen in Blankenburg · Silberborn 3
Das Navi lügt!: Ein Haus fürs Harzer Eisenland – Silberborn 3, Blankenburg
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Als Eigentümer und Bauherr vom Grundstück Silberbornstraße 3 weisen vergilbte Akten aus dem Jahre 1900 den preußischen Major a.D. und Baron Carl Gottfried von Bistram aus. Das Geschlecht derer von Bistram ist uralter baltischer Adel. So war beispielsweise der Großvater des Bauherren noch Burgrichter auf Upita – heute in Litauen gelegen. Vorfahr Nikolai von Bistram war Patenkind von Zar Nikolaus II.
Doch der nach Blankenburg umgesiedelte Baron Carl Gottfried von Bistram wollte langfristig hierbleiben und klotzte daher richtig. Eine der größeren Villen des mit diesem Häusertyp reichlich gesegneten Blankenburgs entstand hier. Nicht nur ihre großzügige Architektur, sondern auch die hochgelegene Lage trägt zu dieser Feststellung bei. Freilich erkaufte sich der Baron von Bistram diesen Vorteil mit dem Nachteil einer schwierigen Straßenanbindung. Die Steigungsverhältnisse des euphemistisch „Straße“ genannten Weges sind zumindest in dessen obersten Teilstück auch mit einem Höchstmaß guten Willens nicht als STVO-tauglich zu bezeichnen. Heutige Bewohner sahen sich gezwungen, für den gelegentlich hierher verirrten Autofahrer ein Hinweisschild aufzustellen: „Ihr Navi lügt!“ Bis zur Hausnummer 4 können tollkühne Autofahrer eventuell noch den Berg bezwingen, danach braucht‘s wegen der extremen Steigung ein Raupenfahrwerk. Wieso vor wenigen Jahren das optisch am Ende dieser Straße gelegene Grundstück des ehemaligen „Haus Silberborns“ dieser Straße zugeschlagen wurde und nicht mehr wie seit hundert Jahren an der Rübeländer Straße liegt, ist ein behördlicher Schildbürgerstreich der Sonderklasse.
Unklar ist, wieso Carl Gottfried Baron von Bistram Blankenburg als Wohnort erwählte; möglicherweise waren Empfehlungen ehemaliger Kameraden aus Militärdienstzeiten ausschlaggebend. Das Grundstück ist riesig und erfordert einen beträchtlichen Pflegeaufwand; allein die Pflege des Gartens dürfte Unsummen verschlungen haben. Heute wäre die Parzellierung der Gartenfläche mit anschließender Errichtung kleiner Häuschen naheliegend, doch bislang kam es erfreulicherweise noch nicht dazu.
Bistram engagierte sich in der Zeit des ersten Weltkrieges stark bei der Kolonne des Blankenburger Roten Kreuzes. So spendete er 1915 einen umgebauten Möbelwagen, der als Lazarettwagen 15 Tragen für Schwerverwundete enthielt und zum schnellen Transport vom Bahnhof zu den Lazaretten dienen sollte. Im November kam denn auch zum ersten Mal der Lazarett-Sonder-Zug namens „Herzogin Viktoria Luise“ hier an. Im selben Jahr wurde in der Lokalpresse das ungewöhnliche, 25-jährige Dienstjubiläum des von Bistramschen Hausmädchens gemeldet – für Marie Arndt eine hohe Ehre. Als der Erbauer 1922 das Zeitliche segnete und sein Sohn Walter Carl erst 16 Jahre alt war, nahm Carl Gottfrieds Schwester die Verwaltung des großen Hauses selbst in ihre Hände. Amalie Elisabeth von Bistram stand als unverheiratete Frau die Anrede „Baronesse“ zu. Um das Haus auch finanziell halten zu können, wurde ein Kinderheim mit dem schönen Namen „Sonnenland“ eingerichtet und die Baronesse wurde gleich dessen Vorsteherin. Bis etwa 1930 ist das Kinderheim nachweisbar. Durch zurückgehende Kinderzahl unwirtschaftlich geworden, war die Familie dann froh, einen wirklich potenten Mieter für die untere Etage gefunden zu haben. Eine Aktiengesellschaft suchte und fand hier eine akzeptable Repräsentanz für ihre neue Direktion in Blankenburg. Ab 1933 war eine „Bergbau AG Lothringen, Abteilung Erzbergbau“ unter Direktor Schornstein als Mieter eingezogen. Dem Direktor wird das Haus geschmeichelt haben, hatte doch Lothringen auch bedeutend schlechtere Häuser im Blankenburger Portfolio. Hier oben allerdings residierte man in einer imposanten Villa, die auf vielen Fotos des Villengebietes Westend/Eichenberg das Bild dominiert. Eigens für „Lothringen“ wurde ein Erweiterungsbau an der Westseite des Hauses vorgenommen. Der Konzern wurde da gerade vom umtriebigen Vorstandsvorsitzenden August Rosterg neu ausgerichtet. Nicht mehr selbst Rohstoffe abbauen, vielmehr gute Bergwerke verpachten und davon leben, lautete die neue Devise. Rosterg, der in Merkers an der Werra die weltgrößte Kalifabrik beinah zeitgleich mit dem Engagement in Blankenburg aus dem Boden stampfte, sah sich bezüglich der „Grube Braunesumpf“ nach einem Bergwerksbetreiber um und fand ihn schließlich 1934 im Konsortium Krupp/Hoesch. Um das Engagement der Bergbau AG Lothringen in Blankenburg zu verstehen, kommt man an einer Betrachtung des Eisenerzbergbaus im Blankenburger Gebiet nicht vorbei.
In der nahegelegenen Region von Hüttenrode wurde seit unvordenklicher Zeit Bergbau auf Eisen betrieben. Ausgrabungen am Eggeröder Brunnen erbrachten den Nachweis eines regen Verhüttungsbetriebes vor 1000 Jahren und weisen somit auf ein „Rüstungszentrum“ des jungen deutschen Königtums hin. Das notwendige Eisen kam dazu in Form verschiedener Eisenerztypen aus dem Hüttenröder Revier. Zusammen mit dem Bergrevier am Büchenberg bildet das Gebiet das „Harzer Eisenland“, eine der größten diesbezüglichen Lagerstätten Deutschlands. Geologen sprechen vom „Elbingeröder Komplex“. Jahrhundertelang wurde der Bergbau von Eigenlöhnern unter Regie des welfischen Herzoghauses betrieben. Das änderte sich 1867. Durch Verkauf gelangten die Eisensteinfelder und Hütten an das Kölner Bankhaus Eltzbacher. Eine der ersten Investitionen galt der Neuerrichtung eines modernen Hochofenwerkes in Blankenburg und der gleichzeitigen Stilllegung unrentabler Hütten. Man firmierte unter dem Namen: „Harzer Werke zu Rübeland und Zorge“. Nach rund fünfzig Jahren kam es 1921 zur Übernahme durch den „Märkisch-Westfälischen Bergwerksverein Letmathe“. Da aber ein großer Teil des Aktienbesitzes von Letmathe bereits im Besitz der Bergbau AG Lothringen war, kam es 1923 folgerichtig zum erneuten Besitzwechsel des Harzer Werkes, diesmal an Lothringen. Lothringen unterhielt in Blankenburg die Sparten Bergbau und Hüttenwesen, deren unterschiedliche Direktionsbereiche an verschiedenen Standorten verteilt waren. Das Harzer Werk in Blankenburg war mittlerweile eine der bedeutendsten Eisengießereien Mitteldeutschlands geworden. 1937 wurde Wintershall Mehrheitsaktionär, bis 1943 Krupp den Standort komplett übernahm.
Die ganze Geschichte dieses Hauses steht im Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“. Zum Buch
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 75–82: „Silberborn 3“

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