Villen in Blankenburg · Luisenstraße 3
Villa Eichkätzchen: Geschichtliche Raritätenkammer – Luisenstraße 3, Blankenburg
Auf der Karte zeigen
Die Villa ist schon äußerlich bemerkenswert, durch die ungewöhnlichen Darstellungen von kobernden Eich hörnchen auf den Windfedern des Daches. Das führte bei den Blankenburgern zu dem Spitznamen »Villa Eich kätzchen«. Der mittlerweile etablierte Name wurde von der Eigentümerfamilie Goedicke als »Töchterheim Eich kätzchen« verwendet.
Die Namensgebung geht auf ein Ereignis während der Bauphase des Hauses zurück. Als der Bauherr einst seine Villenbaustelle besuchte und sich vom Baufortschritt überzeugen wollte, traf er die Zimmerleute bei einer ungenehmigten Pause an. Voll des Zornes über die Ver schwendung seines Geldes langte er zu einem Bretter stapel. Mit einem Kantholz wollte der jähzornige Mann den Handwerkern die Faxen ausprügeln. Da sprang ein Eichhorn hervor und alles lachte erleichtert. Seitdem symbolisiert die Darstellung des Eichkätzchens: »Nur immer ruhig Blut, dann gelingt‘s!«
Von diesen Töchterheimen gab es im Villengebiet frei lich einige. Das Geschäftsmodell sah vor, Mädchen und junge Frauen aus ganz Deutschland durch Unterricht eine längere und sorgfältige Hauswirtschaftsausbildung zukommen zu lassen; Internatsunterbringung inclusive. Die besondere Familiengeschichte einiger Bewohner der Luisenstraße 3 gestattet uns aber nur wenig später einen weitaus faszinierenderen Blick in die Raritätenkammer deutscher Geschichte.
Mitte der dreißiger Jahre interessierte sich Christoph Emanuel Hermann Ritter Mertz von Quirnheim, Jahr gang 1866, für das Haus. Anläßlich des 25-jährigen Jubiläums der Tannenbergschlacht wurde er zum Ge neralleutnant befördert, was ihm infolge Rangerhöhung größere Geldmittel in die Hände gab.
Als hoher Reichsbeamter und Präsident leitete er das Reichsarchiv. Seine erste Tochter, Freiin Erika, heiratete Wilhelm Dieckmann, übrigens ein Cousin des späte ren Präsidenten der Volkskammer der DDR, Johannes Dieckmann. Wilhelm Dieckmann, im Rang eines Oberre gierungsrates, war ein ziviler Mitverschwörer der Offi ziersverschwörung um den Oberst Stauffenberg. Dafür wurde er unmittelbar nach dem Attentat hingerichtet, seine Kinder kamen in das Internierungslager nach Bad Sachsa, seine Frau und der alte Vater wurden in Sippen haft genommen. Dessen Sohn Albrecht gehörte zum engsten Kreis um Stauffenberg und wurden noch in der Nacht des 20. Juli im Berliner Bendlerblock erschossen. Doch wer waren die Beteiligten?
Die Namen jener fünf prominenten militärischen Prota gonisten, die noch in der Nacht zum 21. Juli erschossen wurden, sind hinlänglich bekannt: Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg, General der Infanterie Friedrich Olbricht, Oberst Albrecht Ritter Mertz von Quirnheim, Oberleutnant d.R. Werner von Haeften und schließlich auch Generaloberst a.D. Ludwig Beck, der nach dem Umsturz als neues Staatsoberhaupt vorgesehen war. So starben beide Schwager in Folge ihrer Beteiligung am Putschversuch. Eine weitere Tochter verheiratete sich 1929 mit Otto Korfes, der als Oberst die Schlacht von Stalingrad – er wurde im Kessel per Funkmittei lung zum Generalmajor befördert – mitgemacht hatte. In sowjetischer Gefangenschaft änderte er seine politi schen Ansichten radikal, wurde Gründungsmitglied des Nationalkomitees Freies Deutschland sowie des Bundes Deutscher Offiziere.
Seit Februar 1943 galten seine Frau und Kinder als Hinterbliebene der Stalingradschlacht und konnten auf besondere Hilfe der Behörden hoffen. Es gab eine Woh nungszuweisung in die Luisenstraße 3. Die war gerade frei geworden, weil die Verwaltung des HJ-Bannes 452 und der Unter-Gau 452 vom Bund Deutscher Mädel eine andere Niederlassung in Blankenburg bezogen hatten. Der in Cattenstedt aufgewachsene Pfarrerssohn Korfes wurde auf Marschall Tschuikows Wunsch hin um 1950 in die Kasernierte Volkspolizei übernommen, als einer der ganz wenigen Wehrmachtsgeneräle. Das Ehepaar Gudrun und Otto Korfes weilte in den fünfziger Jahren oft in Blankenburg und pflegte gesellschaftliche Kontak te. Hermann Ritter Mertz von Quirnheim starb 1947 in Blankenburg.
Gegenüber vom Eichkätzchen beginnt die Hüttenstraße, deren Name erklärungsbedürftig scheint. Keineswegs geht es um Hütten im Sinne von Behausungen, denn die Villen verdienen solch schnöde Bezeichnung keinesfalls. Die Straße führt seit 1872 zur neuerrichteten Eisenhütte der Harzer Werke zu Rübeland und Zorge in der Micha elsteinerstraße. Sie entstand aus dem Weg der Hüttenrö der Arbeiter, die den Wasserweg zu Fuß herunterkamen; die Bahn gab es noch nicht. Nach der damals üblichen 12-Stunden Schicht am Hochofen ging es dann wieder zu Fuß hinauf ins heimatliche Hüttenrode. Das einzig vorhandene Haus im unteren Wasserweg beherbergte eine Restauration, wo der müde Wanderarbeiter gern bei Tyler Cocoran einkehrte. Ein für Blankenburg völlig un typischer Name. Wie er sind auch Santarossa, Carganigo, Scopolino und viele andere als italienische Fachleute im Zusammenhang mit dem Bau der Erzstufen- und Harz bahn hier ansässig geworden.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 105–108: „Luisenstraße 3“

Mehr davon im Buch
Villenstadt Blankenburg
Glanz und Geschichte
Mit einem Geleitwort von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff: 42 der schönsten Blankenburger Villen aus Jugendstil und Gründerzeit, opulent fotografiert von Clemens Bussert.
29,90 €versandkostenfrei, bequem auf Rechnung







