Zum Inhalt springen

Geschichte

Eine Villa: Rouge auf dem Antlitz der Stadt – Villenstadt Blankenburg

Bleibt die Frage, was eigentlich ein Haus zur Villa macht. Das ist keine Frage von Definitionen, denn es gibt keine all gemeingültige. Wie so oft liegt es im Auge des Betrachters. Grob vereinfachend trifft sehr großzügige Architektur auf parkähnliche Grundstücke. Ohne großzügiges Grundstück spricht man eher von einem Stadthaus. Legt man als Maßstab die Großzügigkeit von Haus und Grundstück zugrunde, ergibt sich eine weitere Definitions schwierigkeit. Im Lauf der Jahre wurde so manches Grundstück geteilt, einige wurden gar zerstückelt. Sicher ge schah das aus Kostengründen. Doch stehen nun einige wirklich große Villen auf kleinen Grundstücken, was zwar die Kosten minimiert, doch den Eindruck verdirbt. Erst aus der Gesamtschau vorerwähnter Faktoren ergibt sich die Autarkie einer Villa und die Abgrenzung zum Stadthaus. Entscheidend bleibt wohl auch der Eindruck: Hier wohnt das Geld ...

Ein Eldorado für Architekten war die damalige Zeit jedenfalls; die heute dominierende neue Sachlichkeit lag noch in undenkbarer Ferne. Verschnörkelt, verspielt und der großzügige Griff in die reichgefüllte Schatztruhe der Baustile vergangener Jahrhunderte ohne Tabus. Staunend steht der Betrachter davor und bedauert den nüchternen Funktio nalbaustil heutiger Tage.

Ein Villenbau ist für Architekten ein reizvolles Betätigungsfeld. Anders als bei Zweckbauten muß hier nicht streng auf Kosten und eine Vielzahl von funktionellen Anforderungen geachtet werden. Freies Experimentieren war gefragt, die Bauherren legten Wert auf Exklusivität, im Vordergrund stand eine möglichst individuelle und repräsentative Gestaltung. Eine unübersehbare Zahl von Stilelementen kam zur Anwendung. Die meist symmetrisch aufgeteilten Fassaden zeigen oft Putz mit Sandsteingliederungen; die Sandsteinbrüche am Heidelberg lassen grüßen. Besonders häufig finden wir sauber gearbeitete Klinkerfassaden in unterschiedlichen Farbnuancen. Oft trifft man Rundbogen fenster, manchmal sind sie gar als Triumphbogenmotiv angeordnet. Die freistehenden Häuser zeigen neben Veran den häufig Terrassen, Balkone und Loggien. Dorische Säulen und italienisches Tusculum kündeten vom erstrebten Bildungsideal der Antike. Auch weiße Villen finden sich.

Gut trifft es Bernd Wolff: »Mitunter hat es den Anschein, als hätte man diese in Blankenburg abgeladen, all diese Paläste und Villen, die in der Gründerzeit entstanden. Vornehm, nobel in ihrer historischen Vielfalt, als Burg, als römische Villa, als Chalet. Mit Söller, Altan, Türmchen, mit bunten Glasfenstern und Figurenschmuck, mit Orna menten, Pilastern, Freitreppen, mit vier Meter hohen Räumen und riesigen Treppenhäusern und Sammeltoilette auf halben Absatz und Kachelöfen.«

Der übliche stilistisch zusammengewürfelte Protz von Neureichen erscheint in der Gesamtschau wohltuend gering. Vielmehr ist das Bemühen des Erbauers, sein gewähltes Architektur-Thema auch am Bau durchzuhalten, unver kennbar.

Es ist in den Villen nicht nur reichlich Platz für die Familie, sondern auch für das zahlreich vorhandene Personal. Außerdem gibt es hauswirtschaftliche Funktionsräume. Trotz einer gewissen Standardisierung ist jede Villa ein Uni kat.

Das war der Standard: Im Souterrain befanden sich die geflieste Küche und Hauswirtschaftsräume. Es war das Reich der Köchinnen und Hausmädchen. Meist war ein Speisenaufzug eingebaut. Im Erdgeschoß waren dann die meist sehr repräsentativen Gesellschaftsräume gruppiert, nur selten wurde in dieser Etage gewohnt. Die Besitzerfamilie wohnte zumeist im ersten Obergeschoß; im Dachgeschoß die Dienerschaft. Anfangs stellte die Beheizung der großen Räume ein gewisses Problem dar. Abhilfe schuf erst eine Erfindung aus Blankenburg, die Warmwasser-Zentral heizung vermittels gußeiserner Radiatoren und Heizkesseln auf Schwerkraftbasis. Damit hatte der klassische Zim merofen ausgedient, es gab nur noch eine zu versorgende Feuerstelle im Keller des Hauses, wenn man von offenen Feuerstellen a la Kamin einmal absah. Personal konnte eingespart werden, die Verschmutzung durch Brennstoffe im Haus ging sehr zurück. Kessel und Radiatoren stellte man in Blankenburg praktischerweise gleich selbst her. Die Harzer Werke besaßen mit dem Konstrukteur auch dessen Patente und führten zeitweilig den Markt für Kessel und Radiatoren an. Sogar der Reichstag in Berlin und so manches Schloß löste das Heizungsproblem auf »Blankenburger Art«. Ergo: »Radiatorenstadt Blankenburg«?

Nach dem Abflauen des Villenbaubooms und der Nachfrageverlagerung hin zu Mietshäusern wurde 1911 der sehr beachtliche Brandkassenwert bestehender Villen in Höhe von 5.846.300 Mark gemeldet. Zum gleichen Zeitpunkt wohnten in Blankenburg 85 inaktive Generäle und Offiziere, 60 höhere Staatsbeamte, 50 mittlere Staatsbeamte, 80 Offizierswitwen, 165 Rentner und 176 Rentnerswitwen.

Mit den Jahren kam ein etwas veränderter Villentyp hinzu. Diese Miet- oder Zinsvillen wurden als villenähnliche Mehrfamilienhäuser gebaut, da fällt eine Abgrenzung mitunter schwer. Da Villen höher besteuert waren als gewöhn liche Häuser, wurde so mancher Namenszug am Haus, so wie bei der »Villa Abendruh« in der Nordstraße 13, von sparsamen Besitzern wieder entfernt. Solche Häuser deckten die Wohnungsnachfrage höherer Beamter oder Ange stellter nach besonderem Wohnraum, der sie von der Unterschicht abgrenzen sollte. Im Luftbild erkennt man leicht Gebiete mit geraden Straßenverläufen und rechtwinklig sich kreuzenden Nebenstraßen. Zum Teil aus ehemaligen Gartenwegen hervorgegangen, finden sich hier große Stadthäuser, durchweg als Mehrfamilienhäuser auf relativ klei nen Grundstücken. Da man ohne den nötigen Platz schlechterdings selten hohe Bäume pflanzen kann, sind solche Quartiere nicht so stark zugewachsen wie die etwas älteren, dafür große Flächen bildende Villengrundstücke. Die »echten« und repräsentativsten Villen wurden seinerzeit ohnehin durchweg von Gärtnern betreut. Heute ist das eher selten, mitunter scheint der Besitzer mit seinem weitläufigen Grundstück überfordert zu sein. Aus solchen Erwägungen heraus ist schon so manches Grundstück geteilt worden. Unpassende Häuslein im Gelände waren die Folge, gemütlich wie Maulwurfshügel. Villen erfordern nun einmal eine gewisse Weitläufigkeit des Grundstücks, es galt stets die Maxime: Großes Grundstück, kleines Chateau drauf; so wohnte man mondän.

Die Zeiten änderten sich. In Blankenburg erfolgte ein weiteres Bevölkerungswachstum. Seit 1935 ging es mit der Stadt wirtschaftlich aufwärts: Der Finanzhaushalt der Stadt Blankenburg stieg auf der Einnahmenseite von 1,33 Millionen (1935) auf 1.79 Millionen RM (1937). Die Radiatorenproduktion der Bergbau Aktiengesellschaft Lothrin gen stieg von 14.000 t 1935 auf 16.000 t im Jahr 1937, die Kesselproduktion von 4.900 t auf 5.900 t. Es wurde viel gebaut, neue Siedlungen entstanden, so die Siedlung auf der Oesigbreite und an der Börneckerstraße. Mitten im Zweiten Weltkrieg kam es zu einem bedeutenden Zuzug von hochspezialisierten Fachkräften. 1943 nahm ein geheimnisumwittertes »Ingenieurbüro Glück Auf« seine Arbeit in Blankenburg auf. Die deutsche Kriegsmarine ließ hier, gut getarnt, mit bald 1000 Spezialisten unter Hochdruck die U-Bootstypen 21 und 23 konstruieren. Dienst verpflichtete Ingenieure, Technische Zeichner und Schiffbaumanager mußten in Privatquartieren untergebracht waren. Einige blieben für länger in der Stadt. Insbesondere die Villengebiete erhielten mit vielen hundert Einquar tierungen einen ersten Vorgeschmack auf dann kommende Zeiten. So hatte die Stadt zum Ende des Krieges etwa 25.000 Einwohner.

Blankenburg wurde am Ende des Krieges unfreiwillig zum Finalort der Festung Harz. Die Masse der 11. Armee mit samt dem Generalstab ging hier in Kriegsgefangenschaft. Trotz des massiven Flieger- und Granatbeschusses durch

Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg, S. 10–11: „Eine Villa: Rouge auf dem Antlitz der Stadt“

Buch: Villenstadt Blankenburg

Mehr davon im Buch

Villenstadt Blankenburg

Glanz und Geschichte

Mit einem Geleitwort von Ministerpräsident Dr. Reiner Haseloff: 42 der schönsten Blankenburger Villen aus Jugendstil und Gründerzeit, opulent fotografiert von Clemens Bussert.

29,90 €versandkostenfrei, bequem auf Rechnung

Mehr zum Buch

Das könnte Sie auch interessieren

Einloggen oder registrieren

Kostenlos und ohne Passwort: Sie bekommen einen Link per E-Mail und lesen danach alle Geschichten vollständig.

Mit Ihrem Zugang schreiben wir Ihnen gelegentlich, wenn wir eine neue Harzwelt aufmachen – neue Geschichten und Themen aus dem Harz und die Bücher dazu. Abmelden können Sie sich jederzeit mit einem Klick auf den Link in jeder Mail. Datenschutz