Villen in Blankenburg · Schieferberg 5
Badewanne mit Schloßblick – Schieferberg 5, Blankenburg
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Herr Amtmann Kramer erbaute diese gewaltige Villa in damals fast unberührter Lage.
Die bebaute Fläche der Stadt endete vor dem Bauboom Blankenburger Villen an der herzöglich-braunschweigischen Oberförsterei, die das Eckgrundstück Schieferberg/Schloßberg einnimmt. Bedauerlicherweise hatte die herzögliche Verwaltung sehr am Hausbau gespart, seiner damaligen Bedeutung gemäß hätte eine Oberförsterei repräsentativer ausfallen müssen. Das nicht standesgemäße Haus bewirkte um 1850 den Wegzug des Oberförsters von Pawel aus Blankenburg gen Braunschweig, wo sein Name noch heute im „von Pawelschen Holz“, einer von ihm veranlaßten Anpflanzung, verewigt ist. Dabei war er bei Hofe wohlgelitten. Gleich nach des Monarchen Rückkehr vom dänischen Kriegsschauplatz wurde Oberförster Hermann von Pawel gemeinsam mit Bürgermeister Cunz vom Herzog Wilhelm am 4. Juni 1847 empfangen; die so Geehrten revanchierten sich am 5. Juni, indem Hüttenröder Bergleute dem Herzog auf dem Schloßhof ein Ständchen brachten.
Unterhalb des „Walhalla“ genannten Berges, der noch zum Massiv des Schieferberges gezählt werden muß, waren vor 1900 noch einige große Flächen unbebaut. Amtsrat Kramer nahm 1891 das Grundstück nicht zu knapp und baute eine „klassische Villa“, also mit sehr großem Grundstück, exorbitant großem Gewächshaus sowie Nebenhaus für Remise und Kutscherwohnung. Nach heutigem Verständnis: Eine Wohnung für den Fahrer nebst Garage für den standesgemäßen Dienstwagen. Das Wort „Garage“ kam allerdings erst um 1920 in Gebrauch, bis dahin sprach man auf gut deutsch vom „Autoschuppen“.
Das Nebenhaus gibt es heute nicht mehr, dafür ist ein sehenswerter Rest des ursprünglich vorhandenen Arboretums 2025 noch zu besichtigen. Der 1900 verstorbene Amtsrat hinterließ seiner Witwe Luise ein imposantes Grundstück mit der gewaltigen Villa. Die einsame Luise ließ 1902 ein Gewächshaus zum privaten Pläsier erbauen, das jeder Gärtnerei zur Ehre gereicht hätte. Die Blumenzucht begleitete sie bis zum Tod nach dem Kriegsende 1918. Erst 1983 wurde das mittlerweile ruinöse Gebäude abgerissen.
1920 war das Haus im Besitz von Herrn von Schenk, seines Zeichens ein pensionierter Landrat.
Um 1925 war bereits die Bergbau AG Lothringen als Besitzer nachweisbar. Hier wohnten vier Familien des gehobenen Dienstes aus dem Harzer Werk, so ein Obermeister, Werkmeister und im ehemaligen Kutscherhaus der Fahrer des Direktors. Da die Bergbau AG Lothringen zeitweilig einer der größten Arbeitgeber der Stadt war, lohnt sich ein Blick auf die Vita des Unternehmens. Bereits 1872 gründeten Friedrich Funke und Carl und Friedrich Wilhelm Waldthausen die Gewerkschaft der Zeche Lothringen in Bochum, der schnell weitere Gewerkschaften angegliedert wurden. 1920 erfolgte die Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. 1923 kam es zur Flucht des Unternehmens aus dem Ruhrgebiet nach Osten, um der drohenden französischen Ruhrbesetzung zu entgehen. In den zwanziger und dreißiger Jahren war „Lothringen“ einer der größten Montankonzerne Deutschlands. 1936 verkaufte der Großaktionär Deutsche Bank seine Beteiligung an den Wintershall-Konzern. 1956 ging die AG in der ARBED Saarstahl auf, die heute zur ArcelorMittal-Gruppe gehört.
Nach dem Krieg, Lothringen war 1945 geflohen, wurde das riesige Haus zu Wohnzwecken umgenutzt und zum Teil auch umgebaut. Dieser Zustand hielt bis 1983 an. Der „Staatliche Forstwirtschaftsbetrieb Blankenburg“, kurz StFB, kaufte in diesem Jahr das Grundstück und betrieb von hier aus die Waldbewirtschaftung großer Flächen des Oberharzes. Dies geht auf einen Beschluß des Rates des Bezirkes Magdeburg vom 21.Oktober 1982 zurück, nachdem der viel zu große und daher uneffektive Forstbetrieb Wernigerode ungefähr 50 Prozent seines Bestandes an den neu zu gründenden Schwesterbetrieb in Blankenburg abzugeben hatte. Als Sitz, also praktisch als sozialistische Oberförsterei, erwarb der Betrieb, den alle nur kurz „die Forst“ nannten, das Grundstück und baute zweckbezogen um. Leider spielte die Erhaltung der erlesenen Innenausstattung keine besondere Rolle, vielmehr dominierte eine bürokratische Sachlichkeit. Äußerst sehenswert und von zeitgeschichtlichem Interesse aber ist der zum Schutzraum ausgebaute Keller des Hauses. In vielen Häusern im Staatsbesitz der DDR – Volkseigentum – wurden ab etwa 1975 Schutzräume gegen den erwarteten atomaren Angriff des Klassenfeindes aus dem Westen eingerichtet, so auch hier. Mit Luftschleuse, Notausgang und einem besonderen Raum für die „Führung“. Dort hätten diese Leute im Ernstfall viel angenehmer überleben können als der ungeschützte Rest der Bevölkerung.
Heute baut der neue Eigentümer, die Blankenburger Wohnungsgenossenschaft, das Haus so um, das viele schöne Appartements entstehen, und möchte darüber hinaus mehrere kleinere Häuser auf dem großen Grundstück errichten. Als Mieter könnte man in solcher Wohnung die moderne Wanne besteigen, dabei durch das lichtflutende Fenster das große Schloß fest im Blick haben und im beruhigend warmen Wasser von anderen Zeiten im Halbschlaf träumen …
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 103–108: „Schieferberg 5“

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Altes Gold
Die Fortsetzung von „Glanz und Geschichte“: Auf vielfachen Wunsch der Leserschaft öffnen sich die Türen zu weiteren Blankenburger Villen – opulent fotografiert von Clemens Bussert.
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