Villen in Blankenburg · Nordstraße 27
Der Baumeister des Brockenhauses und Swarovski in Blankenburg – Nordstraße 27, Blankenburg
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Friedrich Heydecke erwarb dieses Haus von Lois Hartmann, einem Villenbaupionier. Dieser geschäftstüchtige Mann hatte einfach Villen auf eigenes Risiko gebaut und dabei die Hoffnung, diese Objekte gewinnbringend weiter zu veräußern. Mit diesem Geschäftsmodell war er nicht der einzige, mehrere Baufirmen machten es ebenso. Möglicherweise trug dieses Geschäftsgebaren entscheidend zum Werden der Villenstadt Blankenburg bei, denn kein Interessent mußte die nervigen Kalamitäten einer Baustelle auf sich nehmen oder gar selbst bauen, ohne Kenntnisse davon zu haben. Man kaufte einfach eine fertig dastehende Villa; einzig genügend Geld war unabdingbare Voraussetzung.
Aber der ursprüngliche Erbauer sollte schon preiswert und gut bauen, damals wie heute zwei schwer zu vereinende Forderungen. Aber da hatten die Architekten so ihre Kniffe. Oftmals wurden die „guten“ roten Ziegelsteine zur Straßenseite und an den Seiten links und rechts des Hauses verbaut, wohingegen die nicht so hoch angesehenen, gelben Ziegel an der Rückseite verwendet wurden. So sparte man Kosten. Aufgrund des anstehenden Tones in den beiden Ziegelei-Tongruben des Westendes war von dort im Regelfall nur gelbe Ware zu bekommen; rote oder gar weiße Ziegel mußten von auswärts beschafft werden, ergo teurer!
Als im Juni 1945 die Ziegelei in der Grefestraße in die Luft flog, erlitten die meisten Villen in der Kreuz-, Nordund Michaelsteinerstraße Beschädigungen und Risse, die teilweise heute noch sichtbar sind. Der Hintergrund: Auf Befehl der englischen Militäradministration wurde sämtliche Wehrmachtsmunition aus den umliegenden Wäldern in dieser Ziegelei gesammelt und eingelagert, auf deren Gelände sich übrigens heute ein Kindergarten (vormals Harzer Werke-Kindergarten, d. Verf.) befindet. Die dazugehörige Tongrube war gleich nebenan und wurde nach ihrer Verfüllung von den Flachbauten einer Betriebs-Berufsschule der Harzer Werke teilweise überbaut. Munition und Ziegelei flogen gemeinschaftlich in die Luft; es war die größte Explosion, die die Harzstadt erlebte. Die Ursache der Explosion des gesamten Munitionsvorrates ist unklar, seinerzeit wurde Funkenflug von einer vorbeifahrenden Dampflok der Harzbahn als am wahrscheinlichsten angenommen.
Villenbesitzer Heydecke war Kreismaurermeister, was einem Innungschef gleichkam. Auch er beteiligte sich am Villen-Bau-Boom. Bekannt wurde er allerdings mit den von ihm errichteten Bauten auf dem Gipfel des Brockens. Dort zu bauen war und ist eine besondere Herausforderung. Erstmalig 1736 ließ Graf Christian Friedrich zu Stolberg-Wernigerode einen kleinen Verschlag als Wetterschutz für Wanderer errichten.
Dieses „Wolkenhäuschen“ genannte Häuschen wurde und wird von einer Unzahl Wanderer gern genutzt. 1800 folgte dann ein Wirts- und Logierhaus, in dem sogar Pferde eingestellt werden konnten.
1835 kam noch ein Aussichtsturm hinzu. Ab 1840 wurde das Haus auch im Winter bewirtschaftet. 1859 brannte das Brockenhaus ab und wurde alsbald neu errichtet. 1891 begann der Bau eines neuen Turmes. Brockenwirt Schade beauftragte um 1908 dann den Blankenburger Unternehmer Heydecke mit umfangreichen Umbauarbeiten. Erstmals gab es in den Toiletten Wasserspülung und auch eine Zentralheizung wurde installiert. Solch eine Heizungsanlage war zu der Zeit in Deutschland so mondän, wie es heute eine Jacht in Monaco wäre! Eine zweite große Wasserleitung wurde gelegt, auf dem Gipfel existierten darüber hinaus Bäckerei und Konditorei sowie eine Poststation. Das Brockenhotel wurde umgebaut und konnte dann mit 80 Fremdenzimmern und 200 Betten aufwarten. Andere Baumeister wurden gerufen, als 1937 ein fester Sendeturm der Reichspost gebaut wurde. Einer der ersten Fernsehsender der Welt!
Doch schon am 17. April 1945 wurde der Sendeturm von sechs amerikanischen Mustang-Jagdbombern schwer beschädigt, die übrigen Gebäude vernichtet und die Brockenkuppe schwer zerfetzt. Die nachfolgende amerikanische Besetzung dauerte dann bis zum 27. April 1947 an. Doch das hat Friedrich Heydecke schon nicht mehr erlebt.
Das Haus in der Nordstraße diente jahrzehntelang als gediegenes Wohnhaus, beherbergte ab 1990 für weitere 20 Jahre auch eine Fahrschule.
Doch finden wir in unmittelbarer Nähe überdies die kleine Schusterwerkstatt eines Ehepaares mit einem großen Namen: Swarovski. Diese Werkstatt hat als Garage sogar die Zeiten überdauert, wie man am Beginn dieses Kapitels sehen kann. Der hier unübliche Familienname kann so einiges über die Umstände des Zuzugs einer großen Bevölkerungsgruppe nach Blankenburg erzählen. Dazu muß man aber gedanklich in das Jahr 1945 zurückgehen, was wir nun tun wollen.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 37–41: „Nordstraße 27“

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