Villen in Blankenburg · Neue Halberstädter Straße 58
Offiziers-Casino der Regenstein- Kaserne Blankenburg – Neue Halberstädter Straße 58, Blankenburg
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Der Militärstandort Blankenburg kann auf eine längere Traditionslinie zurückblicken.
Die Schloßkaserne, heute das Schloßhotel, wurde Ostern 1860 bezogen und diente bis 1920 als Unterkunft für Soldaten. Entsprechend dem Versailler Vertrag mußte der Standort aufgegeben und einer zivilen Nutzung zugeführt werden. Der gesamte Komplex der Schloßkaserne wurde zur Wohnungsnutzung umfunktioniert, Arbeiterfamilien bezogen die einstigen Soldatenstuben. Unmittelbar nach der Machtübernahme 1933 zog eine Sportschule der SA dort ein, nachdem das Gebäude recht schnell von den Mietern geräumt werden mußte. Schon 1934 übernahm die Wehrmacht die Kaserne und belegte das Objekt mit Teilen des Halberstädtischen Infanterieregimentes 12. Mit der Wiedereinführung der Wehrpflicht 1935 wurden dann am Standort vorrangig Reservisten ausgebildet. 1939 kam mit dem bekannten Schriftsteller Ernst Jünger, Autor des Welterfolges „In Stahlgewittern“ der wohl prominenteste Reservemann zur Ausbildung hierher. Hier noch zum Hauptmann ernannt, begann auch für ihn am 1. September der Krieg. Doch bereits zuvor, ab Februar 1935 begannen die Bauarbeiten an einem völlig neuen Kasernenstandort vor den Toren der Stadt. Zwischen Regensteinsweg und Neuer Halberstädter Straße entstand in sehr kurzer Bauzeit eine moderne Kasernenanlage für das zum IR 467 umstrukturierte Regiment. Dessen letztes Aufgebot kämpfte im April 1945 an der Elbe bei Stendal. Strukturell gehörte es da zur Armee Wenk. In den leerstehenden Kasernengebäuden am Regensteinsweg plante General Wenk Anfang April 45 das Hauptquartier der 12. Armee anzusiedeln; allein wegen des sich abzeichnenden Endes der Festung Harz hielt er es für ratsamer, das Armeeoberkommando der 12. Armee nach Dessau zu verlegen. Es dauerte dann bis 1961 und Blankenburg wurde wieder Garnisionsstadt.
Im Rahmen der Abriegelung der innerdeutschen Grenze wurden aus dem Raum Potsdam und Karl-Marx-Stadt Kräfte zum Aufbau des Grenzregiments 20 hierher verlegt; deren Kaserne befand sich in den Gebäuden der heutigen Stadtverwaltung. Das Regiment wurde bald nach Halberstadt umverlegt, nur der Stab verblieb zunächst noch in Blankenburg. Um 1975 beauftragte die Nationale Volksarmee der DDR den Umbau und die Erweiterung einer vorhandenen unterirdischen Anlage unter dem Regensteinsmassiv. Eine Bergbauspezialfirma aus Nordhausen, VEB Schachtbau Nordhausen, erweiterte den vorhandenen Untertagekomplex aus dem Dritten Reich (Objekt „Turmalin“) beträchtlich und baute ihn atomschlagsicher aus. Das Objekt ging 1980 als Komplexlager 12 in den regulären Betrieb.
Ohne Unterbrechung übernahm die Bundeswehr 1991 diesen Komplex und organisiert dort bis heute den gesamten sanitätsbedingten Nachschub des Heeres; auch für Auslandsmissionen.
Blankenburg besitzt also eine lange Tradition als Garnisionsstadt, dazu gehörte von 1934 bis 1945 auch ein Offizierskasino in der Neuen Halberstädter Straße. Gleich nach Kriegsende brachte die amerikanische Besatzungsmacht in der leerstehenden Regenstein-Kaserne eine große Zahl von Fremd- und Zwangsarbeitern sowie Kriegsgefangenen, bis zu deren Abtransport in die Heimat, vorübergehend unter.
Doch weitergehenden Nachnutzungsgedanken, wie zum Beispiel als Krankenhaus oder für Wohnungen erteilte die SMAD der sowjetischen Besatzungsmacht (Blankenburg wurde der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen, d. Verf.) eine Absage; ab 1948 wurde Block für Block gesprengt.
Im Zusammenhang mit der Errichtung des neuen Standortes waren 1935 auch schöne Wohnungen für Offiziere gebaut worden. Diese Gebäude, bei denen zum Beispiel durch das Vorhandensein oder Nichtvorhandensein von Balkonen eine qualitative Abstufung für höhere und niedrigere Dienstgrade erkennbar ist, sind noch heute in der Michaelsteinerstraße bergseitig rechts zu sehen. Der Vernichtungswut nach dem Krieg entgingen nur das Gebäude der Standortverwaltung, gleichzeitig auch Wache/Zahlmeisterei; heute ein Ärztehaus, eine größere Halle, die zu Zeiten der ehemaligen DDR von der Großhandelsgesellschaft GHG genutzt wurde und das ehemalige Offizierskasino.
Dieses Kasino war der architektonisch schönste Bau des ehemaligen Kasernenkomplexes. In der amerikanischen Besatzungszeit wurden auch hier DP‘s, also verschleppte und heimatlose Menschen vorwiegend aus den KZ-Außenlagern der Ösig und aus dem Lessinglager bis zu ihrer Repatriierung untergebracht.
Dann nutzte ab 1946 der „Energiebezirk West, Betriebsdirektion Blankenburg“ diese Liegenschaft. Als die Firma ihren Sitz nach Derenburg verlegte, war der nächste Nutzer Anfang der fünfziger Jahre der VEB Wasserwirtschaft Bode. Dessen Planungsabteilung finden wir in der Rohdenbergstraße 13 (siehe auch „Villenstadt Blankenburg, Band 1“ der Verf.). Im ehemaligen Offizierskasino kam deren Bauabteilung unter. 1958 saß dann eine Außenstelle der Wasserwirtschaftsdirektion hier, deren Zentrale in Magdeburg, im heutigen Landtagsgebäude von Sachsen-Anhalt untergebracht war. Als jüngster Oberbauleiter der gesamten Wasserwirtschaft der DDR leitete Otto Ebert den Blankenburger Betriebsteil. Der Standort wurde immer mehr ausgebaut; Wirtschaftsund Funktionsgebäude entstanden hinter dem Kasino-Gebäude. Der einst weitläufige Park und die Tennisplätze wurden zugunsten der Ökonomie geopfert und mußte Funktionsgebäuden weichen. 1963 zum VEB Tiefbau Blankenburg umfirmiert, wurde 1968 mit dem Straßenund Tiefbaukombinat Magdeburg, Betriebsteil Blankenburg eine Rechtsform gefunden, die bis zum Ende der DDR Bestand haben sollte.
In den wirtschaftlich turbulenten Zeiten der „Wende“ kümmerte sich Oberingenieur Otto Ebert, immer noch Direktor des Straßen- und Tiefbaukombinates Blankenburg zusammen mit anderen Führungskräften erfolgreich um die Übernahme des bis dahin volkseigenen Betriebes.
„Sollen wir so lange warten, bis einer kommt und sagt: „Ihr gehört jetzt mir!" Oder sollten wir selbst das Zepter in die Hand nehmen?“ fragte der Chef.
In völligem Gegensatz zu anderen Blankenburger Großbetrieben beschäftigte man sich hier nicht zeitverschwendend mit fruchtloser Epuration; das heißt mit politischen Säuberungen. In einem Management-Buy-Out Verfahren, also dem Firmenkauf durch das vorhandene Management, gelang die Privatisierung von der Treuhandgesellschaft. Es war eines der ersten derartigen Verfahren in den neuen Bundesländern. Als einzige eingesessene Firma Blankenburgs kam „Stratie“, so die neue Firmierung, ohne Entlassungen durch die deutsche Wendezeit. Die firmenhinweisende Farbe „Orange“ wird seitdem in der Region wie selbstverständlich mit „Stratie“ in Verbindung gebracht.
Selbst das stolze Firmengebäude, vormals das Offizierskasino, erstrahlt nun in der Firmenfarbe.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 117–120: „Neue Halberstädter Straße 58“

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