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Villen in Blankenburg · Großvater

Blankenburgs Hausberg und Gaststätte – Großvater, Blankenburg

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Blankenburgs Hausberg und Gaststätte – Großvater, Blankenburg

Schroff wächst gleichsam aus dem Nichts der Ebene ein Sandsteinfelsen in die Höhe, der als Großvater wachsam auf die Stadt herabblickt. Es gibt auch eine Großmutter, doch die verbirgt sich züchtig, um nicht aufzufallen. Der Großvaterfelsen steht als Wächter in tadelloser Habachtstellung. Gemeinsam mit dem Großen Schloß wacht er über Blankenburg. Unmittelbar hinter ihm, in östlicher Richtung, beginnt eine kilometerlange Aneinanderreihung von Felsen, die deutschlandweit unter dem Namen Teufelsmauer bekannt geworden sind und sich bis Ballenstedt erstrecken. Dort, an den Gegensteinen endet diese wundersame geologische Baueinheit des Harzvorlandes. Wir kommen etwas später auf sie zurück und wenden uns zunächst einem auffälligen Haus unterhalb des Felsens zu. Wenn die Einwohner Blankenburgs vom „Großvater“ reden, kann nämlich durchaus das Gasthaus und nicht der Felsen gemeint sein.

Erbaut als Herrenhaus neben einem Hotel, wurde es von Dr. Johannes Weigle ab 1937 zur Gaststätte gemacht. Dieses Gasthaus wurde eine Legende und das hat entscheidend mit seinem charismatischen Wirt zu tun. Dietmar Weigle führte das Haus von 1947 bis 1983. Obwohl der „Großvater“ schon in der Kriegszeit und weit davor als Gaststätte genutzt wurde, waren es die Ideen Weigles, die das Haus zur Blüte brachten.

Legendär wurde sein Tennisfasching unter maßgeblicher Mitwirkung der Tennispioniere Bachmann und Kahle, aber auch die Hexenverbrennung zu Walpurgis war bald Stadtgespräch. Abitur- und Brigadefeiern, Walpurgis und Tanz in den Mai, nicht zu vergessen die Silvesterpartys – auf dem Großvater ließ es sich immer gut feiern. Wie die bezechten Gäste dann vom Berg kamen, sollte besser auch heute noch nicht öffentlich gemacht werden. Kulinarisch erinnert man sich bis heute noch an Weigles Blankenburger Brottopf, zu dem er eigens kleine, kugelrunde Brote backen ließ. Die wurden dann, natürlich ausgehöhlt, mit herzhafter Gulaschsuppe gefüllt. Das war damals ein exorbitantes, also ganz feudales Essen. Als Großvaterwirt Weigle nach 36 Jahren in den Ruhestand ging, wurde das Haus an einen VEB Schneidemaschinenwerk Bautzen verkauft. Seinerzeit suchten alle Firmen in Ermangelung von frei buchbaren Urlauberhotels in dem kleinen Land DDR nach Ferienmöglichkeiten für ihre Betriebsangehörigen. Der Bautzener VEB beabsichtigte ein Bettenhaus auf dem Standort der heutigen Garagen zu errichten, doch da kam 1989 die erdbebenartige Politik- und Wirtschaftsdisruption, die allgemein nur „Wende“ genannt wird, dazwischen. Es hatte schon etwas Kleinstadthaft-Rührendes an sich, als dann im Dezember 1989 während der ersten und einzigen Montagsdemonstration in der Stadt keine wichtigere Forderung als das Verbot des Weiterverkaufs des „Großvaters“ erhoben wurde. Freilich vergebens, die Treuhandgesellschaft verkaufte alsbald und zwar an einen früher ausgewanderten und rechtzeitig zurückgekehrten Blankenburger. So war indessen der Weiterbetrieb als Traditionsgaststätte gesichert.

Heute kann man wie zu Weigles Zeiten am Panoramafenster sitzen, Obstkuchen mit Schlag genießen und zum Schloß empor und auf die Stadt herabsehen.

Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“

Ganz Mutige besteigen über eiserne Leitern den Felsen und haben dann den Adlerblick über Stadt und Harzvorland; bis 60 Kilometer ins Land schweift das Auge! Wieder herabgestiegen, läßt sich noch bequem im Vorbeigehen ein Stempel der Harzer Wandernadel – Stempelnummer 76 – einsacken, bevor sich die fitten und durchtrainierten Mitmenschen auf den Kammweg in Richtung des Hamburger Wappens bei Timmenrode aufmachen. Diese Felsengruppe erinnert an das Wappen der stolzen Hansestadt. Zwischen beiden Felsnadeln gab es früher eine Eisenstange, die einem wagemutigen Turner als Reckstange gedient hatte. In den zwanziger, dreißiger Jahren soll immer sonntags ein Trompeter hinaufgestiegen sein, der mit wunderbaren Soli die Timmenröder aufzuwecken pflegte.

Die Sage berichtet, daß das frühe Wecken in Timmenrode Tradition hat.

Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“

Als vorzeiten Gott und Teufel um ihren Anteil an der Welt stritten, etwa wie neuerdings Trump und Putin, da wurde ein Vorschlag geboren: Der Teufel solle das von ihm beanspruchte Land mit einer Mauer einhausen und das würde ihm dann auf immer und ewig gehören. Bedingung war jedoch, daß die Mauer bis zum nächsten Morgen fertig sein müsse und der begänne bekanntlich mit dem ersten Hahnenschrei, denn Wecker waren noch nicht erfunden. Mit höllischem Tempo begann der Teufel nun Steine und ganze Felsbrocken aufzutürmen. Ausgestattet mit berserkerhafter Energie kam er auch gut voran und hatte bereits Hoffnung, das Titanenwerk rechtzeitig zu vollenden. Adrenalingefüllt übersah Luzifer allerdings die Bauersfrau aus Timmenrode, die mit Tragekorb schwer beladen, sich vor Tau und Tag in tiefster Dunkelheit auf den Weg nach Blankenburg begeben hatte. Somit konnte sie hoffen, sich einen der besseren Plätze auf dem Wochenmarkt zu sichern. Doch Wandern in der Dunkelheit hat seine Tücken, wie leicht kommt man über knorrige Wurzeln ins Stolpern! Genau das passierte der guten Frau denn auch gleich hinter den letzten Häusern, und noch im Moment des Stürzens schrie sie instinktiv auf. Das hörte ein in der Kiepe mitgeführter Hahn und krähte nun seinerseits auch aus Leibeskräften drauflos. Der Teufel, der ja von denen, die es wissen müssen, immer als ein wenig einfältig beschrieben wird, hörte den Hahnenschrei voller Ingrimm. Gleich war ihm klar, daß er die Wette verloren hatte. Wuterfüllt griff er in die zuvor gesetzte Mauer, riß, was er zu fassen bekam, heraus und warf alles durcheinander. Abschließend noch einen garstig stinkenden und laut knallenden Bombus hinterlassend, fuhr er zurück in die Unterwelt und ward für lange Zeit nicht mehr hier gesehen.

Die nach ihm benannte Mauer liegt seit dieser Zeit unverändert da und kündet noch heute vom Ausgang der Wette. Doch Blankenburg ist um eine Attraktion reicher! Der liebe Gott aber hat seit dieser Zeit alle Hähne in sein Herz geschlossen …

Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“
Aus dem Buch „Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold“

Aus dem Buch: Villenstadt Blankenburg 2 – Altes Gold, S. 155–161: „Großvater“

Buch: Villenstadt Blankenburg

Mehr davon im Buch

Villenstadt Blankenburg

Altes Gold

Die Fortsetzung von „Glanz und Geschichte“: Auf vielfachen Wunsch der Leserschaft öffnen sich die Türen zu weiteren Blankenburger Villen – opulent fotografiert von Clemens Bussert.

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