Villen in Blankenburg · Lindestraße 2
Nobel saniert: Die Lavezarri Villa – Lindestraße 2, Blankenburg
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In der Lindestraße 1 und 2 gaben einst Eisenbahner den Ton an. War die Nr. 1 ein Wohnhaus für höhere Angestellte der Blankenburger Eisenbahn- und Bedarfs-Maschinenfabrik, (die kurz und bündig BEMA genannte Firma war eine Tochtergesellschaft der Halberstadt-Blankenburger-Eisenbahngesellschaft, d. Verf), so zog 1944 in die Nachbarvilla Familie Lavezzari ein. Der Eisenbahningenieur sollte ab 1930 für die private Halberstadt-Blankenburger Eisenbahngesellschaft (HBE) wichtige Führungsfunktionen übernehmen. Dazu gehörte neben anderen Tochtergesellschaften auch die vorgenannte „BEMA“. Besonders bekannt wurde der Name im Rübeländer Gebiet; hatte doch die BEMA das Sägewerk am alten Bahnhof Rübeland gekauft. Dieser ursprüngliche Bahnhof Rübelands wurde 1930 außer Betrieb genommen und durch den zentraler gelegenen Bahnhof „Rübeland-Tropfsteinhöhlen“ ersetzt. Das hatte mit dem prominenten Mieter des Nebenhauses, Lindestraße 2 direkt zu tun. Dieser wohnte „dienstlich“ in der Dienstvilla der HBE in der Albrechtstraße. Erst 1944 zog die Lavezzari-Familie in die Lindestraße zwei um. Dies hing wohl mit der Neubesetzung von Lavezzaris Vorstandsposten nach dessen Einziehung zur Wehrmacht zusammen. Denn das hatte unter anderem die Räumung der Dienstwohnung zur Folge.
Für den geplanten Umbau der Gebirgsstrecke 1930 konnte die HBE den Regierungs-Baurat Rudolf Lavezzari verpflichten. Der hatte sein Talent zuvor bereits bei der Königlich-Preußischen Eisenbahnverwaltung Magdeburg beweisen können, bevor er als Regierungsbaurat nach Allenstein, 140 km südöstlich von Danzig in Ostpreußen versetzt wurde. Von dort engagierte der HBE-Vorstand den fähigen Mann. Es galt die Bahnstrecke so umzubauen, daß die Steigungen geringer und somit größere Zuglasten und geringere Kohleverbräuche erwartet werden konnten. Dabei konzentrierte die HBE ihre Anstrengungen zuvörderst auf den Abschnitt Hüttenrode-Rübeland. Die Neubautrasse schwenkt in Fahrtrichtung Rübeland hinter Hüttenrode etwa am Wegeübergang beim Tiefen Sonnberger Stollen ab und erreicht mit nur geringem Gefälle das Altbergbaugebiet der „Krummen Grube“. Das dortige Kalkmassiv oberhalb der Dachsklippe wurde mit einem 300 Meter langen Tunnel unterquert, das Ausbruchsmaterial an beiden Portalen abgelagert. Anschließend wurde das Kreuztal mit einer 30 Meter hohen Stahlbrücke überspannt.
Von dieser Brücke sollte übrigens zum Kriegsende eine Dampflok (Lok Nr. 96002) gestürzt werden, um so als Panzersperre im Kreuztal die erwarteten amerikanischen Einheiten aufzuhalten. Gegen die Hergabe einer Lokomotive aus dem ohnehin sehr ausgedünnten Bestand der HBE wehrte sich am 7. April 1945 der kommissarisch eingesetzte Geschäftsführer Ingenieur Kleine – Lavezarri war zum Kriegsdienst eingezogen worden – sehr entschieden. Für Kleine hatte das lebensgefährliche Konsequenzen; nach dem gemeinsamen Willen des NSDAP-Kreisleiters und des Kampfkommandanten von Blankenburg sollte er für seine Weigerung standrechtlich erschossen werden. Auf direkte Weisung von Howind, Kreisleiter der NSDAP, wurde der mutige Geschäftsführer Kleine in der folgenden Nacht von Volkssturmmännern im Thiepark exekutiert. Schwerverletzt von mehreren Schüssen, ließ man den vermeintlichen Toten liegen. Nur durch glückliche Umstände konnte er überleben. Mehrere ähnliche Fälle von Verweigerungen saßen aber im Gefängnis am Tummelplatz ein und harrten ihrer Verurteilung. Sie alle rettete der beginnende Granatbeschuß der Stadt durch die anrückende amerikanische Armee aus Richtung Derenburg. Eine einschlagende Granate traf das Polizeigebäude an der Rückseite und riß ein beträchtliches Loch hinein. Durch diesen überraschenden Glücksumstand konnte mehrere Insassen entweichen, so auch der seiner Aburteilung harrende Bürgermeister Bollmann aus Benzingerode. Der hatte seinen Ort tags zuvor kampflos übergeben und war deswegen verhaftet worden. Im Innenhof des Gefängnisses wurden beim Einmarsch fünf erschossene deutsche Soldaten ohne Soldbuch und Erkennungsmarke gefunden. Durch Bombardierung und Beschuß sind 75 Einwohner getötet worden. Übrigens wurden nach dem Einmarsch auch vier SS-Angehörige von der US-Army auf dem Tummelplatz erschossen.
Am 17. April wurde schließlich die Lok in Marsch gesetzt und erreichte das Kreuztal-Viadukt. Dort sollte sie durch einseitiges Anheben von der Brücke gekippt werden und in Verbindung mit der Sprengung der Dachsklippe die Fernstraße 27 sperren. Die als Druckerzeuger für das hydraulische Hubgerät, das in Fachkreisen allgemein Deutschlandgerät genannt wurde, benötigte Rangierlok kam aber über den Bahnhof Hüttenrode nicht hinaus. Der kaufmännische Leiter der HBE, Dr. Oskar Sommer und Kalkwerksmeister Könnemann verhinderten den aberwitzigen und auch letztlich erfolglosen Plan; insbesondere Könnemann – sein Sohn Erwin wurde in der DDR ein angesehener Professor für Zeitgeschichte – konnte das Personal der Rangierlok zur Flucht überreden. Kleine, Sommer und Könnemann sind drei ungenannte zivile Helden, die in der Zeit des Zusammenbruchs bereits an das Weiterleben der Gemeinschaft dachten.
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Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 147–154: „Lindestraße 2“

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