Glanz und Geschichte – Villenstadt Blankenburg
Die Gründe finden wir vor allem im Status der Stadt als herzogliche Residenz, aber auch im Vorhandensein einer Garnison sowie in den florierenden Kureinrichtungen. Zwar sind die nachbarlichen Orte am Nordharzrand auch mit schöner Landschaft gesegnet; Residenzstädte sind sie nicht. Die Hofhaltung des Herzogs in Blankenburg be dingte von jeher eine große Schar handwerklicher Betriebe, deren einige es zum begehrten Prädikat »Hoflieferant« schafften. So waren alle Zutaten zum Bau solcher Häuser hier gegeben; sogar die Baumaterialien wie Sandstein und Unmengen von Ziegelsteinen kamen aus der Gegend. Das war nicht unwichtig für die Baukosten. Der zweite Grund ist die gute klimatische Lage in reizvoller Nähe der Harzberge. Darüber hinaus spielte die Erreichbarkeit mit der damals sehr modernen Eisenbahn auch eine gewichtige Rolle.
Zu allen Zeiten gab es Menschen die den Glanz einer Residenz bevorzugten und standesgemäß wohnen wollten. Hier finden wir auch den Grund für die Affinität hochgestellter Militärs zu Blan kenburg, war doch die Armee seinerzeit von Adligen dominiert.
Naturgemäß gehören zu einer Residenz der Hofstaat, der Adel, der Klerus, Offiziere und hochstehende Beamte. Diese Ober schicht legte Wert auf ein repräsentatives Wohnumfeld, das sich in prachtvollen Villen oder Stadthäusern manifestierte. Doch auch das Bürgertum trat mit noblen Villen in Erscheinung. Mit dem rasanten Wachstum während der industriellen Revolution erreichte der Wohlstand des Bürgertums ungeahnte Höhen. Den damit verbundenen sozialen Status will man zeigen und zeigt ihn auch. Wie könnte man es besser tun, als mit ausgefallener Architektur und schönen Grundstücken? Weil es nun aber schon rein zahlenmäßig viel mehr reiche Bürger als ehedem Adlige gab, überwogen diese bald auch in den Villenvierteln.
In den Genuß der neuerbauten Villa gelangten natürlich die erbauenden Familien, doch mit Änderung der Lebens umstände, wie etwa dem Tod des Familienvorstandes, änderte sich die Wohnstruktur: Die Witwen waren oft ge zwungen, zu vermieten. Auch die erbende Generation stand vor dem Problem, die enormen Betriebskosten aufbrin gen zu müssen. Hier finden wir den Grund für die spätere Einrichtung von erstaunlich vielen Töchterheimen und Hauswirtschaftsschulen. Große Villen eigneten sich durchaus als Internat mit Ausbildungsstätte für junge Damen aus gutem, vor allem betuchtem Elternhaus!
Die Lage der Villenbaugebiete Heidelberg und Westend war kein Zufall. In jeder Stadt gibt es bevorzugte Wohn lagen und weniger nachgefragte. Die morphologische Situation der Stadt am Rande des steil aus der norddeutschen Tiefebene herausragenden Nordharzes eröffnete dem geneigten Villenbauherren die interessante Option, sein Haus höher als das des Nachbarn zu platzieren, was dem wichtigen Aspekt »Sehen und gesehen werden« sehr entgegenkam. Das schlechte Ver hältnis geordneter Straßen zu ungeordneter Topografie mußte dabei in Kauf genommen werden. Doch man gewann selbst einen besse ren Ausblick, was die Wohnqualität und Zufriedenheit der Besitzer enorm erhöhte. Waren schon die ehemaligen Gärten vor den Toren der Stadt in einer ansteigenden Lage (Gartenhöhe), so steigerte sich dieser Effekt am unmittelbaren Harzrand, vertreten durch Rübelän der-, Welfen- und Rohdenbergstraße, noch bedeutend. Zusammen fassend kann man diesen Stadtteil mit der Bezeichnung Westend am besten kennzeichnen; wobei der ehemalige Haltepunkt »Westend«
der Rübelandbahn am äußersten Rand des Gebietes eigentlich schon außerhalb liegt. Er hätte richtigerweise »Gartenhöhe« benannt werden sollen. Aus diesem Mißverständnis heraus wird die Lage des Blankenburger Westends oft falsch verortet.
Vor dem Bauboom um 1890 gab es hier nur die Gartenstraße, den Wasserweg, die Rübeländerstraße, das Roh, die Klosterstraße und die Nordstraße. Alle Straßen waren nur zum geringen Teil bebaut; man befand sich weit vor der Stadt.
Eine ähnlich urbane Entwicklung nahm die besondere Wohnlage am Heidelberg bis herunter zur Westerhäuser Straße und im Gebiet Teufelsmauer/Großvater, die hier zusammenfassend als Heidelberg bezeichnet wird. Hier waren schon existent: Schnappelberg, Oststra ße, Westerhäuser Straße, Weinbergstraße, Georgstraße, Hospital straße und Thiestraße. Es entstanden im Westen das Grefe-Viertel und im Osten das Bähr-Viertel.
Die Stadt sah diese Entwicklung nicht ungern und vergab großzügig Bauland. In den neuen Vororten der Stadt, vor allem im Heidelberg und im Westend entstanden zwischen 1870 und 1910 den Ansprüchen der vermögenden Be wohner entsprechend großzügige Straßen-, Platz- und Parkanlagen. Besonders nach dem gewonnenem Frankreich feldzug 1871 steigerte sich die Baulust, ab 1890 wurde sie zum Bauboom. Es war en vogue hier zu wohnen, Blanken burg wurde endgültig zum »Pensionopolis«. Allein 21 pensionierte Generäle verbrachten hier ihren Lebensabend. Ein Wehmutstropfen in dieser Entwicklung stellte für die Villenbesitzer der Bau und Betrieb eines Hochofenwerkes in Nähe des Villengebietes Westend dar, denn der Wind trug des öfteren unangenehme Gerüche, Staub und Ärgeres heran. Doch die Hütte der Harzer Werke konnte nur an der Michaelsteiner Chaussee gebaut werden. Dort trat der Hüttenstollen der Erzstufenbahn zutage, aus dem das in den Hochöfen zu erschmelzene Eisenerz von Hüttenrode/ Braunesumpf gefördert wurde. Ein höherer Schornstein ward errichtet und die Gemüter beruhigten sich. Allerdings entstanden in den neuen Quartieren nur sehr untergeordnet Möglichkeiten des Einkaufs. Zur eigenen Versorgung ging man »in die Stadt«; also in die Altstadt. In der Langen Straße, der Markt- und Tränkestraße wurde überwiegend eingekauft. Wie stets, wenn es eine zahlungskräftige Kundschaft gibt, entstanden Luxusverkaufstellen, es gab feinstes Kunstgewerbe, Modeboutiquen und Delikatessengeschäfte. Der Begründer des weltbekannten Tabak konzerns, Bernhard Reemtsma, hatte in der Langen Straße 11 sein erstes Geschäft. Die Familie lebte hier von 1894 bis 1908, sein Sohn Hermann Fürchtegott Reemtsma besuchte in Blankenburg Bürgerschule und Gymnasium. Die Eisenbahn schaffte ab 1873 eifrig Kurgäste und Touristen heran. Immer mehr Ausländer entdeckten die Stadt: »The town of blossoms near the Harz mountains«, oho. 18 Hotels, fünf Pensionen, viele Gaststätten warteten auf Gäste. 1877 öffnete das Gymnasium am Thie seine Pforten, gelegen am Ende der Hauptachse des Thieparkes, dem Bahnhof diametral gegenüber. Dieses klassizistische Gebäude und auch das Gebäude der Braunschweigischen Staatsbank, heute Harzsparkasse, in der Langen Straße waren vollständig aus Blankenburger Sandstein erbaut. Mehrere Steinbrüche im Heidelberg lieferten den gleichnamigen und hochwertigen Baustoff bis nach Hamburg aus. Ein wichtiger Punkt für Bauwillige war und ist die nötige Infrastruktur. In diesem Punkt war die Stadt seinerzeit unschlagbar gut; hatte doch insbesondere Bürgermeister Zerbst gerade dem modernen Ausbau der Kanalisation und des Stromnetzes großes Augenmerk geschenkt. Daß er zu Beginn seiner Amtszeit »eingesetzt« wurde und ohne Stadtrat regieren konnte, stellte sich rückblickend als vorteilhaft heraus, konnte er doch auf diese Art schnell auf den Bauboom reagieren. Die neu entstehen den Straßen erhielten von vornherein Wasser-, Abwas ser- und Elektroversorgung. Diese Infrastruktur wird teils noch heute genutzt.
Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 7–9: „Glanz und Geschichte“

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Mit einem Geleitwort von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff: 42 der schönsten Blankenburger Villen aus Jugendstil und Gründerzeit, opulent fotografiert von Clemens Bussert.
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