Roter Fingerhut
Digitalis purpurea (stark toxisch) – Zur Behandlung von Erkrankungen des Herzens hält die Natur dem Arzt wertvolle Pflanzen bereit.
Zur Behandlung von Erkrankungen des Herzens hält die Natur dem Arzt wertvolle Pflanzen bereit. Der wichtigste Vertreter ist zweifelsohne der Rote Fingerhut.
Er ist, wenn er seine Kerzen anzündet, ein prachtvoller Schmuck! Zuweilen sind es sogar Massenbestände, denen wir auch im Harz, wo er natürlich vorkommt, begegnen. Fontane beschreibt ihn in »Cecile« als »an der Sonne ausgebreiteten Purpur des Bergkönigs«. Das üppige Vorkommen ist auf vermehrten Kahlschlag, Pflanzung von Nadelhölzern und Sturm- oder Windbruch zurückzuführen, denn der Fingerhut ist sehr lichtbedürftig.
Aber diese Schönheit ist in allen Teilen stark giftig!
Der Rote Fingerhut ist die in Mitteleuropa am meisten verbreitete Fingerhut-Art. Andere Arten sind der Großblumige Fingerhut [digitalis grandiflora] mit hellgelben Blüten, der Gelbe Fingerhut [digitalis lutea] und der Wollige Fingerhut [digitalis lanata], die zu den Wegerichgewächsen [plantaginaceae] gehören.
Die Pflanze ist kalkscheu und gedeiht daher auf sauren, stickstoffhaltigen Böden.
Faszinierend sind die glockigen und oft riesengroßen Blüten, wenn sie von Juni bis August in dicken Trauben am oberen Ende des Stengels hängen und alle in eine Richtung weisen. Sie besitzen zwei lange und zwei kurze Staubgefäße und einen kegelförmigen Fruchtknoten und werden nach der Lichtseite ausgerichtet.
Von unten in den Schlund oder Rachen geschaut, sieht man, daß dieser gefleckt ist. Die einzelne Blüten-Glocke erinnert an den Fingerhut aus dem Nähkasten, daher der Name der Pflanze [digitabulum = Fingerhut].
Der unverzweigte Stengel, der sich aus der grundständigen Blattrosette herausschiebt, kann bis zu zwei Meter hoch werden: in großen Beständen ein beeindruckend leuchtendes Feld von roten, teilweise auch weißen Kerzen, die in den Himmel hinein ragen.
Die Pflanze ist zweijährig, blüht aber erst im zweiten Jahr und stirbt dann ab. Für Nachwuchs können nur Hummeln sorgen. Kleineren Insekten wird der Eingang zu den Staubbeuteln durch sogenannte Sperrhaare verwehrt. Die Fingerhutblüten sind zwittrig, das heißt diejenigen, die am Stengel von unten nach oben zunächst aufblühen, sind vor-männlich. Wenn sich die unteren dann im weiblichen Stadium befinden, sind die oberen erst im männlichen Stadium. Die Fremdbestäubung kann gelingen, weil die Hummeln die Blütenstände von unten nach oben anfliegen. Die Einzelblüte verwelkt nach fünf bis sechs Tagen.
Die zweifächrige Kapselfrucht enthält viele kleine braune Samen, die nach Aufspringen der Kapsel vom Wind ausgestreut und verbreitet werden.
Der Rote Fingerhut war schon vor Jahrhunderten in Irland und Großbritannien, wo er häufig vorkommt, innerlich und äußerlich in Gebrauch. Bei Verwendung größerer Mengen kam es zu Vergiftungen, und die digitalis als Heilpflanze geriet in Mißkredit. Erst 1785 führte der englische Arzt Withering sie wieder in die Heilkunde ein und machte als erster auf die dosisabhängigen Wirkungen und Nebenwirkungen aufmerksam. Seitdem ist der Rote Fingerhut für viele Patienten ein unentbehrliches Heilmittel geworden, das aber ausschließlich in die Hände eines Arztes gehört.
Nicht alle Kräuter können bedenkenlos verwendet werden. Manche ihrer Stoffwechselprodukte wirken sich ungünstig auf den menschlichen Organismus aus. Um die giftigen von den ungiftigen Pflanzen unterscheiden zu können, um Verwechselungen und damit auch unheilvolle Vergiftungen zu vermeiden, sind entsprechende Kenntnisse auf dem Gebiet der Pflanzenkunde erforderlich.
Der Harz beheimatet eine ganze Reihe von häufig vorkommenden Giftpflanzen, die also für eine Selbstbehandlung nicht in Frage kommen, deren Inhaltsstoffe für die Heilkunde aber unentbehrlich sind.
Hierzu zählen vor allem der Rote Fingerhut, der Blaue Eisenhut, die Herbstzeitlose, der Schierling, der Aaron- stab und die Nachtschattengewächse wie die Tollkirsche, das Schwarze Bilsenkraut, der Stechapfel und der Bittersüße Nachtschatten.
Es sind teilweise sogar Schönheiten, aber leider gefährlich, wenn Kinder nach den Früchten der Tollkirsche greifen oder auf Stengeln kauen oder an Blüten saugen.
Jeder Kontakt mit diesen Gewächsen sollte vermieden werden, denn Schleimhäute und selbst die sensible, unverletzte Haut können mit nachhaltigen Folgen gereizt und geschädigt werden!
Eine Vergiftung kann sich durch Übelkeit, Herzklopfen, schwachen oder erhöhten Puls, trockene Mundschleimhaut, Durchfall, Krämpfe bis zur Bewußtlosigkeit bemerkbar machen.
Im Fall einer Vergiftung Erbrechen auslösen, keine Milch geben und sofort einen Arzt rufen. Teile der betreffenden Pflanze und Erbrochenes aufheben und Symptome genau beschreiben.
Aus dem Buch: Altes Kräuterwissen aus dem Harz, S. 134–137: „Roter Fingerhut“

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