Villen in Blankenburg · Rohdenbergstraße 17
Die Direktoren-Villa – Rohdenbergstraße 17, Blankenburg
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1888 war die Wohnbebauung in der Rübeländer Straße noch gar nicht vorhanden, dafür aber einige Häuser am Wasserweg und einzelne Häuser im Wald. Auch unser Haus in der Rohdenbergstraße gab es noch nicht. Das letzte Wohnhaus in Richtung Hüttenrode bewohnte 1888 Hofrat Dr. Garke. Das damals oberste Haus im Wasserweg gehörte Tyler Corcoran, der dort einen Ausschank für Arbeiter aus Hüttenrode unterhielt. Diese mußten auf ihrem täglichen Marsch zur Arbeit –Bahnfahrkarten waren teuer – in der „Hütte“ (Harzer Werke, d. Verf.) dort vorbei und stärkten sich gern vor dem steilen Aufstieg via Hüttenrode. Als um 1890 die Bebauung einsetzte, war der Verlauf der Rübeländer Straße noch anmutig zu nennen, ein Vokabular, das heute, in Anbetracht des schweren Güterverkehrs niemand mehr gebrauchen würde.
Es gab in dieser Villenstadt ab 1872 einen strukturbestimmenden Industriebetrieb, der anfänglich so gar nicht in die Beschaulichkeit der herzöglichen Residenzstadt passen wollte. Eine Eisenhütte mit Hochofenbetrieb, man denke! Führungskräfte mußten von auswärts geworben werden und das gab wohl den Ausschlag zur Wahl dieser Villa als standesgemäßer Wohnsitz. Hatten noch die ersten Direktoren Schruff und Albert Schneider auf dem Hüttengelände residiert, so konnte der Direktor der Gießerei, Thorn, sich bereits 1902 an dieser Dienstwohnung erfreuen. Direktor der Bergbausparte war Herr Creuser, er residierte im Hüttengebäude zu Rübeland, dem späteren Bahnhofsgebäude. Unter Creuser wurde unter anderem die legendäre Erzstufenbahn erbaut, während Schneider seine Meriten beim Bau der Harzbahn verdiente.
Nach der Übernahme der Harzer Werke 1924 durch die Bergbau-AG Lothringen gab es stets zwei Direktoren in Blankenburg, je einen für die Gießerei und für die Bergbausparte. Letzterer residierte in der Silberbornstraße 3. Nach Thorn folgten noch einige Direktoren, so zum Beispiel Brandt, Blaffert, ab 1925 Pingel und Hilgenstock, ab 1936 Dr. Siegfried Sokolowski. 1943 wurde er als Jude nach Theresienstadt deportiert, das er, gesundheitlich schwer geschädigt, überlebte. Noch 1945 übernahm er wieder die Leitung des Betriebes, verstarb an den Haftfolgen in Blankenburg bereits 1947. Ihm folgten die Herren Ingenieure Ziesenitz und Sonnenberg, bis der in Blankenburg sehr bekannte Werkleiter Stutzkowski die Leitung der Harzer Werke übernahm und dann ununterbrochen bis zur „Wende“ leitete.
Dies war auch die hohe Zeit der Produktion von Gußheizkörpern, die hier allgemein als Radiatoren bezeichnet wurden und den zughörigen Kohle-Koks-Heizkesseln. Werfen wir einen Blick auf die „Legenden aus Gußeisen“!
GK21, K30 oder auch GK31 waren Modellbezeichnungen, die zu DDR-Zeiten nahezu jeder kannte. Die Rede war von "Gußkesseln" aus dem altbekannten "VEB Harzer Werke" oder auch "VEB TGA Heizkesselwerk Schönebeck“, zur Verbrennung von Kohleprodukten (Braunkohlen, Braunkohlenbrikett, Koks und Steinkohle). Noch heute gibt es solche Gußkessel im aktiven Betrieb. Daß diese massiven Kolosse robust und langlebig sind, war damals jedem klar. Wer einen solchen Heizkessel bekommen konnte, nahm ihn mit Kußhand und wußte einen treuen Partner in Sachen Wärmeversorgung an der Seite zu haben. Heizkessel und Radiatoren haben als Botschafter den Namen Blankenburgs weit in deutsche Lande getragen, man könnte auch von einer „Radiatoren-Stadt Blankenburg“ sprechen. Die Harzer Werke waren der Betrieb, der solch hochbegehrte Produkte lieferte. Da diese Firma in Blankenburg bald industriell tonangebend wurde, werfen wir einen Blick auf die Firmengeschichte.
Am 26. Oktober 1867 erwarb das Bankhaus J. L. Eltzbacher & Co. in Köln vom Herzogtum Braunschweig-Lüneburg dessen abgewirtschaftete Eisenerzgruben, Hüttenbetriebe, Gießereien, Walzwerke und Maschinenfabriken im Harz. 1870 wurden die einzelnen Betriebe zur Aktiengesellschaft "Harzer Werke zu Rübeland und Zorge" zusammengefaßt. Durch umfangreiche Investitionen wurde der Betrieb zunächst auf einen technisch befriedigenden Stand gebracht, bevor 1872 ein völlig neues, technologisch fortschrittliches Hochofenwerk auf der grünen Wiese in Blankenburgs Westend errichtet wurde. Schon 1895 war das Erschmelzen von Eisen aus eigenem Eisenerz nicht mehr konkurrenzfähig. Folgerichtig wurden die Hochöfen für immer ausgeblasen. Hinfort konzentrierte man sich auf Gießereierzeugnisse. 1909 wurden die drei bisher eigenständigen Gießereien in Blankenburg, Rübeland und Zorge zusammengefaßt und erstmalig die Produktion von Radiatoren und Heizkesseln aufgenommen. Im Ersten Weltkrieg stellte das Unternehmen auch Munition her. Anfang der 1920er Jahre waren die Harzer Werke eine der größten Eisengießereien in Mitteldeutschland, speziell für Graugußprodukte. Große Arbeitskämpfe spielten sich hier ab. Der bekannte KPD-Funktionär John Scheer hat hier im Werk zu den Arbeitern genauso gesprochen wie der spätere Ministerpräsident Klagges. Ab 1921 wurde ein völlig neukonstruierter Heizkessel auf der Basis eigener Patente auf den Markt gebracht. Im gleichen Jahr wurden die Harzer Werke durch den Märkisch-Westfälischen Bergwerksverein Letmathe übernommen, der wiederum ab 1924 Tochtergesellschaft der Bergbau AG Lothringen (Hannover) wurde. Die Produktion wurde zunehmend auf die Gießerei in Blankenburg konzentriert. Im Zuge der Weltwirtschaftskrise kam es ab 1929 zu einem erneuten Umsatzrückgang. Ab 1937 gehörten die Harzer Werke zum Wintershall-Konzern. 1943 wurde die Kruppsche Schleudergußfertigung von Essen hierher verlagert. 1943 ging das Werk vollständig an die Friedrich Krupp AG über.
Die ganze Geschichte dieses Hauses steht im Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“. Zum Buch
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 51–56: „Rohdenbergstraße 17“

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