Von Blankenburg zum nördlichen Eismeer und zurück – Herwegstraße 7, Blankenburg
Zur Jahrhundertwende 1899/1900 erbaute Stadtrat Schulze hier ein schönes Haus, um es wenige Jahre später weiter zu verkaufen. Diesen Vorgang beobachtet man des Öfteren in der Stadt, so daß geschlußfolgert werden kann, daß sich mehrere Stadträte am Boom des Zuzugs auswärtiger Interessenten finanziell „gesundstießen“. An diesem Grundstück kaufte sich wieder einmal ein illustrer Militär ein, um mit seinem Ruhestand auch die landschaftliche Schönheit, gepaart mit einem herrlichen Ausblick auf die Teufelsmauer genießen zu können. Die Straßenbenennung wurde überdies bereits in „Villenstadt Blankenburg, Band 1“ im Zusammenhang mit den Ereignissen des Dreißigjährigen Krieges in Blankenburg ausführlich thematisiert.
In der Herwegstraße 7 begegnen dem Leser gleich zwei Adelsgeschlechter mit „Geschichte“. Anton Wilhelm Karl von L’Estocq (* 2. November 1823 in Neustrelitz; † 18. August 1913), war ein preußischer Offizier, zuletzt Generalleutnant sowie Ritter des Ordens Pour le Mérite. Er entstammte der aus Frankreich geflohenen hugenottischen Familie L’Estocq, die besonders in preußischen Militärdiensten zu hohem Ansehen gelangt war. Seine Leistungen im Deutsch-Französischen Feldzug 1870/71 waren insbesondere in den Kämpfe bei Spichern, Gravelotte, Beaune-la-Rolande, Orléans und Le Mans sowie bei der Belagerung von Metz mitbestimmend für den Schlachterfolg. Auf Empfehlung ehemaliger Offizierskameraden erwählte er Blankenburg als Alterssitz. Seine Tochter Marie verheiratete sich mit Georges Eduard Baron von Wrangell aus einem baltischen Adelsgeschlecht. Aus dieser Ehe gingen die Kinder Vera und Wolf von Wrangell hervor. Vera wohnte noch in den fünfziger Jahren im elterlichen Haus, zusammen mit der unverheirateten Egla, Schwester ihres Vaters. Diese Egla studierte einst bei C. von Winkler Malerei und reüssierte fortan als Landschaftsmalerin zu Blankenburg. Maries Vater Georges Eduard Baron von Wrangell und Schwester Egla stammten vom Ritterschaftshauptmann Wilhelm von Wrangell ab. Wenn man dessen Geburtsort Neu-Archangel – das ist eine Stadt im südlichen Alaska – in Betracht zieht, kommt man schnell auf seinen Vater Ferdinand, der als einer der bekanntesten „von Wrangells“ gelten kann.
Der Deutschbalte und Weltumsegler Ferdinand von Wrangel (1796–1870) war russischer Admiral und Sibirienforscher. Nach ihm sind mehrere Bergmassive und vor allem die Wrangelinsel, die nahe der Tschuktschensee an der Nordostpassage gelegen ist, benannt. Während seiner Ausbildung als Seekadett nahm er an einer Weltumseglung teil. Diese Kenntnisse kamen ihm bei der Leitung einer Expedition in den unwirtlichen Nordosten Sibiriens zugute. Er entdeckte 1823 während einer Hundeschlittenexpedition, von der Kolyma kommend, diese Insel und gab ihr seinen Namen.
Anschließend kartierte er als erster die Bäreninseln. Für seine Leistungen für das russische Reich wurde er vom Zaren zum Gouverneur von Russisch-Amerika ernannt. Der heute unter dem Namen „Alaska“ bekannte Bundesstaat der USA wurde zum großen Leidwesen von Ferdinand im Jahr 1867 für 7,2 Millionen Dollar an die USA verkauft; so wollte der Zar seine im Krimkrieg arg geschröpfte Staatskasse wieder auffüllen.
Heute entsteht das Haus Herwegstraße 7 von innen geradezu neu und bildet somit eine gelungene Symbiose zwischen altem Flair außen und modernster Haustechnik innen.
Ein für Blankenburg selten gut ausgeprägtes Exemplar von Araucaria araucana ziert den Vorgarten und kündet von Blankenburgs mildem Klima. Diese immergrüne Pflanze kann eine Höhe von bis zu 30 Metern erreichen. Hohe Bäume werden indessen in Villengebieten zuweilen zum Problemfall, schnell ist das Gesamtbild herrlicher Villen vor lauter Bäumen verdorben.
Bekannt als Andentanne oder auch Affenschwanzbaum, ist diese Araukarie aber ein beeindruckender lichter Nadelbaum, der durch seine außergewöhnliche Erscheinung sofort ins Auge fällt. Mit ihren spiralförmig angeordneten schuppenartigen Blättern, die an stachelige Schuppen erinnern, bietet die Andentanne einen einzigartigen Anblick, der sowohl urzeitlich als auch majestätisch wirkt.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 127–130: „Herwegstraße 7“

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Villenstadt Blankenburg
Altes Gold
Die Fortsetzung von „Glanz und Geschichte“: Auf vielfachen Wunsch der Leserschaft öffnen sich die Türen zu weiteren Blankenburger Villen – opulent fotografiert von Clemens Bussert.
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