Pensionopolis ade – Villenstadt Blankenburg
amerikanische Truppen am 20. April 1945 blieben die Villengebiete weitestgehend unzerstört. Die Zerstörungen waren in der Alt- oder Kernstadt am verheerendsten; 60 Häuser wurden dort zerstört. Die übergroße Wohnungsnot der Nachkriegszeit, die durch den Zuzug tausender Vertriebener aus den nicht mehr deutschen Siedlungsgebieten bedeutend verstärkt wurde, forderte nun gebieterisch die Ausnutzung jeglicher Wohnmöglichkeit. In dieser Situation gerieten die Villen, durchweg mit großzügigen Wohnflächen ausgestattet, wieder in den Blick punkt der Kommunalverwaltung. Mieter wurden nicht mehr vom Eigentümer ausgesucht, sie wurden eingewiesen. Wohnungen wurden abgeteilt, aus herrschaftlichen Räumen wurden Zimmer zu profanem Zweck. Zuvor hatte eine schier unübersehbare Zahl von Beamten aller Art, Unternehmern und Militärs, sehr frühzeitig auch die herzogliche Familie selbst, die Stadt in Richtung Westdeutschland verlassen. Unter einer Herrschaft von Sowjet-Russen und un ter Kommunisten wollten sie nicht leben. Am 23. Juli 1945 floh die herzogliche Familie unter Mitnahme zahlreicher Kunstgegenstände etwa zeitgleich mit den einrückenden Russen nach der Marienburg bei Nordstemmen. Residenz raus, Russen rein. Damit endete die Zeit Blankenburgs als Residenzstadt endgültig.
Unmittelbar nach dem Ruchbarwerden des Gebietsaustausches der Engländer mit den Russen wurden viele Objek te zwar nicht de jure, wohl aber de facto herrenlos. Villen standen kurzzeitig leer. In dieser Zeit wurde das schöne Pensionopolis proletarisiert. Großbetriebe wie die unangefochtene Nr. 1, der VEB Harzer Werke, gaben den gesell schaftlichen Ton an, hier war die Arbeiterklasse konzentriert. Auf die Wünsche dieser tonangebenden Firmen mußte der Bürgermeister reagieren. Doch da gab es auch ein Nehmen und Geben. Großbetriebe bauten und betrieben auf eigene Rechnung Kindereinrichtungen, gründeten betriebseigene (Arbeiter)wohnungsbaugesellschaften. So ent stand zum Beispiel das Erholungsheim »Goldbachmühle«.
riesigen Wohnungsbedarf für die neuen Arbeitskräfte mit sich. Die Gesellschaft formt das Umfeld, so auch hier in Blankenburg. Für die Villen bedeutete das einen Substanzverlust ohnegleichen. Als Ausnahmeklientel indessen kann der Zuzug wichtiger Fachleute, vor allem mit Intelligenzberufen für das Riesenbauwerk »Bodewerk« gelten, das von Blankenburg aus geleitet wurde. Gleiches gilt für das Forschungs- und Entwicklungswerk der Reichsbahn. Die Zusammensetzung der Bevölkerung änderte sich radikal, man kann ohne Übertreibung sagen, daß ein sehr großer Teil der einheimischen Bevölkerung ausgetauscht wurde. Der Status »Alteingesessen« wurde selten. Arbei ter, die in den Großbetrieben dringend benötigt wurden, gewannen auch zahlenmäßig die Oberhand. Traditionell wohnte diese Bevölkerungsschicht eher im Blankenburger Hakeldama, einem Wohngebiet hinter dem Bahnhof. Nun eroberten sie auch die Villen. Die Magie der Villenviertel war dahin. Der stürmische Aufbau der Grundstoffindus trie in der Region Blankenburg, vor allem die Harzer Werke und Eisenerzgrube Braunesumpf brachten einen Die jahrzehntelange Mangelwirtschaft richtete großen Schaden an den prächtigen Villen an. Obwohl die Häuser voll bezogen waren – meist mußten sich mehrere Mietparteien eine Etage teilen – wurde die Pflege sträflich vernachläs sigt. Material fehlte, Handwerker waren rar, Dächer undicht. Als auch in Blankenburg das Wohnungsbauprogramm der DDR anlief und die Plattenbauten im Wohngebiet »Regenstein« entstanden, waren diese Neubauwohnungen sehr begehrt. Nach Möglichkeit wollten viele Familien dort wohnen. Mit einer Wohnung in einer Villa, die zumeist noch nicht einmal eine abgeschlossene Einheit darstellte, konnte niemand mehr gelockt werden. So etwas bot die Kommunale Wohnungsverwaltung, später VEB Gebäudewirtschaft, in den siebziger und achtziger Jahren vor allem jung verheirateten Paaren an.
Die Häuser der in die BRD verzogenen Besitzer wurden zumeist treuhänderisch von der kommunalen Wohnungs verwaltung der Stadt mit verwaltet, doch davon profitierten sie nicht. Selbst wenn finanzielle Überweisungen vom Eigentümer eintrafen, was nicht die Regel war, so galt es nicht als sicher, daß dieses Geld auch dem alten Familien besitz zugutekam. So versanken die Kleinode nach und nach in Dornröschenschlaf, während rund herum die Natur fröhlich wucherte.
Nach 1990 änderte sich die Situation grundlegend. Auch wenn es der Stadt nicht gelang, den Status einer Kurstadt zu erlangen, so wurde doch versucht, an alten Glanz anzuknüpfen. Urplötzlich waren Immobilien mit Villen wieder als Wertanlage interessant. Die Erben der Altbesitzer konnten ihr Eigentum aufgrund des Einigungsvertrags zurück fordern und machten davon auch reichlich Gebrauch. Der Begriff der Restitutionsvillen kam in Mode. In Blanken burg wurde die unwahrscheinlich hohe Zahl von rund 500 Häusern, darunter sehr viele Villen im Zeitraum 1990 bis 2008 aus kommunalem Eigentum an Alteigentümer und deren Erben zurückgegeben. Nicht immer war die Rück führung alten Familienbesitzes angenehm, denn auf vielen Häusern lag mittlerweile eine (Zwangs)hypothek, die mit übernommen werden mußte!
Es zeigte sich überdies, daß der Adel aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, der längst nicht mehr über seine land- und forstwirtschaftlichen Flächen verfügen konnte, auch nicht mehr finanziell in der Lage war, große Villen unterhalten zu können. Viele, die immer noch einen ererbten und klingenden Adelstitel trugen, gingen längst einem normalen bürgerlichen Leben nach. Einige verkauften sofort wieder, andere begannen zu restaurieren, aber nur we nige Alt-Besitzer zogen auch wieder in ihre Häuser ein. Standesgemäßes Leben und Auftreten – das war einmal. Rechtsanwälte, Steuerberater und ähnlich hochpreisige Dienstleister haben heute ihre Büros in den Villen. Es ent standen nach 1990 sogar Neubauvillen, die sich zumeist gut in das Ensemble einfügen. Innerhalb der Villengebiete gab und gibt es noch freie Grundstücke. Mangels entsprechender Bausatzung wurden freilich auch unpassende Haustypen mit Vorstadtcharakter zugelassen. Manchem dieser kleinen Häuserl sieht man den sehr eingeschränkten finanziellen Spielraum des Besitzers förmlich an. Es ist schwer vorstellbar, daß in 100 oder mehr Jahren Menschen vor diesen Bauten bewundernd stehenbleiben werden; vor den imposanten Villen der Gründerzeit aber schon. Diese Häuser stehen gewissermaßen für eine Apotheose des »herzoglichen« Blankenburgs.
Dennoch gibt es einen Unterschied zu früher: Zahlreiche auf den Villengrundstücken vorhandene Bäume sind inzwischen so hochgewachsen, daß sie die Sicht auf manche der noblen Fassaden verdecken. Es wäre sehr zu wün schen, wenn hohe Bäume perspektivisch aus dem Villengebiet verbannt würden; sie gehören innerhalb des Stadt gebietes eher in Parkanlagen. Große Waldbäume als Sichtschutz? Wer sein Haus verstecken möchte, der bräuchte kein prachtvoll-repräsentatives Gebäude bauen. Eine Villa soll, möchte nach außen wirken. Alles andere ist diesem Haustyp nicht angemessen.
Gerade für den Blankenburger Einwohner ohne Villenerfahrung wird vieles neu sein, was er in diesem Buch erfahren kann. Es ist ja etwas ungewohnt, wenn man sich einer Stadt, in der man langjährig zu Hause ist, plötzlich aus neuen Perspektiven nähert. Zwei große Trennungsstriche, sie heißen Krieg und DDR-Zeit, hat das Schicksal hier gezogen. Es hat die Stadt verändert, schmerzhaft, doch es hat ihr Antlitz nicht unkenntlich gemacht.
Doch die schönste Fassade ist nur äußere Hülle, im Inneren sind die Schätze zu finden, die es zu heben gilt. Die Bewohner der Blankenburger Villen, ob Eigentümer oder Mieter, waren und sind Träger von regionaler Geschichte; einige haben deutschlandweite Bekanntheit erlangt. Hier taucht der Leser ein in eine längst versunkene Geschichte, die aber doch das Fundament der heute lebenden Generation bildet.
Gepflegte Grundstücke mit noblen Häusern, mit wunderbarer Hanglage in Waldnähe – das zeichnet unsere Stadt aus.
Blankenburg: Die Villenstadt. Die Blütenstadt am Harz.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 12–14: „Pensionopolis ade“

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Villenstadt Blankenburg
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