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Villen in Blankenburg · Rübeländer Straße 26

Der falsche Patient und das Ananaswunder – Rübeländer Straße 26, Blankenburg

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Der falsche Patient und das Ananaswunder – Rübeländer Straße 26, Blankenburg

Baron von Kemnitz, ein Oberst a.D. war der erste Bewohner und Besitzer dieser repräsentativen Haushälfte. Um 1902 erwarb der Deutschbalte Johann Leidig das Objekt. Zwei Söhne hatte Johann, Alfred und Viktor. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, daß Blankenburg um 1900 eine beachtliche Zahl von Deutsch-Balten beherbergte. Diese hatten Ängste wegen des immer stärker anwachsenden russischen Einflusses im Baltikum, was einen Wegzug eben dieser Bevölkerungsgruppe ins deutsche Kaiserreich auslöste. So gelangte unter anderem die Familie der Cousine von Leidigs Mutter nach Blankenburg, deren Sohn Carl Erdmann als Mediävist bekannt wurde. Eine Straße ist in Blankenburg nach ihm benannt.

Alfred Leidig wurde Arzt und später ein glühender Anhänger der Nationalsozialisten.

Als Nachbar in der Doppelhaushälfte wohnte hier ab 1918 Admiral Rollmann für einige Jahre, seine Geschichte als letzter Gouverneur von Tsingtau wurde in „Villenstadt Blankenburg, Band 1“ bereits dargestellt.

1920 hatte Dr.med. Alfred Leidig bereits eine eigene Hausarztpraxis im Haus. Sieben Jahre später wurde er auch Standortarzt der Blankenburger SA. Das Kriegsende sah ihn als Chefarzt eines Blankenburger Lazaretts. Blankenburg, das von der NS-Führung als sicheres Hinterland angesehen wurde, ward Lazarettstadt, wie so viele andere Harzer Städte. Beschlagnahmte Hotels waren zumeist in Lazarette umgewandelt worden. Folgende Häuser dienten als Wehrmachtslazarett: Hotel „Weißer Adler“ in der Langestraße 16, heute etwa der Standort des EDEKA-Marktes. Als Oberstabsarzt, dem gleichzeitig alle Blankenburger Lazarette unterstanden, fungierte der aus Derenburg stammende Dr. Oddey. Ein weiteres Militärkrankenhaus wurde in der Knabenschule am Thie, dem heutigen Gymnasium, eingerichtet, geleitet von Zahnarzt Dr. Schrader und Dr. Schnurbein. Der war als Schwiegersohn von Frau Kölle – Besitzerin der Kureinrichtung in der Thie-Straße, vormals Dr. Rehm – gleichzeitig auch Kurarzt dort.

Das Lazarett in der Gaststätte „Blankenburger Hof“ in der Mauerstraße 12, heute im Erdgeschoß ein Sanitätshaus, verantwortete Assistenzarzt Dr. Hils. Weiterhin war der „Braunschweiger Hof“ in der Tränkestraße unter Stabsarzt Dr. Görlitz zum Lazarett umgewandelt, wie auch der „Schützenhof“ in der heutigen Friedenstraße unter Stabsarzt Leidig. Am 13. April 45 richtete Leidig im Heidelberg darüber hinaus einen Hauptverbandsplatz für die fechtende Truppe ein. Das war sehr nötig, da das Finale der Harzschlacht dem Ort immer näherkam. Doch Leidigs Zeit war da bereits fast abgelaufen. Am 15. April setzte der Artilleriebeschuß auf das Städtchen ein, unter anderem gingen auch Granaten im Stadtzentrum nieder. Als auf der Langen Straße ein Wehrmachtssoldat während des Feuerüberfalls verwundet wurde, eilte gegen Mitternacht sogleich Dr. Oddey mit einem Sanitäts-Feldwebel hinaus, um Erste Hilfe zu leisten. Die Splitter der nächstfolgenden Granate zerrissen beide Helfer. Neuer Oberstabsarzt und Chef aller Lazarette der Stadt wurde Dr. Leidig. Beim Luftangriff auf die Innenstadt wurden auch die beiden Lazarette Langestraße 16 und Mauerstraße 12 zerstört. Anders als Oddey, der sich vehement, doch erfolglos für die kampflose Übergabe der Stadt im Interesse der Schonung der Verwundeten einsetzte, war Leidig immer noch vom Endsieg überzeugt. Deshalb half er in wahrer Nibelungentreue dem gesuchten Landrat Erich Kämpfert nach Kriegsende unterzutauchen, indem er ihn als Patient mit vorgeblich gebrochenem Arm im Lazarett „Schützenhof“ aufnahm. Nach der Zerstörung der beiden vorgenannten Lazarette in der Innenstadt wurden in aller Eile Teile des Großen Schlosses zum Ersatz-Lazarett hergerichtet; die Evakuierung der bettlägerigen Insassen war eine bedeutende organisatorische Leistung inmitten des allgemeinen Zusammenbruchs der Strukturen. Leidig als ranghöchster Standortarzt war es auch, der das Hissen der Rot-Kreuz-Fahne dort untersagte. Als der Herzog aus eigenem Entschluß im offenen Wagen mit wehender Welfenflagge am Heck auf der Neuen Halberstädter Straße den Amerikanern entgegenfuhr, beabsichtigte er, die Angreifer über die besondere Situation Blankenburgs mit vielen Lazaretten informieren. Am 21. April um 9 Uhr übergab er alle Lazarette formell auf dem Schloßinnenhof an Capitän Coulman.

Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“

Bei der tatsächlichen Übernahme der Lazarette kam der Schwindel mit Kämpfert im „Schützenhof“ sogleich heraus; der frische Gips erregte die Aufmerksamkeit der GIs. Der Mann hatte überhaupt keine Verletzungen! Postwendend sollte auch Leidig verhaftet werden, doch kam er dem mit einem Kopfschuß aus seiner Dienstwaffe zuvor. Die von der 8. US Armored Division herausgegebene Divisionsgeschichte „In Tornados Wake“ (dt. „Im Luftsog des Wirbelsturms“) spricht eine deutliche Sprache zu den Blankenburger Ereignissen im April 1945. Im Keller des Großen Schlosses befanden sich zugleich unersetzliche Güter: Kunstwerke, die aus Braunschweig hierher ausgelagert worden waren. Weltbekannte Gemälde waren darunter. Der Braunschweigische Landeskonservator Dr. Seelecke wachte unter anderem über Vermeers „Mädchen mit Weinglas“, Rembrandts „Gewitterlandschaft“, Holbeins „Bildnis des Kaufmanns Cyriacus Kale“ sowie weitere Gemälde von van Dyck, Jordaens, Rubens, Steen und vielen anderen.

Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
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Die ganze Geschichte dieses Hauses steht im Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“. Zum Buch

Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 57–62: „Rübeländer Straße 26“

Buch: Villenstadt Blankenburg

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Villenstadt Blankenburg

Altes Gold

Die Fortsetzung von „Glanz und Geschichte“: Auf vielfachen Wunsch der Leserschaft öffnen sich die Türen zu weiteren Blankenburger Villen – opulent fotografiert von Clemens Bussert.

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