Königskerze
Verbascum densiflorum – In stattlicher, ja majestätischer Größe erhebt sich diese Pflanze an weniger königlichen Stellen: an Hängen und Bahndämmen, auf Schutthalden und Kahlschlägen.
In stattlicher, ja majestätischer Größe erhebt sich diese Pflanze an weniger königlichen Stellen: an Hängen und Bahndämmen, auf Schutthalden und Kahlschlägen. Oft genügt ihr nur eine Mauerritze, um sich emporzurecken. Dort brennt sie aber wie ein Leuchter, wie eine Kerze mit unzähligen gelben Einzelblüten besteckt, und überragt unübersehbar alle ihre Nachbarpflanzen – wahrhaft eine Erscheinung in der Natur, auch im Harzgebiet.
Aber nicht nur deswegen trägt sie ihren königlichen Namen. In keinem Weihebusch’n durfte oder darf sie als Straußmitte fehlen, dem großen Kräuterstrauß, der in katholischen Gegenden am 15. August, dem Tag der Mariä Himmelfahrt, in der Kirche an Mariens Altar geweiht wird.
Außerdem wurde sie auch als Kerze gebraucht. In seinem Kreuterbuch von 1532 berichtet Otho Brunfels, einer der Botanik-Väter, »so mans mit hartz oder bech überstreycht, brennet es wie eine kertz«. Der Flaum diente noch später als Zunder und die Blätter als Lampendocht.
In Frankreich haben junge Leute am »Jour des Brandons« aus den ölgetränkten Stengeln der Königskerze Fackeln gemacht und sind abends in Dunkelheit durch das Dorf gelaufen. Auch Heinrich Waggerl wußte von diesem Brauch:
Mit Königskerzen ist nicht zu spaßen. Unsereiner sollte die Hand davon lassen, obwohl der König doch keine Kerze gebraucht, die wie ein Talglicht flackert und raucht.
Die Königskerze ist eine Blume des Sommers, sie blüht von Juni bis in den September hinein. Sie war wichtig im germanischen Sonnenwendkult, später spielte sie mit den Bräuchen zum Johannistag ihre Rolle: Mit Erd- und Himmelskräften ausgestattet, gewährt sie Schutz, wenn sie durch das Johannisfeuer gezogen oder als Fackel zum Ausräuchern von Viehställen benutzt wird, damit niemandem Böses zustoße. Neben der großblumigen wird noch die filzige Königskerze [verbascum phlomoides] verwendet. Hildegard von Bingen nannte sie Vulluna nach den behaarten Blättern, wir bezeichnen sie heute mit Wollblume, auch Himmelsbrand oder Marienkerze, die Hildegard gegen rauhen Hals und Schmerzen in der Brust empfahl.
Von den vielen auch nicht genannten Bräuchen ist sicher nicht mehr viel übrig geblieben, aber nach wie vor zählt die Königskerze zu unserem unentbehrlichen Heilschatz. Sie ist zweijährig mit langer Pfahlwurzel, ihre Rachenblüten entfaltet sie erst im zweiten Jahr. Die Rachenform ist an den Blüten zwar kaum zu erkennen, aber sie stellen bei den verschiedenen Verbascum-Arten doch die Grundform der Rachenblütler [scrophulacae] dar.
Im ersten Jahr erscheint lediglich eine Blattrosette, aus der sie dann im Folgejahr einen bis zu 1,50 Meter hohen, runden, meist filzigen Stengel hervortreibt. Die Blätter sitzen dicht am Stiel.
Der Blütenstand ist ährenartig und setzt sich aus zwei- bis fünfblütigen Büscheln zusammen. Blütenbesucher empfängt die Königskerze nur zu bestimmten »Öffnungszeiten«, die bestäubenden Insekten können so von sechs bis neun Uhr zur Pollenernte kommen, weil sie ausschließlich zu dieser Tageszeit die Staubbeutel öffnet. Die späteren Früchte sind vielsamig, die die Wiederaussaat an Ort und Stelle garantieren.
Von den insgesamt 240 Arten sind etwa vierzehn in Deutschland beheimatet, zu Heilzwecken sind jedoch nur die Großblumige und die Wollige Königskerze verwendbar.
Die Blätter, besonders aber die Blüten enthalten Schleimstoffe, Invertzucker, Flavonoidglykoside und Saponine und haben sich bereits in der Antike bei Husten und Heiserkeit, Asthma und Bronchialerkrankungen bewährt. In der Volksheilkunde dienen beide Pflanzenteile außerdem als harntreibende und wundheilende Mittel. Alle Zubereitungen [Tee, Umschläge] sollten aber filtriert werden, denn die Wollhaare, die nicht nur auf den Blättern, sondern auch auf Staub- und Kelchblättern sitzen, könnten Haut- und Schleimhautreizungen hervorrufen. Die Blüten dienen hin und wieder als Schmuckdroge oder als Färbemittel. Hieronymus Bock empfiehlt sie in seinem Kreutterbuch zur Haarwäsche, sie »machen schönes Haar«. Wer aufmerksam durch die Natur wandert, begegnet der gelben Majestät Königskerze immer noch relativ häufig auf Waldschlägen oder an Wegrändern. Er sollte auch einmal vor ihr stehen bleiben, um ihr den königlichen Gruß zu entbieten; er wird mit ehrwürdiger Schönheit belohnt und an ihre Heilkraft erinnert.
Aus dem Buch: Altes Kräuterwissen aus dem Harz, S. 114–117: „Königskerze“

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