Villen in Blankenburg · Schieferberg 3
Der Schicksalsfaden reißt – Schieferberg 3, Blankenburg
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Dieses hochgelegene Haus mit sehenswertem Rhodo dendron-Garten wurde im April des Jahres 1945 Schick salsort für die Stadt. Es wurde zum Sitz des Kampfkom mandanten der Stadt bestimmt, denn laut Führerbefehl mußten so gut wie jede deutsche Stadt, mitunter ganze Landstriche als Festungen verteidigt werden. Auch in Blankenburg wurden Verteidigungspläne gemacht und einige Stellungen bezogen: Galgenberg, Pfeifenkrug, Hüttenrode.
Das Haus Schieferberg 3 ist neben dem Großen Schloß eines der höchstgelegenen Häuser Blankenburgs über haupt. Der Ausblick auf das nördliche Harzvorland ist phänomenal. Das war, neben der besonders guten Telefonanbindung, sicher ein Kriterium bei der Auswahl des Gefechtsstandes. Außerdem grenzt das rückwärtige Waldgebiet unmittelbar an das Ziegenkopfmassiv an, so daß zum Kampfgebiet bei Hüttenrode die Befehlswege kurz waren. Der benachbarte steile Weg ist die kürzeste Verbindung zum Hüttenröder Hochplateau.
In diesem Haus, Sitz des Kampfkommandanten der Stadt 1945, spannen die Nornen den Schicksalsfaden der Stadt und aus dieser Sicht kam dem Haus eine Be deutung zu, wie sie kaum ein anderes Haus dieser Stadt je gehabt haben dürfte. In den Tagen des April 45 war das eine weit höhere Priorität als die des Rathauses. Als Kampfkommandant wurde Major Laufenberger be stimmt. Gleichzeitig hatte der Kreisleiter der NSDAP, in Personalunion auch Landrat, Erich Kämpfert, eben falls einen Verteidigungsauftrag erhalten. In mehreren deutschen Städten kapitulierten Kampfkommandanten, was sich heute in der Unzerstörtheit solcher »glückliche rer« Städte manifestiert. Solches Glück war Blankenburg nicht beschieden.
Die falsche Reaktion auf ein US-amerikanisches Kapitu lationsangebot führte letztlich zur Zerstörung der Innen stadt. 60 Häuser des alten Stadtzentrums fielen einem kombinierten Artillerie- und Luftangriff am 20. April zum Opfer; buchstäblich 5 Minuten vor 12. Hier in der Kampfkommandantur wurde die Verteidigung der Stadt nach Süden und Norden mit schwachen Kräften organi siert. Die passive Verteidigung bestand im Wesentlichen aus Panzersperren an den Zufahrtsstraßen und dem Einsatz des Volkssturms. Aktive Kampfhandlungen gab es nur von Seiten einiger Einheiten der 11. Armee. Doch die militärische Situation, insbesondere die Anwesenheit mehrerer und vor allem höherer Dienststellen erschwer te die Arbeit des Kampfkommandanten ungemein. Denn unweit des Stadtgebietes, im Kloster Michaelstein, lag der Armeeführungsstab der 11. Armee. Durch die An wesenheit mehrerer Generäle und sogar des Chefs vom AOK 11 standen dem Kampfkommandanten eigene militärische Entscheidungen nicht zu. Diese Kompetenz unklarheiten führte denn auch zur Nichtbearbeitung des amerikanischen Kapitulations-Angebotes, was wiederum den Befehlshaber der US-Angreifer ob der Mißachtung seines großzügigen Ultimatums sehr erboste.
Colonel Burba befahl kurzerhand einen kombinierten Luftangriff mit Artillerieschlag auf das Zentrum der Stadt. Die Häuser im Zentrum, rings um den Adolf-Hitler-Platz, heute Lühnertorplatz, sanken am letzten Kriegstag in Schutt und Asche. Unvermeidbares Schick sal war das nicht, Oberst Burba hatte ja gewartet! Dann und eigens um den Kreisleiter Kämpfert zu beeindru cken, wurde eine »show of forces« inszeniert. Weit über 100 gut sichtbar in der Ebene vor der Stadt aufgefahrene Kettenfahrzeuge, zumeist Panzer, beeindruckten denn doch und gegen Abend war die Stadt ohne Widerstand besetzt. In Bereitschaft kreisende Flugzeuge wurden zurückgezogen.
Wenn es die Nornen des Schicksals wirklich gibt, dann hießen sie zum Kriegsende für die Blütenstadt: Kampf kommandant Laufenberger, Kreisleiter Kämpfert und Oberst Burba. Einer fehlt hier: der Bürgermeister! Herr Philipp war getürmt und so war die Stadt in ihrer schwersten Stunde ohne eigene Führung.
Die »Hochherrschaftliche Villa« hatte zu diesem Zeit punkt schon eine bewegte Geschichte und politische Verwicklungen hinter sich. 1892 von einer ortsansässi gen Baufirma erbaut, fanden sich in Gestalt von Günter und Marie Schönermark, er war braunschweigischer Generalsuperintendent, kapitalkräftige Käufer. Ab 1905 wechselten sich preußische Lieutnants und ein Süßwa renfabrikant als Besitzer ab. Der respektlose Volksmund titulierte den Schieferberg 3 als »Marmeladenvilla«. 1922 wurden von Pfarrer Georg Albrecht 420.000 Mark gefordert, zuzüglich weiterer 450.000 Mark für Pferde und Wagen und die überaus kostbare Inneneinrichtung, bis hin zum Bechsteinflügel. Daher wird die Villa ge legentlich auch als »Haus Albrecht« bezeichnet. In den Jahren vor dem ersten Weltkrieg missionierte der Pfar rer in Indien und lernte dort die US-Bürgerin Amy Sad ler kennen; eine reiche Südstaatenlady aus Baltimore. Die beiden heirateten.
Amy Albrecht aber war die Cousine von Wallis Simpson. Simpson galt als zukünftige Frau des Königs Eduards des Achten in Großbritannien, war aber gesellschaftlich nicht akzeptiert, was den König schließlich bewog abzu danken. Das war gewissermaßen ein Sieg der Liebe über die Tradition und bewirkte eine veritable Thron- und Verfassungskrise in England. In der Folge kam Elisa beth die Zweite auf den englischen Thron. Der Unwille, Wallis Simpson als Königin zu akzeptieren, rührte auch aus einer undurchsichtigen Affäre mit dem deutschen Botschafter in London, Joachim von Ribbentrop. Es wurde gemutmaßt, daß im Lotterbett mit dem deutschen Botschafter Staatsgeheimnisse weitergegeben worden waren. Aus diesem Blickwinkel erstaunt es nicht, daß 1937, anläßlich der Verlobungsfeier der Herzogstochter Friderike mit Kronprinz Paul von Griechenland auch Amy Albrecht auf das Blankenburger Schloss geladen wurde. Und das Reichsaußenministerium war ebenfalls anwesend. Da stand Ribbentrop kurz vor seiner Ernen nung zum Reichsaußenminister.
Der unmittelbar an der Villa vorbeiführende steile Weg zum Schieferberg war in den zwanziger und dreißiger Jahren sehr beliebt als Rodelbahn der Blankenburger, sogar nachts wurde mit Illumination gerodelt! Ganz Un verzagte fuhren über die Harzstraße bis zum Marktplatz durch.
Das »Haus Albrecht« gelangte nach 1990 in den Besitz einer Familie von k.u.k. Adel. Deren Wappenschild ist heute noch im Prager Veitsdom zu bestaunen.
Die Nachbarstraße erhielt seinerzeit ihren Namen »Institutsstraße« nach dem unweit gelegenen »Erziehungs institut für höhere Töchter« der Frau Elisabeth Gnauck-Kühne.
Einige Häuser weiter, in der Gnauck-Kühne Straße Nummer sechs verbrachte Professor Eduard Damköhler, Studienrat a.D. seinen Lebensabend. Der aus Catten stedt stammende Sprachforscher (1853-1934), der seine Laufbahn als Gymnasiallehrer in Blankenburg begann, konnte das monophthongische Sprachgebiet zwischen Harzburg und Ballenstedt mit seinen reichen plattdeut schen Sprachinventar erfassen. Ihm ist die Herausgabe eines »Nordharzer Wörterbuches« zu verdanken.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 191–200: „Schieferberg 3“

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