Frauenmantel
Alchemilla vulgaris – Der in dem Gedicht genannte Himmelstau rief im Mittelalter die Alchemisten auf den Plan.
Das Kräutlein treibt ein rundes Blatt, wie keines ringsherum es hat. Mit zierlich eingekerbtem Rand, ist für den Tau es angespannt, recht als ein Schälchen hingestellt, in welches Perl auf Perle fällt. So hebt es auf des Himmels Tau, der niedersinkt auf Flur und Au’.
Johannes Trojan
Der in dem Gedicht genannte Himmelstau rief im Mittelalter die Alchemisten auf den Plan. Ihr Interesse an dieser Pflanze ergab den Namen alchemilla.
Als Wundertropfen sammelten sie die in der Sonne auch goldglänzenden »Tauperlen« – ein reines, geläutertes Wasser – um die Materie zu finden, mit der man unedle Metalle in Gold verwandeln könnte.
Es ist lediglich Wasser, das die Pflanze in der Nacht über kleine Poren an den Blatträndern ausscheidet und bei Sonnenaufgang golden glänzen läßt. Diese Guttationstropfen bilden sich auch schon vor Regen oder Gewitter; Frauenmantel ist also ein Wetterprophet. Als Kulturpflanze [alchemilla mollis] ist Frauenmantel in Gärten beliebt geworden. Die Wildform ist zwar kleiner, hat aber einen wesentlich höheren Wirkstoffgehalt. Die Samenbildung erfolgt ohne Befruchtung, es findet also kein Austausch der Erbanlagen statt, jede neue Pflanze entspricht ganz der Mutterpflanze, die sich über den Wurzelstock vermehrt.
Das wirkliche Gold der Pflanze ist jedoch in seiner Heilkraft zu finden. Als Heilpflanze ist sie in der Antike nicht genannt worden. Die ersten schriftlichen Quellen stammen aus dem frühen Mittelalter. In der Klosterheilkunde wird die Pflanze als stark wärmend und trocknend eingestuft.
Otho von Brunfels bezeichnet die Pflanze in seinem Kreuterbuch noch mit Sinau und nennt Anwendungen als Frauen- und Wundkraut. Am schönsten wird der Frauenmantel im Kräuterbuch von Hieronymus Bock beschrieben, der die Pflanze auch erstmals mit alchemilla bezeichnet: »Hier haben wir ein sehr trefflich Kraut [allerhand Brüch im Leib und außerhalb zu heilen] von Gott beschaffen, sein complexion und natur ist zu kühlen geneigt.« In späteren Büchern wird immer wieder die Behandlung von Wunden und Magen-Darm-Beschwerden genannt. Das änderte sich im 20. Jahrhundert.
Gemäß der Signaturenlehre – die Blätter erinnern an einen Frauenmantel – rückt die Anwendung bei Frauenleiden in den Vordergrund. Von den rundflächigen ausgebreiteten Blattschalen, fünf- bis neunlappig gefaltet und weich behaart, wird die schützende Wirkung auf die weiblichen Geschlechtsorgane abgeleitet. Der symbolische Bezug zum heiligen Mantel der Gottesmutter erhöhte als Marienpflanze den heilenden Wert.
Der Frauenmantel gehört zu den Rosengewächsen [rosaceae] und blüht von Mai an den ganzen Sommer über in gelblich-grünen kleinen Blüten, die zu knäuelförmigen Blütenständen angeordnet sind und honigartig duften. Es ist eine typische Schattenpflanze, sie bevorzugt feuchte Wiesen und lichte Wälder.
Verwendet wird das ganze Kraut ohne die Wurzel, das Gerb- und Bitterstoffe, Flavonoide und ätherisches Öl enthält. Frauenmantel ist auch wegen der adstringierenden Wirkung durch den Gerbstoffgehalt eine klassische Frauen-Heilpflanze, sie enthält außerdem Phytohormone und beeinflußt die Östrogen-Dominanz. Auch wenn der Einsatz bei Frauenleiden von Wissenschaftlern bestritten wird, weil die Inhaltsstoffe diese Wirkung nicht erwarten lassen, hält die Erfahrung der Heilkunde aber positive Wirkungen besonders im Klimakterium, bei Menstruationsbeschwerden und unregelmäßiger Monatsblutung entgegen. Bei Kinderwunsch ist die Anwendung von Frauenmantel in der zweiten Zyklushälfte hilfreich.
Zur Stärkung der Beckenmuskulatur kann die Pflanze vor der Geburt über sechs Wochen als Kur eingesetzt werden. Die Wirkung ist gleichzeitig geburtserleichternd und geburtsfördernd.
Frauenmantel wird nach wie vor empfohlen für Sitzbäder bei fluor albus und äußerlich bei Wunden und nässenden Ekzemen. Die adstringierende Wirkung auf Haut und Schleimhaut bewirkt eine zusammenziehende und abdichtende Reaktion auf die oberen Gewebsschichten. Für kleine oberflächliche Wunden ist Frauenmantel demnach geeignet.
Ein Teeaufguß leistet gute Dienste bei unspezifischen Durchfällen und als Gurgelwasser bei Schleimhautentzündungen von Mund und Rachenraum.
Aus dem Buch: Altes Kräuterwissen aus dem Harz, S. 82–85: „Frauenmantel“

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