Villen in Blankenburg · August-Winnig-Straße 6
Hort mit Teufelsfratzen – August-Winnig-Straße 6, Blankenburg
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Das Haus wurde vor 1900 erbaut; damals als erstes Haus in einer neu angelegten Straße. Sanitätsrat von Brincken nutzte die Gunst der Stunde, um die Straße nach seinem Namen zu benennen. Doch die Stadt reagierte unwirsch; in Sedanstraße wurde sie bald darauf umbenannt – nach der französischen Stadt, bei der eine entscheidende Schlacht des deutsch-französischen Krieges geschlagen wurde. In Sedan wurden die Übergänge über die Maas genommen, woraufhin das französische Heer kapitulierte. Der zweite September wurde schnell als „Sedan-Tag“ in Deutschland für patriotische Feiern genutzt, wohl auch, weil es dem Kaiserreich an einem Nationalfeiertag ermangelte.
Alsbald siedelten dort weitere Villenbauer. Immer höher die Berge hinauf hieß die Devise, man wollte weit ins Land sehen können und auch von anderen gesehen werden.
Erbaut von Herrn von Brincken also, mit standesgemäßer Eingangshalle inclusive umlaufender Eichentreppe im Treppenhaus, mit schweren Kronleuchtern und Messingtürklinken. Man wußte zu leben und genießen. Schon 1902 baute von Brincken das Objekt dann zu einem Bade- und Gesellschaftshaus um; die zugehörige Wandelhalle allerdings wurde im Jahr darauf wieder abgerissen. Die Nutzung als Badehaus schien sich nicht zu rentieren, ab 1904 diente das Haus wieder als Mietobjekt. Brincken selbst hat nie darin gewohnt. Dafür nahm der bekannte impressionistische Kunstmaler Rudolf Sieger mit Frau Emmi hier Quartier. Sieger war der erste Schüler von Lovis Corinth und wirkte bis zu seinem Tod 1925 in Rostock.
Gleich nach dem ersten Weltkrieg etablierte Freifrau von Schleinitz im Haus Nr. 3, später umnumeriert auf Nummer 6, ein Erziehungsheim für höhere Töchter. Damit lag sie genau im Trend, denn viele hinterbliebene Witfrauen von vermögenden Ehemännern waren beim Ableben des Gatten mit der Problematik der Erhaltung großer Villen überfordert. Da kam die Geschäftsidee, Töchter aus gutem Hause bei sich aufzunehmen und ihnen eine feine hauswirtschaftliche Ausbildung angedeihen zu lassen, gerade recht. Bis etwa 1930 lief das Modell ganz zufriedenstellend, dann ebbte zu Zeiten der auch Blankenburg erreichenden Industrialisierung der Bedarf ab; Töchterheime hatten sich überlebt. Das Haus sah anschließend einige Mieter, aber 1949 mußten alle Wohnungen geräumt werden, vorrangiger Bedarf war angemeldet worden.
Ein kommunales Lehrlingswohnheim zog hier ein. Ein erstes derartiges Haus war zuvor in der Schleinitzstraße unter der Heimleitung von Herrn Saalfeld entstanden. Mit „Charli“ Saalfeld, dem Kommandeur der Kampfgruppenhundertschaft des Harzer Werkes besaß er nur eine zufällige Namensgleichheit. Ab Oktober 1949 führte Fritz Eckert als Heimleiter dieses Haus. Er, der 1945 aus der Kriegsgefangenschaft kam, verdingte sich zunächst beim „Roten Herzog“ Otto Kallmeyer, Kommunist und Chef des Tbc-Heimes im Großen Schloss als Haus- und Gartenmeister. Besagter Kallmeyer wurde als „Vorzeigekommunist und Parteiveteran“ überall herumgereicht und hatte viele Auftritte bei Jugendstunden und 1. Mai-Demonstrationen. Seine nachgewiesen KZ-Jahre adelten ihn gewissermaßen, doch daß er im KZ das grüne Dreieck trug, war nicht bekannt. Sein Name wurde bei den Ermittlungen zum Lohngeldraub aus der Seilbahngondel des Kalkwerkes in Hüttenrode bekannt. Durch das fehlende Geld gerieten viele Arbeiterfamilien in existentielle Not und der Haß auf den Übeltäter führte dann zur Denunziation und Einweisung in ein Konzentrationslager. 1962 ging die Immobilie an die Stadt, denn es existierte ein großer Bedarf an Hortplätzen. Die heute als Baby-Boomer bezeichnete Generation trat nun stark in Erscheinung. Das Lehrlingswohnheim wanderte in die Olfermannstraße und wurde in der Folge vom Harzer Werk betrieben.
Seit den fünfziger Jahren gab es im Ort lediglich einen städtischen Hort am Jahnsportplatz, das Gebäude existiert heute nicht mehr. Ein stetiges Bevölkerungswachstum machte sich nun auch bei Kindergärten und Schulen bemerkbar, desgleichen beim Wohnungsbedarf. Ein weiterer Hort entstand bei der Bebel-Schule, dem heutigen Gymnasium. Die hier neu eingerichtete Grundschule mit den Klassen eins bis vier und der Hort in der Walter-Hartmann-Straße, hoch oben über den Dächern der Stadt, wurden der „Thie-Schule“ angegliedert. Frau Meyer führte die Einrichtung, bekannt als streng, aber gerecht. Für die jüngsten Schüler gab es bei besonders guten Leistungen einen „Bienchenstempel“ ins Schulheft. Bienchen waren ob ihres Fleißes positiv konnotiert, das war eine vorbildausübende Eigenschaft!
Die Thie-Schule unter Direktor Wedler hatte in dieser Zeit innerhalb des Volksbildungssektors der DDR eine einmalige Stellung, vereinte man doch hier unter einem Dach die Klassenstufen 1 bis 12 und den Hort! Um 1968 wurde diese Mammut-Konstruktion verändert. Mit der Fertigstellung eines Oberstufenneubaus (heutige Bezeichnung Gymnasium) im Thiepark wurden die Klassenstufen 1-10 von 11 und 12 organisatorisch und räumlich getrennt; Direktor Wedler führte die Oberstufe weiterhin. Die Polytechnische Oberschule am Thie im altehrwürdigen Sandsteingebäude am Ende der Thie-Achse übernahm als Direktor Roland Fischer, ein vertriebener Sudetendeutscher.
Die Sedanstraße war da bereits seit Jahren in Walter-Hartmann-Straße umbenannt worden, zur Ehrung eines im KZ verstorbenen Blankenburgers. Auch der wichtige Stollen von der Eisenerzgrube „Braunesumpf“ nach Blankenburg erlebte 1952 die Namensverleihung mit diesem Ehrennamen.
Viele Jahre ächzten die Kleinen – die Lehrer aber auch – den extremen Anstieg des Silberborns hinauf. Es ist die steilste Straße der Stadt! Allerdings war die außerschulische Freizeit im unmittelbar angrenzenden Wald – Silberborn und Osterwiese – desto schöner und ersetzte mühelos jeden noch so pädagogisch gestalteten Spielplatz.
Auch die Essensversorgung war vorzüglich, kochten doch angestellte Fachkräfte im Souterrain des Hauses noch selbst. 1991 wurde die Nutzung als Hort hier beendet, auch die Straße wieder einmal umbenannt. Diesmal in August-Winnig-Straße, nach einem prominenten Blankenburger Politiker und Buchautor. Somit hält die Straße den Rekord der meisten Namensänderungen und Umbennungen von Blankenburg. Haus Nr. 6 wurde ab 1992 privatisiert, restauriert und seiner ursprünglichen Zweckbestimmung als Wohnhaus wieder zugeführt. Die ursprünglich am Haus vorhandenen, für Blankenburg einzigartigen Windfedern mit reichem Schnitzwerk jedoch, Teufelsfratzen mit langen Zungen darstellend, ganz in niedersächsischer Tradition – die sucht man heute vergebens. Das nachstehende Foto zeigt eine gestalterische Ähnlichkeit mit den beiden geschnitzten Narrenfiguren am Giebel des Hauses Welfenstraße 15.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 71–74: „August-Winnig-Straße 6“

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Villenstadt Blankenburg
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Die Fortsetzung von „Glanz und Geschichte“: Auf vielfachen Wunsch der Leserschaft öffnen sich die Türen zu weiteren Blankenburger Villen – opulent fotografiert von Clemens Bussert.
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