„Du mußt! Du mußt!“ – Das vergessene Schicksal der deutschen Vertriebenen in Blankenburg
Das Nachbarhaus Nr. 25 – Nr. 26 wurde nie bebaut – mit markanten Fachwerk-Balkonen war nach 1945 viele Jahre im Besitz der Familie Swarowsky. Als Vertriebene aus dem Isergebirge, aus der Region Reichenberg und Gablonz, heute Liberec und Jablonec, kamen sie nach Blankenburg und mußten sich hier eine neue Existenz aufbauen. Rudolf und Marta Swarowsky betrieben aus diesem gebieterischen Grunde eine Schusterwerkstatt in einem an der rückseitigen Grundstücksgrenze der Nordstraße 26 gelegenen kleinen flachen Häuschen; dieses war übriggeblieben von einer ehemaligen Mineralwassserabfüllung.
Gleich ihnen erging es Millionen Deutschen nach dem Krieg. Auch viele Blankenburger Einwohner haben Vorfahren, die hierher vertrieben wurden; nur ist das Wissen darüber sehr spärlich überliefert. Es ist an der Zeit, diese Zeitepoche in Blankenburg zu beleuchten.
Zwischen 1944/45 und 1949 wurden vierzehn bis fünfzehn Millionen Deutsche aus Mittel-, Ost- und Südosteuropa entfernt, indem sie in die vier Besatzungszonen Deutschlands vertrieben wurden. Schätzungsweise zwei Millionen überlebten diese Strapazen und Gewaltakte nicht. Mehr als ein Fünftel des deutschen Vorkriegsterritoriums wurde von Deutschland abgetrennt. Dieser ungeheuren Massenvertreibung war der zweite Weltkrieg vorausgegangen.
Die Geschichtsschreibung unterscheidet fünf Vertreibungsphasen.
1. Die Flucht: Der erste Akt der Vertreibung
Am Ende des Krieges schlug die Kriegsgewalt auf die deutsche Bevölkerung zurück. Sie traf zuerst und am härtesten die deutschen Minderheiten in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sowie die deutsche Zivilbevölkerung in den ostdeutschen Gebieten jenseits von Oder und Neiße. Aufgrund der sowjetischen Herbst- und Winteroffensive 1944/45 und der schnell vorstoßenden Roten Armee begann im Oktober 1944 und vor allem im Januar 1945 die Flucht vor der Front. Der überstürzte Aufbruch bei Kälte und Schnee forderte überall zusätzliche Opfer. Es fehlten Transportmittel. Die Straßen waren bald verstopft, die Bahnhöfe überfüllt. Vielfach gerieten Trecks zwischen die Fronten und wurden überrollt. Flüchtlingszüge wurden von Tieffliegern beschossen, überfüllte Schiffe auf der Ostsee torpediert. Eine rechtzeitige Evakuierung der deutschen Zivilbevölkerung war von den NS-Dienststellen verhindert worden. Bis zum Kriegsende war über die Hälfte der ostdeutschen Bevölkerung (nicht gleichzusetzen mit dem heutigen Ostdeutschland!) geflohen: fünf bis sechs Millionen Menschen, überwiegend alte Männer, Frauen und Kinder.
2. Wilde Militär-Vertreibungen vor der Potsdamer Konferenz
Ab 5. Mai 1945 begannen in der gesamten Tschechoslowakei und Polen sogenannte wilde Vertreibungen. Der Volkszorn gegen die verhaßte deutsche Wehrmacht richtete sich bald gegen sämtlich dort wohnende Sudetendeutsche. Führende tschechische Exilpolitiker riefen zum „Hinausliquidieren“ der „illoyalen“ Deutschen auf. Soldaten der „Svoboda-Armee“ und sogenannte Revolutionsgarden trieben Hunderttausende über die Grenze, vor allem nach Sachsen.
Staatsführer Beneš’ Hauptinteresse war inzwischen die Totalvertreibung der Sudetendeutschen, die Stalin ihm am sichersten garantiert hatte. Dafür erhielt dieser Einfluß auf die Nachkriegs-CSSR. Das neue Regierungsprogramm sollte den Sudetendeutschen die Heimat und den Tschechen die Freiheit nehmen.
Die kommunistische „Provisorische Regierung“ in Polen beanspruchte größtmögliche deutsche Gebiete bis zur Oder und zur westlichen Neiße als Kompensation für die an die UdSSR abgetretenen polnischen Ostgebiete. Sie erklärte bereits im März 1945 die deutschen Ostgebiete zum „wiedergewonnenen“ und „befreiten polnischen Staatsgebiet“ und begann mit der „Entdeutschung“. Im Juni/Juli 1945 wurden die Bewohner ganzer Dörfer und Stadtteile von bewaffneten Soldaten und Milizen überfallartig aus ihren Wohnungen geholt und in oft langen Fußmärschen in die sowjetische Besatzungszone (SBZ) getrieben. Dort führte die unerwartete Vertreibungswelle zu katastrophalen Zuständen. Selbst die sowjetischen Kommandanturen waren nicht über die Vertreibungsaktion informiert und stoppten sie daher zunächst. Bis Mitte Juli 1945 waren 200 000 bis 300 000 Ostdeutsche, ähnlich wie die Sudetendeutschen aus der CSSR, auf brutale Weise vertrieben worden.
3. „Wilde“ Vertreibungen und „freiwillige Ausrei- sen“ nach der Potsdamer Konferenz bis Ende 1945
Durch das Vorgehen der Sowjets, die entgegen den Beschlüssen von Jalta eine polnische Verwaltung eingesetzt oder geduldet und dadurch die Vertreibungen zugelassen hatten, sahen sich die Westalliierten in Potsdam vor vollendete Tatsachen gestellt. Die polnische Delegation in Potsdam gab an, es gebe noch 1,5 Million Deutsche, die nach der Ernte „freiwillig“ gehen würden. Die „wilden“ Vertreibungen gingen bis Ende 1945 fast ungebrochen weiter. Ganze Stadtteile, zum Beispiel in Breslau und Danzig, wurden „entdeutscht“. Teilweise wurden die Deutschen zur „freiwilligen Ausreise“ gedrängt, oder sie verließen von sich aus die ihnen entfremdete und lebensbedrohlich gewordene Heimat. Die Lebensbedingungen der Deutschen verschlechterten sich dramatisch. Antideutsche Dekrete, etwa zur Enteignung, Entrechtung und Zwangsarbeit, trugen dazu bei.
4. Die „geregelte und humane“ Zwangsaussied- lung 1946/47
Einen Monat zuvor, am 22. November, hatte der Alliierte Kontrollrat in Berlin auf Drängen Marschall Schukows einen sogenannten „Transferplan“ beschlossen. Danach sollten weitere Vertriebenen-Kontingente, insgesamt 6,65 Millionen Deutsche, nun auch in die westlichen Besatzungszonen transportiert werden. Polnische und tschechische Vertreter hatten dem Kontrollrat angegeben, daß noch Millionen Deutsche „auszusiedeln“ seien. 1,75 Millionen Sudetendeutsche für die US-Zone, 1,5 Millionen Ostdeutsche für die britische Zone, zwei Millionen für die SBZ. Frankreich nahm so gut wie niemanden in seiner Zone auf. Hinzu kamen 650 000 Deutsche aus Ungarn, Jugoslawien und Österreich für die US-Zone. Ab Juni/Juli 1946 folgten die „geregelten“ Transporte aus den polnisch verwalteten deutschen Ostgebieten und aus der CSSR in die SBZ. Hier wurden die Ankommenden nach vierzehntägiger Quarantäne durch ein zentral geregeltes Plansoll auf die fünf SBZ-Länder verteilt; so auch nach Sachsen-Anhalt und somit auch nach Blankenburg.
Insgesamt rollten 1946/47 über 4 000 Züge zu je 45 bis 55 Güterwaggons mit ihrer Menschenfracht durch das verbliebene Deutschland. Im Oktober 1946 endeten die Transporte mit Sudetendeutschen in die US-Zone. Am 23. Dezember 1946 brachen auch die Briten diese Aktion nach wiederholtem Protest wegen nicht eingehaltener Transportbedingungen faktisch ab. Erneut waren überfüllte Waggons, kaum versorgt, ohne Öfen, mit Toten und Halberfrorenen im Grenzdurchgangslager Mariental angekommen. Fast alle weiteren vertriebenen Ost- und Sudetendeutschen mußte daher die SBZ aufnehmen. Keiner der Transporte verlief „human“, wie die kommunistische Propaganda verbreitete, doch war die Willkür der wilden Vertreibungen von 1945 zumindest etwas gebremst.
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Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 42–50: „Exkurs No. 1 „Du mußt! Du mußt!“ Das vergessene Schicksal der deut- schen Vertriebenen in Blankenburg“

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