Villen in Blankenburg · Hasselfelder Straße 6
Eine Villa für den Investor, ein Rätsel für die Nachwelt – Hasselfelder Straße 6, Blankenburg
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Die Vorfahren der Familie Bähr waren im 19. Jahr hundert eine angesehene Handwerkerfamilie mit dem begehrten Prädikat »Hoflieferant«. Weitsichtig erkannte Carl Bähr den kommenden Bauboom und sicherte durch Anlegung von Privatstraßen die Erschließung des Blan kenburger Ostens. Investoren wie er erschlossen ganze Stadtteile auf eigene Kosten, um anschließend Grundstü cke zu vermarkten. Damals wurden von privater Hand Straßenverläufe angelegt, Bürgersteige gebaut. Die typi sche Ausstattung mit grauem Kleinpflaster kennzeichnet heute noch viele Gehwege. Mit den Namen Bährstraße und Elisabethstraße – Bährs Ehefrau –, Karlstraße und Lindestraße, das ist der Geburtsname der Ehefrau von Heinrich Bähr, an den wiederum die Heinrichstraße erinnert, verewigte sich die Investoren-Familie. Eine be festigte Fahrbahnoberfläche hingegen ließ dann mitunter Jahrzehnte auf sich warten.
Der nach 1890 einsetzende Villenbaubedarf bestätigte die Richtigkeit des investiven Wagnisses. Auch ande re Familien waren in der gleichen Absicht tätig, so die Familien Höfer und Elsner. Sie haben allerdings mit der Namensgebung Friedrich-August-Straße der Nachwelt eine Rätselnuß hinterlassen. Keinesfalls war Herzog Friedrich, preußischer General und Neffe des preußi schen Königs Friedrich des Zweiten gemeint; in diesem Fall hätte der Name die DDR-Zeit nicht überlebt. Viel mehr haben sich die beiden Investoren Friedrich Hoefer und August Elsner hier verewigt. Elsner hatte als Ziege leibesitzer und Kreisbaumeister ein großes Vermögen gemacht, Hoefer war unter anderem Bürgermeister. Der Hoftapezierer Karl Bähr, ein Verwandter von Carl Bähr verfuhr als Straßenbesitzer ebenso, ergo gibt es in Blan kenburg die Karlstraße. Die Privatstraßen wurden zwar nach und nach in städtisches Eigentum übernommen, die Namen aber blieben. Lindestraße, Heinrichsweg, Bährstraße sind nur einige davon. Und immer mehr Im mobilien konnte Carl Bähr sein Eigen nennen.
Als in Blankenburg zu Ehren des überaus beliebten Herzog Wilhelm eine Denkmalsäule aufgestellt werden sollte, der in Aussicht genommene Rathausplatz jedoch verweigert wurde, sprang Bähr helfend ein. Auf dem ausgedehnten Park des Grundstücks in der Hasselfelder Straße wurde das Denkmal provisorisch aufgestellt und blieb auch dort bis zur endgültigen Aufstellung 1909 vor dem Kleinen Schloß zu Blankenburg.
Doch es gab auch Gegner dieser Ehrung. Ein unehelicher Sohn des Herzogs, der nach seiner Pensionierung in Blankenburg Wohnung genommen hatte, pflegte wäh rend des täglichen Spazierganges am Denkmal seines Vaters stets anzuhalten und auszuspucken. Der Herzog hatte seine Mutter »sitzen gelassen«, sich nie zu ihm be kannt. 1945 wurde mit echt antifaschistischem Elan und russischer Unterstützung das Denkmal entfernt; heute erinnert ein Blumenrondell zwischen Straße und Klei nem Schloß an den ehemaligen Aufstellungsort. Die Besiedlung an diesem Ort war erst nach der Spren gung von Sandsteinklippen 1880 möglich geworden, es entstand das Planum der Hasselfelder Straße. Mit dem anfallenden Schutt konnte der Abzweig »Heidelberg« trassiert werden, so daß nun auch hier eine durchgehen de Bebauung möglich wurde. An der steil aufragenden Nordseite des Bährschen Parkes, er liegt acht Meter tiefer als die Straße, beginnt ein kleiner Stollen, der die darüberliegende Straße »Heidelberg« unterquerte. Zeit weise wurde er als Weinkeller der benachbarten Likör fabrik Kundler genutzt. Von 1942 bis 1945 wurde dieser Stollen zum Luftschutzkeller umfunktioniert. Zu diesem Zwecke wurde extra ein Luftschacht, bergmännisch: Wetterüberhauen, geschaffen. Dessen gemauerter Kopf kündet noch heute unmittelbar neben dem Aufgang zum Großvater von den damaligen Ereignissen.
Als Bähr nach 1885 seinen Ruhestand genoß, wohnte er in der Hasselfelder Straße 3. Auch die Tränkestraße Nr. 7 sowie eine große Obstplantage am Eichenberg mit Päch terhaus gehörten der Familie. So ist es kein Zufall, daß Vater und Sohn gemeinschaftlich das Hoffmeistersche Haus in der Hasselfelder Straße 6 kauften und umbau en konnten. Bauunternehmer Hoffmeister hatte zuvor gleich auch noch die Grundstücke Hasselfelder Straße 7 und 8 gekauft und bebaut.
Carl Bähr sen. verstarb am 10.8.1936. Im Stadtrat en gagierte er sich noch im hohen Alter sehr in Bauange legenheiten, aber auch im Vorstand des Herzog-Wil helm-Krankenhauses in der Wilhelmstraße. Die war nun tatsächlich nach dem Herzog Wilhelm benannt, zu dessen 75. Geburtstag am 25. April 1881 die Grundstein legung erfolgte.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 29–32: „Hasselfelder Straße 6“

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