Villen in Blankenburg · Albrechtstraße 2
Direktoratsvilla am Bahnhof – Albrechtstraße 2, Blankenburg
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Seit dem 31. März 1873 erreichte die Welt der Eisenbahn auch Blankenburg. Doch die Halberstadt-Blankenburger Eisenbahn-Aktiengesellschaft wollte mehr. Dem Bau dieser Linie folgte 1875 die Hüttenbahn in Länge von 3,6 km, im Jahr 1880 die Strecke Langenstein-Derenburg (5,7 km), 1884 bis 1886 die Gebirgsbahn Blankenburg-Tanne (31 km), 1900 die Strecke Derenburg-Minsleben (6,8 km), 1907 die Strecke Blankenburg-Thale Bodetal (10,7 km) und 1916 die Kaltetalbahn (1,4 km).
Die Halberstadt-Blankenburger Eisenbahngesellschaft (HBE) hatte unsere Stadt 1873 an das Bahnnetz und damit an die weite Welt angeschlossen. Entscheidende Impulse gingen dabei von der Wirtschaft und hier im Besonderen von den neugegründeten „Harzer Werken“ aus, die naturgemäß sehr an einem kostengünstigen Versand ihrer Hüttenprodukte interessiert waren. Schon um 1880 erkannte der Vorstand, daß eine normalspurige Bahn in das Gebirge hinein, sozusagen dem Hinterland der braunschweigischen Kreisstadt Blankenburg, wirtschaftlich geboten war. Vor allem ging es Hauptaktionär Eltzbacher, dem Besitzer der Harzer Werke zu Rübeland und Zorge, um die Abschaffung der teuren und ineffizienten Erzstufenbahn, die seit 1875 das Eisenerz von Hüttenrode zur neu errichteten Schmelzhütte Blankenburg/Westend brachte.
Um diese Gebirgsstrecke bauen zu können, brauchte es einen sehr erfahrenen und wagemutigen Ingenieur. Der wurde in der Person Albert Schneider gefunden, übrigens ein Harzer Eigengewächs aus Trautenstein. Das repräsentative Empfangs- und Bahnhofsgebäude, zu dessen Bau die Osterklippe am Weinberg restlos ihren Sandsteinbestand hergeben mußte, war der erste Verwaltungssitz der Gesellschaft.
Punktet das Bahnhofsgebäude mit durchgehend klassizistischer Fassade, so zeigt die Direktoratsvilla Albrechtstraße 2 eher wilhelminischen Barock. Deren Fassade ist voll von vorspringenden Simsen, Stuckportalen über den wichtigsten Fenstern und allegorischen Stuckarbeiten. Bahndirektor Schneider, der Erbauer der Gebirgsstrecke, bezog in der ersten Etage des Bahnhofsgebäudes eine Dienstwohnung. Seinem Nachfolger Glanz war diese Wohnung zu laut, er setzte den Kauf der bis dato Major Güssow gehörenden Villa Albrechtstraße 2 durch. In dieser Villa finden wir denn auch alle weiteren Direktoren der HBE bis zur Enteignung 1946.
Erbaut wurde die schicke Villa vom Kaufmann Friedrich Lüning 1887/88, der frühzeitig in das Geschäft für „Centralheizungen“ eingestiegen war. Zu dieser Zeit boomten neuzeitliche Heizungsanlagen und auch Wasserinstallationen in den prächtigen Villen wurden stark nachgefragt – niemand wollte mehr sein Wasser von der Pumpe holen. So hatte denn Lüning alle Hände voll zu tun, auch außerhalb Blankenburgs wurde man auf seine Fähigkeiten aufmerksam. Der Titel Hoflieferant kam postwendend nach der Installation von fließendem Wasser in den Räumen des Großen Schlosses, quasi als Dank des Herzogs. Doch ach, schon 10 Jahre später folgte der Abstieg. Die Hallesche Zeitung meldete am 27. November 1897:
„Da die vom Hoflieferanten Lüning in Braunschweig erbaute Wasserleitung nicht die kontraktlich festgesetzte Wassermenge liefert, so gedenkt die Stadt gegen diesen klagbar vorzugehen und die Zahlung einer Konventionalstrafe von 48.000 M unter Anrechnung der einzubehaltenden Kaution von 10.000 M zu verlangen.“
Lüning verkaufte schleunigst seine Villa an Güssow und verschwand aus Blankenburg.
Nach Glanz‘ Tod wohnte dort Direktor Steinhoff und nach dessen Ableben wurde Heinrich Kratz zum Vorstandsvorsitzenden berufen. Kratz bildet eine Ausnahme im illustren Reigen der Bahnchefs, da er im Ort eine eigene Villa, in der Marienstraße 2 besaß und bewohnte. Doch schon 1930 – Kratz war inzwischen verstorben – läßt sich als neuer Bahndirektor Rudolf Lavezzari mit Ehefrau Elisabeth, Sohn Jochen und den Töchtern Ruth und Lore in dieser Villa als Hausherr nachweisen. Praktischerweise wohnte im Obergeschoß gleich der Betriebsassistent Krähe, war also immer „zur Hand“, wenn der Direktor ihn kurzfristig benötigte. 1944 wurde selbst der Bahndirektor zur Wehrmacht eingezogen, seine Familie mußte die schöne Dienstwohnung räumen. Frau und Kinder zogen in das „Eisenbahnerhaus“ Lindestraße 2. Lavezzari kam nach seiner Entlassung aus der Gefangenschaft nicht mehr nach Blankenburg zurück, seine berufliche Laufbahn setzte er in Lübeck fort.
Die Villa wurde im Laufe ihres Bestehens mehrfach umgestaltet, so fielen schon frühzeitig das repräsentative Vordach und die Freitreppe weg. Das Gewächshaus, einst eine Spielerei des Installateurs Lüning, mußte weichen, wohl weil es einem Direktoratsgebäude nicht dienlich war. An Zitronen- und Orangenfrüchten hatten die Eisenbahningenieure kein Interesse. Das große Grundstück wurde radikal verkleinert, Hausbauplätze entstanden.
Gleich links um die Ecke und auf der anderen Straßenseite, dabei die Achse des Thieparks überschreitend, liegt die Villa Kuno-Riecke-Straße 4. Hier zog August Trappen, 1948 mit Familie aus Allstedt kommend ein, um als Zimmermann beim Talsperrenbau zu arbeiten. Sein Sohn Friedel, geboren 1924, war erst Mitglied der NSDAP, kam 1947 aus französischer Gefangenschaft zurück und wurde Mitglied der SED. Von 1949 bis 1950 übte er die Funktion des FDJ-Chefs vom Kreis Blankenburg aus, dann wurde er Neulehrer, später ging er nach Berlin. Auf der Kulturschiene der SED kletterte er immer höher.
Im September 1973 war Exzellenz Friedel Trappen Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik in Chile und mußte dort hautnah den Putsch am 11. September miterleben. Sicher wußte er nicht, daß die Nummer Zwei der chilenischen Regierung, Carlos Altamirano in einer lupenreinen Geheimdienstoperation der Hauptverwaltung A des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR sicher außer Landes gebracht wurde und erst recht wußte er nicht, daß der ausführende Geheimagent im Dienste des Staatsratsvorsitzenden Honecker ein Landsmann von ihm war.
Rudolf „Rudi“ Herz, der einst als Bergmaschineningenieur auf der Grube „Braunesumpf“ seine berufliche Laufbahn 1958 begann, wohnte zu diesem Zeitpunkt in der Karl-Liebknecht-Straße und wechselte später zum Auslandsgeheimdienst der DDR. Im Alleingang hatte er dann das tolle Ding in Chile gedreht. Mit Fug und Recht ein sozialistischer James Bond!
Trappen als Diplomat wären ohnehin offiziell die Hände gebunden gewesen. Später diente Trappen im Staatsapparat und ging im Mai 1989 regulär in Rente. Nachzutragen ist seine Tätigkeit im Ältestenrat der PDS, Nachfolgepartei der SED.
Trappen ist bislang der einzige Harzer, der es zum Botschafter geschafft hat.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 121–126: „Albrechtstraße 2“

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