Blaues Blut und Grüner Rasen – Villenstadt Blankenburg
Noch 1865 zählte die Stadt lediglich 4.000 Einwohner. Doch um diese Zeit wurde Blankenburg zuerst als Erholungsund bald darauf als exklusiver Wohnort entdeckt. Sanitätsrat Otto Müller erweckte das Städtchen aus dem Dorn röschenschlaf, als er nach langer Suche die Stadt als idealen Ort zur Heilung seiner Nervenkranken erkor. Mit einer Kurklinik fing also alles an.
Wie so oft im Leben, liegen auch hier Zufall und Schicksal eng beieinander.
Überwiegend in Westwindrichtung liegend, findet man in der Blütenstadt ein mit Baden-Baden oder Wiesbaden ver gleichbares Klima vor. Blankenburg wurde nach dem Deutsch-Französischen Krieg »entdeckt«. Von vermögenden Leuten, das ist wichtig zum Verstehen der nachfolgenden Zeiten.
Vor den Toren der Stadt wuchsen nun exklusive Wohnquartiere, denn die Altstadt konnte den Neubürgern nicht das exklusive Ambiente in schönster Naturlage bieten. An den Nordhängen der Harzberge, vorzugsweise an den Aus läufern des Eichen,- Knorren- und Heidelberges sowie der Teufelsmauer begannen Villenviertel die Höhen zu er klimmen. Der steile Nordharzrand bot Schutz vor Harzstürmen, man lag gewissermaßen im Lee des Gebirges, erst in der Bahnhofsregion erreichten die störenden Winde das Flachland. Kein Zufall also, daß dort kaum Villen zu finden sind.
Die Stadt wuchs also in diesen Jahren nach allen Seiten, am augenfälligsten aber in der Zeit von 1890 bis 1910 die prominenten Stadtteile mit Villencharakter. Der eigentliche Bauboom setzte nach der Überwindung der Gründer krise ein und erreichte seinen Höhepunkt zwischen 1898 und 1908. Es kam viel Kapital nach Blankenburg und löste einen zweiten Bauboom aus, der zu einer geschlossenen Bebauung führte. Auffallend ist, daß die meisten dieser Häuser von Bauunternehmern als Spekulationsobjekte zum sofortigen Weiterverkauf gebaut wurden und daß einige Bauherren mehrere Häuser gleichzeitig als Investitionsobjekte in Auftrag gaben. Ein Eldorado für Architekten; damals schienen sie freie Hand gehabt zu haben. Die Mehrzahl der Fassadenentwürfe bevorzugte historische Hausfronten. Der Zeitgeist brachte es mit sich, daß eben Villen gebaut wurden, ganz ohne reglementierende Bausatzung. In späteren Jahren, eigentlich bis zur Gegenwart machte sich das Fehlen von gestalterischen Vorschriften dann allerdings negativ bemerkbar, denn die Durchmischung der Villengebiete mit unpassenden Häusern wäre vermeidbar gewesen. Dresden beispielsweise besitzt seit 1891 in den Stadtteilen beidseitig des »Blauen Wunders« so eine Satzung, derzufolge erst sechs Meter hinter der Grundstücksbegrenzung zur Straße das Gebäude errichtet werden dürfe. Dieses müsse zudem mindestens zwei Vollgeschosse haben und andere Gestaltungsanforderungen mehr. Ein bis heute anhaltend wirkender, nobler Eindruck ist die Folge. Freilich hatte das auch Einfl uß auf die Immobilienpreise. Für die noch bestehenden Baulücken in Blankenburgs Villengebieten sollten diesbezügliche Bauvorschriften alsbald erlassen werden, denn ungeregelter Wildwuchs kann das Gesamtbild verderben.
Insbesondere die Gartenstadt am Westend wuchs stürmisch, hatte doch hier die Stadtverwaltung mit der Gartenhöhe ein großes Baugebiet in ausgesuchter Lage bereitgestellt. Seither zieren viele Villen das Weichbild der ehemaligen Ackerbürgerstadt; künden von stürmischen Zeiten der Entwicklung und damit untrennbarer Mehrung des Einwohnervermögens. Freilich nicht für alle Blankenburger Bürger, und so sind unter den Villenbesitzern wenig Einheimische, dafür umso mehr »Taugetreckte« zu fi nden. Der Reichtum kam also von außen in die Stadt, was für sie kein Nachteil war. Blankenburg entwickelte sich zu einem angesagten Wohnort. Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gab es bereits 12.000 Einwohner. Anfangs war es wohl ein Geheimtipp in guter Lage, doch woher kam der breite Bauboom für elitär gehobene Wohnarchitektur?
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 5–6: „Blaues Blut und Grüner Rasen“

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