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Kräuterwissen

Echter Baldrian

Valeriana officinalis – Der Baldrian ist eine Arzneipflanze mit langer und wechselhafter Tradition.

Echter Baldrian

Der Baldrian ist eine Arzneipflanze mit langer und wechselhafter Tradition. Im Lorscher Arzneibuch, dem ältesten schriftlichen Zeugnis der Klostermedizin aus der Karolingerzeit, wird der Baldrian als wichtigster Bestandteil einer großen Rezeptur genannt: »Allzu viel Schlaf gleicht das Mittel mit Wachen aus, bei übermäßiger Schlaflosigkeit sorgt es für den entsprechenden Schlaf, es befreit von Erschöpfung, nimmt die Trägheit.« Die Pflanze wurde jedoch schon von griechischen und römischen Ärzten gebraucht. Im Mittelalter galt der Arzneibaldrian [es gibt ca. 250 Bal- drian-Arten] als Allheilmittel, das bei weitaus mehr Beschwerden angewendet wurde als ursprünglich und heute:

Baldrian »macht holdtselig, eyns und fridsam, wo zwei das Wasser drinken!« Otho Brunfels Die Bedeutung des Baldrian geht auf den nordischen Gott Baldur zurück, den Hilfsbereiten und den Gott des Lichtes. Sein Name ist wahrscheinlich eine Verdeutschung des lateinischen valeriana, von valere = gesund, kräftig.

Der Echte Baldrian ist in ganz Europa heimisch und wächst überall auf feuchten Wiesen und an Ufern. Trockenheit und Dürre verträgt er nicht.

Im Frühjahr zeigen sich zuerst die gefiederten Blätter als Kissen. Ende April steigen die ersten Stiele auf und werden bis zum Hochsommer oft mannshoch. Im Juli und August treten die rosafarbenen Blüten als Trugdolden in Erscheinung, die sich über ihre Umgebung weit sichtbar erheben und angenehm duften. Baldriane gehören zu den Baldriangewächsen [valerianaceae].

Das charakteristische Aroma beherbergt nur die Wurzel, das sie erst nach dem Trocknen verbreitet. Wegen dieser Eigenschaft war die Pflanze auch ein Zauber- und Hexenkraut, das alles Böse fernhalten sollte. Ein Zauberspruch lautete:

»Baldrian, Dost und Dill, kann die Hex nicht wie sie will.«

Fernhalten läßt sich aber nicht die Katze, sie liebt das Pflanzenaroma und legt sich gerne in das Kraut! Tollerjan oder Katzenkraut sind andere Namen der Pflanze, weil Katzen, und wohl mehr noch die Kater, durch den Geruch wie toll werden. Baldrian bietet sich wie seit alten Zeiten bei allgemeiner Nervosität, Unruhe und Anspannung, Konzentrations- und Einschlafstörungen sowie Reizbarkeit an, wenn auch seit dem 18. Jahrhundert die Wertschätzung im Laufe der Zeit erheblich schwankte. Er scheint aber immer noch das am häufigsten eingesetzte Pflanzenmittel zu sein, das sich positiv auf das Seelenleben auswirkt und sich dabei auch bewährt hat.

Der eigentliche Wirkmechanismus ist ungeklärt. Der Therapieerfolg ist wohl auf das Zusammenwirken aller Inhaltsstoffe und die Beeinflussung des Geruchssinns zurückzuführen. Es wird auch davon berichtet, daß die schlaffördernde Wirkung von Baldrian durch dessen Interaktion in Nervenzellen, die einen hemmenden Botenstoff ausschütten, zurückzuführen sei.

Als die wichtigsten Wirkstoffe werden gegenwärtig das ätherische Öl mit den Hauptbestandteilen Borneol, Valeranon und die Valerensäuren angesehen. Baldrianzubereitungen wirken beruhigend, krampflösend, psychisch leicht anregend bei Unruhe, Angst und Spannungszuständen, nervösen Herzbeschwerden und Schlaflosigkeit. Das Besondere besteht darin, daß Baldrian entspannend wirkt, ohne gleichzeitig müde zu machen, so daß die Anwendung auch am Tage empfehlenswert ist. Wissenschaftliche Studien belegen eine verkürzte Einschlafzeit und bessere Schlafqualität. Nach drei bis vier Wochen bessert sich auch die Tagesbefindlichkeit. Baldrian ist aber kein Einschlafmittel, sondern ein Schlafvermittler. Für ein Erfrischungsgetränk übergießt man Baldrianblüten mit zerkleinerter ungespritzter Zitronenschale und belebt sich so bei Abgespanntheit am Tage.

Achtung! Nicht zusammen mit verschreibungspflichtigen Schlaf- oder Beruhigungsmitteln einnehmen!

Der beste Baldrian ist in Pansfelde, einem Ortsteil von Falkenstein im Harz, im einzigen Ort in Deutschland, angepflanzt, geerntet und verkauft worden. Von 1892 bis 1940 wurde Baldrian hier feldmäßig angebaut und gezüchtet. Er bildete die Existenzgrundlage für die Bauern. Der Anbau erwies sich als sehr mühsam. Die Wurzeln wurden zu eigenartigen Zöpfen gebunden und zum Trocknen in Scheunen aufgehängt.

Erst 1984 ist eine schriftliche Kulturanleitung zum Anbau herausgegeben worden.

Aus dem Buch: Altes Kräuterwissen aus dem Harz, S. 42–45: „Echter Baldrian“

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