Rezept: Überbackener Ziegenkäse

Rezept: Überbackener Ziegenkäse

Überbackener Ziegenkäse - Ein Potpourri der Aromen

  • 2 EL Pinienkerne
  • 2 große Äpfel
  • 4 Scheiben Ziegenfrischkäse (1 cm dick geschnitten)
  • Einige Blätter Rucola
  • 1 EL Honig
  • 1 EL Butter
  • ½ EL Balsamico
  • 1 Prise Salz
  1. Die Pinienkerne ohne Fett in einer Pfanne rösten.
  2. Die Äpfel in etwa 1,5 cm dicke Scheiben schneiden, dabei das Kerngehäuse entfernen. Die Apfelscheiben in eine gefettete Form legen und jeweils eine Scheibe Ziegenkäse obenauf legen.
  3. Im auf 225 °C vorgeheiztem Ofen ca. 15-20 Minuten überbacken, bis der Käse goldgelb ist.
  4. Die gewaschenen Rucola-Blätter auf 4 Tellern verteilen, den überbackenen Käse darauf anrichten.
  5. Den Honig, die Butter und Balsamico in der noch warmen Form verrühren und als Sauce den Käse überziehen. Dann die Pinienkerne darüber streuen. Der Honig entwickelt dabei noch seinen Eigengeschmack.

Harzer Originale: Der Extrem-Weltenbummler

Harzer Originale: Der Extrem-Weltenbummler

Über viele Jahre konnte man ihn auf der B 81 mit seinem Wägelchen »Marke Eigenbau« und der orangenen Warnweste wandernd am Straßenrand beobachten. Nur in letzter Zeit wurde der den Veteran überragende und verzierte Wanderstock kaum noch benutzt. Manchmal spannte er sich noch selbst vor die Deichsel, um die 34 Kilometer vom Oberharz zu seiner Freundin nach Halberstadt in fünf Stunden abzuspulen. Zwei Tage später dann der ungleich strapaziösere Aufstieg in die Berge. Und das, obwohl sein 22 Jahre alter und zudem bestens gepflegter Audi in der Garage ein sehr viel bequemeres Verreisen jederzeit ermöglichen würde. Seinen zweiten »Wagen«, einen Trabant Kombi hat er schon vor 20 Jahren in die zweite Etage seines Schuppens per Gabelstapler hochhieven lassen. Zu welchem Zweck auch immer, aber wenigstens aufbewahrt für die Ewigkeit.

Inzwischen sind die Beine ein wenig müder geworden. Aber die Erinnerungen sind hellwach. An gewaltige Fußmärsche quer durch Europa. Wenn der Königshütter Weltenbummler Egon Ecklebe von seinen Wanderungen erzählt, dann beginnen seine Augen zu leuchten, als wäre er erst gestern zurückgekehrt...

Schlafwagen samt Kilometerzähler, Tarnnetz, Thermometer, Rasierspiegel und Gardine am Heck

Auf seinen ersten Touren macht sich der Globetrotter praktisch zu seinem eigenen Probanden: »Ich wußte doch selbst nicht, wie mein Körper auf diese Strapazen und die plötzliche Reizüberflutung reagieren würde. Hätte ja auch gut sein können, daß es mir alsbald langweilig wird. Aber das wurde es niemals.« 60 Kilo beträgt allein das Eigengewicht seines gebremsten Mini-Planwagens. Hinzu kommen Proviant und sonstiges Gepäck, wie ein kleiner Topf, Haferflocken, Milch oder Kocher, das sind weitere 30-40 Kilogramm. Dabei ist Ecklebe ein wahrer Milch-Junkie vor einem kleinen, durch Europa schaukelnden Milchtransporter auf zwei Rädern. Während die »Zugmaschine« vorn an der Deichsel von einem PS stets nur träumt. Aber sonst denkt der »Forrest Gump des Oberharzes« wirklich an alles. Sogar an die kleine Gardine am Heck, die ihm Nachts vor den Mücken Schutz bieten soll: »Ich hatte nichts mit, was vorher nicht gewogen oder vielfach getestet worden wäre. Es sollte alles ehrlich und korrekt zugehen.« Er habe sich in seinem Wanderwagen stets zu Hause gefühlt, sagt er über jenes Vehikel, welches heute noch in seiner Garage steht, als würde er damit schon morgen zum nächsten Trip aufbrechen wollen.

Harzer Originale: Der Extrem-Weltenbummler
Blick ins Innere des Wanderwagens

»Ich konnte, wenn ich beim Gehen richtig müde war, auch schon mal meine Augen schließen. Machen Sie das mal auf einem Fahrrad!«

Als der Wanderer von seiner ersten Reise heimkehrt, wird er überschwenglich vom ganzen Ort empfangen. Die Königshütter stehen beiderseits der Straßen Spalier, ganz so, als käme der König persönlich. Extra wegen dieses Ereignisses schließt die Hütte für diesen Tag. Daß wirklich alle zu seinem Empfang auf den Beinen sind, wird Egon Ecklebe später in dieser Form nie mehr erfahren: »Die waren wirklich alle so stolz auf mich, daß ich Königshütte ein bißchen bekannt gemacht habe!«

Immer irgendwie anders als der Rest der Welt

Und dann ergänzt er: »Andere geben Tausende aus, damit sie sich mal ein bißchen wohl fühlen. Mir genügten bei jeder meiner Wanderungen, wahres Glück zu erfahren und die Begeisterung der Leute am Straßenrand gleich mit. Das Simple und das Freiheitsgefühl: das in der Kombination war das für mich Bestechende.« Im Westen Deutschlands und auch später in Paris passiert es dem Oberharzer mehrfach, daß man dem vermeintlich obdachlosen Penner Geld zusteckt. Daß er das immer strikt von sich weist, führt bei den Edelmütigen nicht selten zu Irritationen und mitunter sogar zu handfester Verärgerung. Andere, die sich genauer mit seinem Wagen und der auffallend peniblen Ordnung darin beschäftigen, bemerken recht schnell, daß sie es keineswegs mit einem Mittellosen zu tun haben. Eher schon mit einem Asketen, der diese Rolle in all ihren Facetten auskostet, als hätte er sein ganzes Leben lang noch nie etwas anderes gewollt...

Socken aus einem Fahrradschlauch, Pflaster und darüber richtige Strümpfe

Harzer Originale: Der Extrem-Weltenbummler
Disziplin ist alles! Weltenbummler Ecklebe mit Begleiter Dschabo

Um 1996 und 2001 folgen die zweite und dritte Deutschland-Umrundung, jeweils auch wieder im Uhrzeigersinn. Die Rede ist von jeweils knapp über 5.000 Kilometern: Deutschland, »immer an der Wand lang«. Von da an wird aber nicht mehr ganz allein gewandert: »Dschabo«, ein tschechischer Wolfshundsmischling, läuft von nun an immer an seiner Seite. Und dieser macht seiner Rasse alle Ehre, indem er Kamerateams oder sonstige Neugierige stets erfolgreich in die Flucht schlägt. Bei Hof sollte sich Dschabo schwere Verletzungen zufügen, als er unvermittelt in einen PKW rennt. Zwangspause für den Globetrotter: »Mit Rindfleisch und Eiern habe ich Dschabo wieder hochgepäppelt. Drei Tage habe ich mit ihm im Wald geschlafen und ihm eine eigene Bude gebaut. Als er dann des Nachts bei Wildschweinen anschlug, wußte ich, daß er auf dem Wege der Besserung war. Ein paar Tage habe ich ihm dann noch notdürftig Socken aus einem Fahrradschlauch, Pflaster und darüber richtige Strümpfe angefertigt, bis er dann endgültig über den Berg war.« Viel zu früh verläßt ihn Dschabo, sein treuer Begleiter; er wird vergiftet.

Wohin Weltenbummler Ecklebe auch gerade wandert: seine Route bleibt niemals dem Zufall überlassen. Bereits zu Hause wird sie in den Fotoalben festgelegt. Die zumeist per Stativ selbst geschossenen Bilder werden nachträglich ergänzt. Interessanterweise finden sich dazu Goethe- und Hesse-Zitate: »Alles, was uns imponiert, muß auch Charakter haben.« Mit sichtlicher Begeisterung zeigt Ecklebe sein Lieblingsbuch: »Trost bei Goethe«. Es habe keine einzige Wanderung gegeben, auf der er sich nicht Inspiration aus diesem längst abgegriffenen Bändchen geholt hätte: »Das Buch war oft meine Erlösung. Ich habe mich darin vielfach selbst wieder erkannt. Der Dichter hat darin wirklich alles auf den Punkt gebracht, was ich später wandernd genauso empfunden und erfahren habe. Goethe war höchstwahrscheinlich auch so ein Einzelgänger und ausgesprochener Dickkopf, wie ich.« Vier Jahrzehnte lang gehört der Königshütter Literaturfreund Egon Ecklebe nicht ohne Grund der Goethe-Gesellschaft an.

Und es ist alles andere als ein Zufall, daß ausgerechnet der introvertierte, weltentrückte und melancholische Hermann Hesse ebenfalls zu jenen Schriftstellern zählt, die den passionierten Wanderer über alle Maßen begeistern und zugleich voller Hochachtung sprechen lassen: »Auf diese Weise hatte ich meine geistige Nahrung stets bei mir. Es ist sehr selten vorgekommen, daß ich mal einen wirklichen Hänger hatte. Aber wenn doch, dann halfen mir diese Zeilen über die Zeit hinweg.« Köstlich amüsiert er sich hingegen noch heute über jemanden am Straßenrand, der ihm einst hinterher rief: »Jesus lebt!«: »Ich habe noch oft darüber nachgedacht, was ich an mir hatte, um mit dem Gekreuzigten verglichen werden zu können.«

 

 


Der Harz – Ein besonderer Ort für Flora und Fauna

Der Harz – bis zum Mittelalter Hart = Bergwald genannt – ist das höchste Gebirge Mitteldeutschlands und ragt mit seinem höchsten Granitfelsen, dem Brocken mit 1141 Metern, einer Insel gleich als isolierter Gebirgskomplex schroff aus den ihn umgebenden Hügelländern heraus. Am weitesten ist das Gebirge nach Norden vorgeschoben, nach Osten geht es ohne erkennbare Grenze ins Vorland über. Es liegt am Schnittpunkt von Niedersachen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Die große Anzahl archäologischer Funde belegt, daß die Harzregion eines der bevorzugten Gebiete menschlicher Siedlung und Kultur im mitteleuropäischen Raum war. Das günstige Klima mit relativ zeitigem Frühlingsbeginn im östlichen Vorharzgebiet, eine genügende Anzahl von Wasserläufen und die Wälder als Jagdgebiet waren die wichtigsten Ursachen für diese frühe Ansiedlung. Viele Siedlungen aus dem Innern des Harzes werden im 9. und 10. Jahrhundert erstmals mit Namen urkundlich belegt, so zum Beispiel die Siedlung »Egininskirod«, im Mittelalter »Engerode« – ein bedeutender Hüttenort –, heute Eggeröder Brunnen zwischen Hüttenrode und Elbingerode. Später wird der Ort Wirtschaftshof des Klosters Michaelstein.

Nach alter Anschauung war jede Erhebung des Bodens auch eine Kraftquelle der Erde, die zu kultischer Verehrung Anlaß gab. Auch der Wald selbst galt als ein Heiligtum. Es waren Weiheorte, die zu bestimmten Göttern in Beziehung gesetzt wurden und die ihnen eine gewisse Heiligkeit verliehen. Ein Beleg dafür sind unter anderem die zwölf Naturdenkmäler von Blankenburg. Dieser Götterhimmel – vermutlich ein neolithischer Kulturkreis – ist ein Phänomen, das sich als einmalig herausgestellt hat. Kultische Bräuche und religiöse Handlungen ließen sich in der Folgezeit nicht trennen.

Sammler und Jäger bahnten sich die ersten Wege in den Harz. Erst als sich das nacheiszeitliche Klima stabilisierte, begannen sie seßhaft zu werden. Dieser Prozeß war im Harzgebiet vor etwa 6.000 Jahren abgeschlossen. Wissenschaftler der Universität Göttingen und die Denkmalpflege des Kreises Osterode haben im Harzvorland bei Osterode ein rund 7.200 Jahre altes Wohnhaus entdeckt – Keramikfunde belegen die Kultur, die den Übergang vom Jäger und Sammler zum seßhaften Ackerbauern schaffte. Der fruchtbare Lößboden bot die günstige Voraussetzung dafür. Dazu mußten allerdings die Wälder gerodet werden.

Auch die ehemals geschlossene Walddecke des Harzgebirges hat der Mensch tiefgreifend verändert. Als Karl der Große im Zuge der Sachsenkriege [778-904] auch den Harz eroberte, erklärte er um 800 n. Chr. den Harz zum Reichsbannforst, also zum alleinigen Jagdgebiet des Kaisers. Für die Landesfürsten entstanden Burgen, und zur Ausbreitung des Christentums in den östlichen Landesteilen hat Karl die Gründung von Klöstern stark gefördert. Aus den königlichen Jagdhöfen wurden Kaiserpfalzen. Das älteste Kloster im Harzgebiet ist vermutlich St. Wiperti aus dem Anfang des 9. Jahrhunderts in Quedlinburg. Der Oberharz wurde seit dem 13. Jahrhundert besiedelt.

Der Harz zählt zu den an Burgen, Schlössern und Klöstern reichsten Landschaften Europas und sogar der Erde

Die Geländeformen des Harzgebirges sind heute sehr abwechslungsreich und lassen sich in subalpine Felsspalten, Brockenbergkuppe, Zwergstrauchheiden, Hochmoore, Wälder und Hügel zusammenfassen. Hinzu kommen noch die Berg-Mähwiesen und die mageren Flachland-Mähwiesen, die mit ihrem Blütenreichtum entscheidend das Landschaftsbild des Harzes prägen. Sie sind über Jahrhunderte durch landwirtschaftliche Nutzung als Weideland für das Harzer Rotvieh entstanden und ein interessanter Kontrast zu den Wäldern. Die Harzer Bergwiesen gehören zu den besonders wertvollen und schutzwürdigen Lebensräumen mit zahlreichen seltenen und gefährdeten Pflanzen.

Auch in der Bodenregion der Buchenwälder gibt es eine Vielzahl auffälliger Pflanzen, die in den Kalkgebieten in großer Mannigfaltigkeit gedeihen. Ebenso artenreich sind auch die Hügel mit Trocken- und Halbtrockenrasen. Die Harzer Moore zählen zu den besterhaltenen Mooren Mitteleuropas. Wesentlichen Anteil an der Vegetation der Hochmoore haben die Torfmoore. Die feuchten Bereiche und die höher liegenden Bulten, das sind feste, grasbewachsene Moorstellen, werden von unterschiedlichen Arten besiedelt und die Torfmoospolster von Zwergsträuchern durchwachsen.

Schlucht-, Au- und Quellwälder treten nur kleinflächig in Erscheinung. Ihre nährstoffreiche Krautschicht weist auffällige Vertreter der hier beheimateten Pflanzengesellschaften auf. Viele Pflanzen sind selten geworden und damit schutzbedürftig. Die geologisch-klimatischen Verhältnisse innerhalb des Harzgebietes sind sehr unterschiedlich. Vom Atlantik werden feuchte Luftmassen an die Westseite des Gebirges herangeführt, die zum Aufsteigen und Abregnen gezwungen werden. Der Oberharz ist sommerkühl und regenreich, der Unterharz, hinter dem das Regenschattengebiet beginnt, ist warm und trocken. Durch diese wechselklimatischen Faktoren und die Reliefenergie wird vorwiegend die Gliederung der Lebensräume der Pflanzen hervorgerufen. Die Höhenunterschiede vom Harzrand bis zum Brocken betragen über 900 Meter.

Auch die Temperaturschwankungen zwischen Tag und Nacht und der Übergang zum Kontinentalklima auf der Ostseite des Harzes haben Einfluß auf den Artenreichtum an Pflanzen und Heilkräutern in der Harzregion. Diese besonderen klimatischen Bedingungen haben letztlich auch die einst weltberühmte Pflanzenzüchtung in Quedlinburg ermöglicht.

Wandern wir heute durch den Harz, gehen wir höchstwahrscheinlich auf den gleichen Wegen wie seinerzeit der Stolberger Stadtphysikus und Arzt Johannes Thal [1542-1583], der die erste systematische Zusammenstellung aller Pflanzen des Harzes verfaßte. 1588 wurde diese botanische Zusammenstellung unter dem Titel »Sylva Hercynia« gedruckt. Sie gilt als erste Flora überhaupt. Mitte des 18. Jahrhunderts war es wieder ein Stadtphysikus, der sich für alle Kräuter des Harzes interessierte, Ferdinand Heinrich Germar [1707-1790] zu Wernigerode. Er war auch Botaniker, der für das Naturalienkabinett des Grafen Christian Ernst zu Stolberg-Wernigerode alle Pflanzen der Grafschaft wissenschaftlich erfaßte und das erste Herbarium [Sammlung gepreßter Pflanzen] des Harzgebietes mit 1.250 Blättern erstellte – eine für die damalige Zeit einmalige Leistung. Dabei entdeckte er viele, die damals gar nicht oder wenig bekannt waren. (Mehr zum Thema Harzer Kräuterwanderungen)

Der Harz und vor allem der Brocken sind für viele Liebhaber von Flora und Fauna zum Symbol für eine einmalige Naturlandschaft geworden.


Karte Kräuterwanderung um Walkenried

Kräuterwanderung um Walkenried - Über Gipskarstklippen ins Himmelreich

Die Karstlandschaft Südharz ist ein Naturraum, der für Europa einzigartig ist. »Karst« ist die Auflösung der ursprünglich abgelagerten Gips- und Dolomitgesteine, so daß die Entwässerung überwiegend unterirdisch verläuft. In Trockenzeiten versickern die Gewässer in die Höhlen des Untergrundes. Die Auflösung von Gips führt zu einer Veränderung der Karsterscheinungen. Ein 233,2 Kilometer langer, mit einem »K« auf rotem Querbalken markierter Wanderweg, der im Landkreis Mansfeld [Sachsen-Anhalt] beginnt, über Nordhausen [Thüringen] führt und im Landkreis Osterode [Niedersachsen] endet, bietet eine Landschaft mit einem enormen geologischen Reichtum und biologischer Vielfalt. Ein Teil der wertvollen Gebiete steht unter Naturschutz mit besonderen Schutzbestimmungen – ein Biosphärenreservat. Höhlen, Quellen, verlandete Seen sind heute Fundplätze frühgeschichtlicher Forschung.

Steiles Relief im Gipskarst hat die Besiedelung nicht zugelassen, darum sind viele hier typische Buchenwälder naturbelassen. Unberührter Gipssteinbruch weist eine Fülle von Moosen, Flechten, Gräsern und Farnen auf. In Walkenried beeindruckt neben der Zisterzienser-Klosteranlage, die zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, vor allem die Teichlandschaft. Der Überlieferung nach sollen die Mönche 365 Teiche, also für jeden Tag einen Teich angelegt haben. Rund 50 Teiche sind noch nachweisbar. Als erfahrene Berg- und Hüttenherren entwickelten sie Systeme der Montanwirtschaft und gelten heute als Väter der Oberharzer Wasserlandschaft. Ihre Spuren sind sichtbar erhalten geblieben.

Eine Etappe des langen Karstwanderweges ist der Rundwanderweg Walkenried – Itelteich – Himmelreich – Walkenried

  • Anstieg ca. 100 m
  • Gesamtstrecke ca. 6,5 km
  • Wanderdauer ca. 3,5 Stunden mit Ruhepausen
  • Gastronomie: Kloster-Café
  • Markierungen: Der Weg ist überwiegend mit dem »K« auf rotem Querbalken und Hinweisschildern markiert, als Rundwanderweg Nr. 2 mit gelbem Dreieck in gelber Umrandung für die Himmelreich-Wanderung.
Karstwanderweg, Kloster Walkenried
Karstwanderweg, Kloster Walkenried

Start am Bahnhof Walkenried oder Kloster Walkenried

Der Rundwanderweg kann am Bahnhof Walkenried beginnen. Auf der Ortsstraße geht es zu Hotel und Gasthof »Goldener Löwe« und führt bis zum Torhaus hindurch zu den ehemaligen Anlagen des Klosterbezirkes. Im Uhrzeigersinn um die Klostergebäude und die höchst beeindruckende Klosterkirchenruine herum führt der Weg am rechten Ufer der Wieda entlang, dann über den Kloster-Museumsparkplatz, an dem auch begonnen werden kann, weiter bis zur Straßenbrücke. Von hier aus geht es auf dem Wanderweg Nr. 2 parallel zur Bahnlinie bis zum Itelteich, der zum Naturschutzgebiet »Itelteich« als Bestandteil eines Flora-Fauna-Habitats gehört. Vor dem bald erreichten Bahnübergang muß allerdings links zum Waldsaum abgebogen werden, um den Anstieg in das Naturschutzgebiet zu erreichen, das neben dem namensgleichen Teich die Itelklippen, das Gipsmassiv »Himmelreich« und eine Reihe von weiteren Teichen umfaßt.

Itelteich und Himmelreich
Blick vom Himmelsreich auf den Itelteich mit Bahnstrecke

Itelteich und Himmelreich

Der Itelteich ist der größte von den genannten 50 Teichen. Gespeist wird er von verschiedenen Karstquellen und der Wieda. Die Klosterbrüder ließen hier ein Stauprojekt entstehen, aus dem ein Fischgewässer wurde. Mächtige alte Buchen säumen nun den Weg hinauf auf die Anhöhen. Wer aufmerksam schaut, kann am Wegrand die Ährige Teufelskralle, den Waldziest, die Knotige Braunwurz und das Kleine Waldvögelein nicht übersehen. Nach kurzer Wegstrecke wandert man den als Karstwanderweg gekennzeichneten Weg weiter bis zum Himmelreich, einer Anhöhe über dem Itelteich, auf dem sich im Monat Mai ein üppiger Himmelschlüssel-Teppich ausbreitet. Durch diesen Berg ist im 19. Jahrhundert ein 268 Meter langer Tunnel gelegt worden für die Bahnstrecke Nordhausen-Göttingen, der Walkenrieder Tunnel. Dabei ist der größte Natur-Hohlraum Deutschlands, die Himmelreichhöhle, entdeckt worden, die »wunderinteressante Riesenhöhle« [Nordhäuser Zeitung 1869], welche durch den Tunnel aber nicht zugänglich ist.

Das Gipsmassiv Himmelreich ist ein beliebtes Wanderziel, das den Wanderer nach dem Aufstieg mit einem herrlichen Blick auf das südliche Harzvorland und westlich auf Ellrich belohnt, preisgegeben der großen Weite. Auf der Bank neben einer Stempelstelle »Harzer Wandernadel« schaut man in Ruhe in diese Weite hinein und wird gegebenenfalls belohnt, wenn ein Zug in den Berg hineinfährt.

Die Ruhe genießen, Kräuterwanderung um Walkenried
Himmelsreich: Einfach mal die Ruhe und den Blick genießen

Auf der Ellricher Seite im Naturschutzgebiet »Igelsumpf« gedeiht noch das Gipsfettkraut, das weltweit einzigartig und auch nur noch in wenigen Exemplaren in der Südharzer Gipslandschaft vorkommt. Diese kleine »fleischfressende« Pflanze hat im Igelsumpf bereits ihren Sekundärstandort, weil sie durch den Gipsabbau im Landkreis Nordhausen so stark gefährdet war, daß dort kein Bestand mehr nachweisbar ist. Hierher versetzt, wurzelt es direkt in den Gips-Untergrund ein. Die Blattrosette bildet Klebtropfen, an der Insekten hängen bleiben. Im Mai entfaltet sich eine hellblaue Blüte – ein kleines Wunder der Natur. Eine Einsicht gewährt der Sitzplatz in der Höhe leider nicht.

Weiter geht es bis zum sogenannten Hexentanzplatz. Ringsherum begegnet man einer artenreichen Laubwaldvegetation und mehrfarbigen Akelei-Beständen, der Türkenbundlilie, dem Sanikel und dem Wald-Habichtskraut. Nordöstlich vom Hexentanzplatz findet man den Seggen- und Orchideen-Buchenwald. Der Wanderer genießt eine wahrhaftig einzigartige Landschaft. Mit dem von Buchen bestandenen Gipsrücken ist das Himmelreich eines der schönsten Teile des südlichen Vorharzes mit dem Blick auf den Itelteich. Nach wenigen Metern erreicht man eine Schutzhütte. Absterbende Bäume, entblößte knorrige Wurzeln, Totholz, Bäume, die teilweise älter sind als 250 Jahre, charakterisieren den fast wildromantischen Naturschutzcharakter des Himmelreichgebietes. Das Absterben einer Buche kann über einen längeren Zeitraum beobachtet werden. Eindringende Pilze zersetzen den Hohlkörper, der dann Opfer von Sturm werden kann. Wegen der Umsturzgefahr dieser uralten Exemplare auf dem unsicheren stockenden Gips-Untergrund erfolgt das Betreten des Gebietes auf eigene Gefahr.

Von hier oben brechen die Itelklippen ca. 50 Meter senkrecht zum Itelteich ab. Im Erlenbruch am Itelteich findet man den vom Aussterben bedrohten Zungen-Hahnenfuß, und an schuttreichen Hängen nicht alltägliche Mondviolengesellschaften, die hier wegen der hohen Luftfeuchtigkeit gedeihen können. Entlang der weiteren Wanderung befindet man sich immer noch auf dem markierten Karstwanderweg »K«. Hinab an den Itelklippen nach Süden führt der nun offene asphaltierte Weg rechts zum Röseberg, dem das Ortsbild von Walkenried prägenden Berg, der durch Steinbrucharbeiten leider an Substanz verliert. Vorbei an der gewaltigen Abbaustelle quert der Wanderweg die südliche Straßenbrücke über das Flußbett der Wieda mit riesigen Pestwurzpflanzen. Der Bach ist zu Trockenzeiten oft im Untergrund versiegt. Der Weg führt weiter nach rechts auf die Wiedigshofer Straße nach Walkenried, bis nach wenigen Metern links der »K«-Wanderweg vorbei an einem Gehöft wieder in den Wald führt. Ein Wegweiser zeigt dann den Abzweig nach rechts an; auf schmalem Pfad geht es unterhalb des Röseberges weiter vorbei an seinen Gipsklippen und der feuchten Schluchtwaldvegetation mit der Vielblütigen Weißwurz, auch Wald-Salomonsiegel genannt und Goldrutenbeständen, sowie an weiteren Klosterteichen, bis es nach der beidseitig lesbaren Informationstafel »Röseberg« nach rechts über einen Damm am Kalkteich weiter über die Bahnschienen und die Straße zurück geht bis zum Klosterbezirk.

Kloster-Café, Walkenried
Kloster-Café, Walkenried

Besuch des Kloster-Cafés zum Abschluss

Wenn auch die Landschaft durch die Gipsindustrie an vielen Stellen durch tiefe Wunden in das Karstgestein zurückgedrängt wird, wogegen sich die Bürger von Walkenried vehement einsetzen, so bleiben dem Wanderer doch die herrlichen Wälder, wunderbare Ausblicke, interessante botanische Besonderheiten und die Karstklippen als ein außergewöhnliches schönes Erlebnis in Erinnerung. Ein Besuch der Klausurgebäude des Klosters rundet den Wanderweg ab. Im Kloster-Café ist die wohlschmeckende Klosterkräutersuppe fast schon ein Muß. An dieser Stelle empfehlen wir auch die sieben Kilometer lange westliche Route Walkenried – Priorteich – Sachsenstein – Höllenstein – Walkenried.


Hundsrose, Hagebutte

Hundsrose, Hagebutte

Die in der Harzregion am häufigsten wild wachsende Rosenart ist die Hundsrose bzw. Hagebutte [ROSA CANINA], die zu den Rosengewächsen [ROSACEAE] gehört. Der Wildrosenstrauch ist keine Pflanze der Gebirgslagen. Am hügeligen Harzrand, im Vor- und Unterharz ist die Hundsrose jedoch recht häufig anzutreffen. Der aufrechte Strauch bildet lange, bogig überhängende Äste und Zweige. Im Hochsommer haben die weißen oder zart rosa einfachen ungefüllten Blüten ihren eigenen urwüchsigen Reiz.

Wenn der Maler Herbst auf der Leiter steht und wir zu den dem Harz vorgelagerten Höhenzügen wandern, leuchten uns schon die roten prägnanten Früchte von weitem entgegen. Sie bleiben oft den ganzen Winter über am Strauch und sind trotz Frost immer noch genießbar. Sie schmecken roh süßlich-säuerlich. Die Bezeichnung Hag [von Hecke] weist auf das Vorkommen des Strauches an Hecken hin, während Butte dem süddeutschen Butzen [Verdickung] entspricht. Die lateinische Bezeichnung canina oder das griechische Kynosbatos von kyon=Hund und batos=strauch sei nach Plinius auf einen Orakelspruch zurückzuführen, der auf der Suche nach einem Mittel gegen Bisse tollwütiger Hunde auf die stark gerbstoffhaltigen Wespengallen hinwies. So steht Hundsrose für Wildrose ganz allgemein,das meint »hundsgemein«.

Zeichnung einer Hundsrose, Hagebutte
Zeichnung einer Hundsrose, Hagebutte

Als Heilpflanze ist die Hundsrose bisher unterschätzt worden

Kaum eine andere Frucht beinhaltet so viel Vitamin C, Pektine, Fruchtsäuren und Gerbstoffe. Bei der Hagebutte handelt es sich um eine Sammelfrucht, die aus dem fleischigen Blütenboden entsteht. Die eigentlichen Früchte sind die Kerne oder Nüßchen, die bei Hautkontakt Juckreiz hervorrufen [Juckpulver]. Die wertvollen Inhaltsstoffe jedoch stecken in der prallen Verpackung der Wildfrucht. Die getrockneten Fruchtschalen als Tee dienen zur unterstützenden Therapie von Blasen- und Nierenleiden, stärken das Immunsystem bei Erkältungen.

In einer Gemeinschaftsstudie ist ein bisher unbekannter Aktivstoff in der Hagebutte identifiziert worden, ein sogenanntes Galaktolipid, das Menschen mit Gelenkerkrankungen Linderung verschafft. Die Schmerzen nehmen ab, die Beweglichkeit bessert sich, eine Zufallsentdeckung! Positive Erfahrungen eines Landwirtes mit regelmäßigem Verzehr von Hagebutten, die ihm Schmerzlinderung verschafften, veranlaßten die Wissenschaftler, sich eingehender mit der Hagebutte zu befassen.

Entkernte Hagebutten lassen sich zu Mark oder Mus verarbeiten

Weiche Früchte nach dem Frost sind dazu besonders geeignet. Mit wenig Wasser läßt man sie 20 Minuten köcheln, passiert, streicht die Masse durch ein Sieb, versetzt dieses Mark mit der gleichen Menge Zucker und setzt etwas Zitronenschale hinzu und erhitzt so lange, bis sich der Zucker gelöst hat – ein wirksames Heilmittel zur Nahrungsergänzung mit Vitamin C, das unser Körper selbst nicht bilden kann und welches für den Zellstoffwechsel aller Organe notwendig ist. Die Askorbinsäure beeinflußt ferner Fermentreaktionen und die Blutgerinnung und fördert die antivirale Wirkung des von den Zellen gebildeten Schutzstoffes Interferon. Von diesem Konzentrat nimmt man täglich zwei bis drei Teelöffel ein.

Für die Gelenke ist das Hagebuttenpulver wie folgt einzunehmen: Täglich zwei gehäufte Teelöffel in Joghurt oder Fruchtsaft einrühren und verzehren. Nach zwei bis drei Monaten kann die Dosis halbiert werden. Nicht in heiße Speiseneinrühren! Dieses Pulver ist auch für die Daueranwendung geeignet, da es unserem Körper nicht möglich ist, Vitamin C in beachtlichen Mengen zu speichern. ÜberflüssigesVitamin C wird mit dem Harn ausgeschieden.

Tee aus der Kräuterapotheke
Tee aus der Kräuterapotheke

Hagebuttentee
Unterstützend bei Blasen- und Nierenleiden und fürs Immunsystem
2 gehäufte Teelöffel werden mit ¼ Liter kochend heißem Wasser übergossen, man läßt 15-30 Minuten abgedeckt ziehen, seiht ab und trinkt mehrmals am Tag 1 Tasse.


Kräuterwanderung von Tanne nach Königshütte

Kräuterwanderung von Tanne nach Königshütte

Das Naturschutzgebiet »Harzer Bachtäler« umfaßt die Bachtäler der Warmen Bode und der Rappbode mit einer Vielzahl von Nebenbächen. Zahlreiche Wanderrouten führen hier entlang. Dabei ist die Erhaltung und der Schutz der für diesen Naturraum charakteristischen Mittelgebirgsbäche mit ihren artenreichen, natürlichen bachbegleitenden Pflanzenbeständen und der angrenzenden Bergwiesen mit ihrer typischen Fauna und Flora Anliegen aller Besucher. Einer der vielen Wanderwege durch dieses Naturschutzgebiet ist der Weg von Tanne nach Königshütte entlang der Warmen Bode. Er ist besonders reizvoll, interessant und ungewöhnlich schön.

Vom Parkplatz aus geht es direkt über die Brücke auf die östliche Uferseite der Warmen Bode, wo der Wanderweg beginnt. Nach kurzem Wegstück geht es rechts hinauf zum Kapitelsberg [528 m], dem Hausberg von Tanne, den man nach leichtem Anstieg von ungefähr einem Kilometer erreicht. An der Wegböschung des Fichtenwaldes bergauf begegnet man zahlreich dem Roten Fingerhut, dem Wald-Sauerklee, dem Wald-Wachtelweizen und dem Buschwindröschen. Oben angekommen, trifft man auf eine Wanderhütte mit Stempelstelle und ein originelles Gipfelbuch. Nur etwa 50 Meter entfernt erwartet uns der beliebte Aussichtspunkt mit dem Gipfelkreuz. Von hier aus wird man mit einem wunderbaren Blick auf den Ort Tanne und das Brockenpanorama belohnt. Eine gußeiserne Tafel erleichtert die Orientierung. Bevor es auf gleichem Weg wieder hinab geht, ist eine kleine Rast auf der Bank ratsam.

Am unteren Wanderweg nimmt die Warme Bode den Wanderer nun mit in den blühenden Lebensraum und weist selbst den weiteren Weg. Zunächst befindet sich auf der linken Seite eine nicht mehr genutzte Wiesenbrache, auf der noch die Bärwurz, das Echte Mädesüß, der Sauerampfer und die Wilde Engelwurz anzutreffen sind, nicht zu vergessen die Trollblume, die zu den besonders geschützten Pflanzen gehört, und die Sumpfdotterblume. Außerdem fallen die vielen Seggen-Arten am Uferrand auf. Hier ist mit einem nassen Untergrund zu rechnen. Weiter geht es in der Talsohle, in der sich die Warme Bode in ihrem Verlauf nach links verlagert und sich ein trockenes Wiesengelände ausbreitet, auf dem der große Bestand an Bärwurz und Arnika überrascht.

Danach erreicht man den Standort einer alten Silber- und Kupferhütte aus dem 12. Jahrhundert, den Silberkulk. Reste der Eisenschlacke aus der Zeit der Ottonen sind bis heute erhalten! Der Schwermetallrasen ist eingezäunt, um die interessante Fläche durch entsprechende Pflege erhalten zu können. Die meisten Pflanzen können auf solchen Standorten nicht existieren. Es hat sich daher eine spezielle Vegetation entwickelt. Typisch sind die Frühlingsmiere, auch »Kupferblümchen« genannt, die schwermetalltolerante Form des Taubenkropf-Leimkrauts und sogar Isländisches Moos und andere Flechten. Eine Schautafel, leider die einzig erhaltene auf dem weiteren Weg, informiert über den Silberabbau und die Flora.Das Naturschutzgebiet »Harzer Bachtäler« umfaßt die Bachtäler der Warmen Bode und der Rappbode mit einer Vielzahl von Nebenbächen. Zahlreiche Wanderrouten führen hier entlang. Dabei ist die Erhaltung und der Schutz der für diesen Naturraum charakteristischen Mittelgebirgsbäche mit ihren artenreichen, natürlichen bachbegleitenden Pflanzenbeständen und der angrenzenden Bergwiesen mit ihrer typischen Fauna und Flora Anliegen aller Besucher. Einer der vielen Wanderwege durch dieses Naturschutzgebiet ist der Weg von Tanne nach Königshütte entlang der Warmen Bode. Er ist besonders reizvoll, interessant und ungewöhnlich schön.

Der Weg – eigentlich als Naturlehrpfad ausgewiesen – führt immer dicht am Flußufer entlang weiter, begleitet von charakteristischen Vegetationsbeständen mit Hahnenfuß, Sumpfschachtelhalm und Sumpfschafgarbe. Oft genug bleibt zwischen sumpfiger Wiese links und Geröllhang rechts nur ein schmaler Trampelpfad. Aber der Weg ist einfach idyllisch und besonders reizvoll, wenn sich die Warme Bode abwechslungsreich wie ein Mäander durch das Tal schlängelt.

Um die Pflanzen nicht zu übersehen, sollten die Augen offen gehalten werden. Im Frühjahr sind es die Schlüsselblume, das Veilchen, das Wiesenschaumkraut, der Wald-Storchschnabel, das Bingelkraut und das Scharbockskraut. Auch um den Weg nicht aus den Augen zu verlieren, ist Aufmerksamkeit vonnöten! Viel quer liegendes Totholz ist bergauf und bergab zu umgehen. Über die seitlich einfließenden Bäche sind kleine, inzwischen recht morsche Holzbrücken gelegt.

Die saftigen Wiesen in dem Bachtal werden teilweise gemäht, teilweise wieder von dem Harzer Höhenvieh – einfarbig rot und eine der ältesten Nutztierrassen – beweidet, die die abwechslungsreiche Tallandschaft erfreulich wiederbeleben. Je nach Jahreszeit begegnet man noch vielen bemerkenswerten Kräutern und Pflanzen, teilweise in großen Beständen, die nicht alle genannt werden können. Vor dem Ortseingang von Königshütte trifft man auf den bequem begehbaren Harzer Hexenstieg [Südroute]. Hoch oben auf der Bergkuppe thront die Ruine der Königsburg [486 m], eine ehemalige Adelsburg aus dem 13./14. Jahrhundert, die man nach etwa einem Kilometer Aufstieg erreicht. Teile des Bergfriedes sowie Gräben und Wälle der Festung sind erhalten. Auch hier gibt es eine Stempelstelle der Harzer Wandernadel. Goethe besuchte diese Ruine auf seiner dritten Harzreise am 5. September 1784.

Auf einer Bank Platz genommen, öffnet sich der Kreis des Horizonts erneut für einen großartigen Überblick über das gesamte Panorama des Hochharzes mit dem Brockenmassiv und den Hohneklippen, eine erhabene Schönheit. Unterhalb der Höhe schaut man auf den Ort Königshütte, wo sich Warme und Kalte Bode vereinen. Nach einer kurzen Rast geht es über einen schmalen Serpentinenweg wieder hinab bis zu einer Brücke, die über die Bode an das andere Ufer führt. Für eine sehr willkommene längere Pause vor Antritt des Rückweges bietet das Restaurant »Am Felsen«, Ackertklippe 1 in der Verlängerung der Tanner Straße eine schöne Möglichkeit, um sich zu stärken.

Am Ortsausgangsschild in Richtung Tanne beginnt der Radfahrweg, der teilweise parallel, aber erhöht zur Straße verläuft, zurück nach Tanne [sieben Kilometer]. Immer wieder öffnet sich der Blick in das Tal, in dem die Bode ihre Lebensader eigenwillig in den Boden einbettet. Kurz vor Tanne leuchtet von der Höhe des Kapitelberges noch einmal das Gipfelkreuz auf, man nimmt Abschied von der eindrucksvollen Landschaft und kehrt zum Ausgangspunkt zurück. Oder man nutzt nach der erschöpfenden Wanderung die Busverbindung Königshütte-Tanne [264]. In Tanne hat man die Möglichkeit, in der »Schusterklause«, Bodetalstraße 33, einzukehren.

 


Echtes Mädesüß

Echtes Mädesüß

»Labkraut blüht und Mädesüß über grauen Nesselbüschen. Aus den Brüsten einer Göttin schäumten sie als weiße Quellen die Verdorrten zu erfrischen.«

- Wilhelm Lehmann

Echtes Mädesüß (Filipendula ulmaria)
Zeichung: Echtes Mädesüß (Filipendula ulmaria)

Das Echte Mädesüß ist eine Wiesenkönigin mit vielblütigen doldig-rispigen Blütenständen, die wie Schaum-Wolken am Pflanzenstiel mit einer Länge von bis zu zwei Metern aus der Wiese herausragen und einen starken Duft verströmen. »…sein Geruch macht das Herz lustig und froh und beglückt die Sinne«, so wurde die Pflanze bereits im Mittelalter verehrt.

Die winterharte Staude wächst sowohl auf kalkarmen als auch auf Kalkböden, will diese aber nährstoffreich und am liebsten feucht. An solchen Stellen finden wir sie auch in der Harzregion, vorwiegend im Vorharzgelände auf feuchten Wiesen und an feuchten Gräben, sonst sogar bis auf 1500 m Höhe. Sie ist eine Bienenpflanze, die zu den Rosengewächsen gehört.

Der Name Mädesüß wird in Beziehung gebracht zu Met, dem Honigwein, zu dessen Aromatisierung die Pflanze verwendet wird. Sie wird deshalb auch Honigblüte genannt. Andere Bezeichnungen sind Wiesengeißbart, Bocksbart und Metkraut. Die schmackhaften Blüten, die uns von Juli bis August erfreuen, erlauben auch eine Verwendung in der Küche zu Marmeladen und Desserts. Der lateinische Name ulmaria weist darauf hin, daß die Einzelblättchen der ununterbrochen gefiederten Blätter denen der Ulme ähnlich sind. Spierstaude wird das Mädesüß auch genannt, weil die ursprüngliche Bezeichnung von Linné spiraea lautete.

Auf Mager- und Trockenrasen kann man noch das Kleine Mädesüß [filipendula vulgaris] finden, das auch Knolliges Mädesüß wegen der Knollen an der Wurzel genannt wird. Es unterscheidet sich von dem Echten Mädesüß mit seinen 20-50 fiederspaltigen bis gesägten Fiederblättchen in einer grundständigen Rosette; außerdem ist der Blütenstand maximal zehn cm lang. Diese Pflanze kann arzneilich nicht verwendet werden. Über einen medizinischen Gebrauch des Echten Mädesüß in der Antike und im Mittelalter gibt es nur sehr spärliche Quellen. Adam Lonitzer nennt die Pflanze in seinem Kräuterbuch auch »Roter Steinbrech« und meint, »dieses Krauts Wurzel ist gut für den Stein«.

Als Heilmittel ist die Pflanze erst spät entdeckt worden

Vor ungefähr 150 Jahren fanden Forscher nicht nur in der Weidenrinde, sondern auch in dem Mädesüß oder der Spierstaude Salicylsäurederivate. Jahre später gelang dann erstmalig die synthetische Herstellung von Acetylsalicylsäure. Dieses Mittel wurde dann Aspirin genannt – abgeleitet von dem lateinischen Namen der Spierstaude: aspirea – ein bahnbrechendes Pharmakon, das leider unangenehme Nebenwirkungen verursacht. In der Pflanze sind noch weitere Wirkstoffe wie Gerbstoffe und Flavonoide enthalten, die sich gegenseitig mit weniger Nebenwirkungen ergänzen.

Als sogenanntes pflanzliches Aspirin ist das Mädesüß bei fieberhaften Erkrankungen, grippalen Infekten und zu Schwitzkuren angezeigt, diese wirken schweiß- und harntreibend, fiebersenkend, schmerzlindernd, entgiftend und antiseptisch. Für einen Kaltauszug [ein Teelöffel auf eine Tasse] läßt man die Droge zehn Stunden auslaugen, seiht ab und wärmt vor dem Trinken leicht an.

Wissenschaftlich bewiesen ist sowohl die Minderung der Magensäure als auch die Linderung von Gelenkschmerzen. Das deutet darauf hin, daß der Säurespiegel im gesamten Körper verringert wird. In der Volksheilkunde schätzt man den Tee auch bei Rheuma, Gicht und Migräne ohne die Nebenwirkungen von Aspirin in Tablettenform. Bei Grippe und Erkältungen empfiehlt sich zusätzlich ein Fußbad mit den Mädesüß-Blüten.

Blätter und Wurzel enthalten Gerbstoffe, die einen Einsatz bei Schleimhautreizungen und Durchfall rechtfertigen. Ein Aufguß aus den Blättern ist wohlschmeckend. Mädesüß verdient wieder entdeckt zu werden! Hinweis: Nicht in der Schwangerschaft und in der Stillzeit anwenden! Auch nicht bei Kindern unter zwei Jahren!


Die Geschichte und Bedeutung von Kräuterbüchern

Mit Erfindung der Buchdruckerkunst wurde es möglich, Pflanzenbeschreibungen und Pflanzenabbildungen einer breiteren Leserschicht zugänglich zu machen. 1484 erscheint in Mainz das erste gedruckte Kräuterbuch, herausgegeben von einem Mitarbeiter Gutenbergs. Es enthält 150 Kapitel mit ebenso vielen Abbildungen in Holzschnitten.

Seite aus dem »Gart der Gesundheit«: die Alraune

Ein Jahr später wird der »Gart der Gesundheit« veröffentlicht. Es ist das erste gedruckte Kräuterbuch in deutscher Sprache mit 368 handkolorierten Blättern, auch mit den beiden Holzschnitten der Wunderpflanze Alraune, die im Mittelalter eine große Rolle in der Schmerzbehandlung spielte. Zusammen mit Opium und Bilsenkraut tränkte man Schlafschwämme, die vor operativen Eingriffen verabreicht wurden.

1491 wurde von dem Mainzer Buchdrucker Meydenbach der »hortus sanitatis« in lateinischer Sprache herausgebracht, der für die mittelalterliche Medizin und Botanik von großer Bedeutung war. 454 Blatt sind mit sieben Vollbildern und 1.066 meist im Format 6 × 10 cm in den Text hineingestellten Illustrationen geschmückt. Eine schöpferische Fundgrube für den Historiker und jeden, der sich für Heil- und Pflanzenkunde der damaligen Zeit interessiert.

Die Bevölkerung, die den Naturkräften gegenüber, die Gott in die Pflanzen gelegt hatte, ein großes Vertrauen entgegenbrachte, gewann zunehmend Interesse an einem medizinischen Hausschatz mit Anweisung zum Gebrauch, um auf einfache und praktische Weise sich selbst zu helfen und zu heilen.

Die deutsche Renaissance

Die Nachfrage nach Kräuterbüchern wuchs, so daß die Herstellung von Botanik-Ärzten übernommen werden konnte. Die nach 1530 erschienenen Kräuterbücher von den drei Vätern der Botanik waren seinerzeit das Großartigste und Beeindruckendste an naturwissenschaftlichen Werken:

Das erste dieser neuen Kräuterbücher erschien 1532 von Otho Brunfels [1488-1534]; sein Contrafayt Kreuterbuch war zunächst in lateinischer, danach erst in deutscher Sprache erhältlich. Brunfels war Dominikanermönch und Doktor der Medizin. Die handkolorierten Abbildungen von einem Schüler von Albrecht Dürer sind so naturalistisch, daß sie das Buch besonders wertvoll machen.

Ein Schüler von Brunfels, Hieronymus Bock [1498-1554], war Lehrer und Leiter eines Botanischen Gartens. Er bringt 1539 sein Kreutterbuch heraus, in dem alle Pflanzen seiner oberrheinischen Heimat, inklusive Stauden und Bäume aufgenommen sind. Sein Erfolg ist vor allem den volkstümlichen, liebevoll verfaßten Texten zu verdanken, zu denen auch Passagen über die Herkunft, Verarbeitung und Anwendung von Lebensmitteln gehören.

Der Tübinger Professor Leonhart Fuchs [1501-1566], später Leibarzt des Markgrafen von Brandenburg in Ansbach, bringt 1543 ein gewaltiges, bebildertes New Kreüterbuch heraus, graphisch und künstlerisch wohl das Schönste, was von den drei Vätern der Botanik geschaffen wurde. Er beruft sich auf die alten Schriften von Hippokrates, Dioskurides und Galen. Der Text behandelt den Namen, die Gestalt, Vorkommen und Blütezeit, aber auch die Kraft und Wirkung der Pflanzen. Mit dieser Komplexität überragt er alle bis dahin erschienenen Werke.

Schier unerschöpfliche Quellen stellen auch die Kräuterbücher dar, die ab der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts erscheinen, so das Kreuterbuch des Adam Lonicerus von 1555; das Kreuterbuch von Nikolaus Mathiolus, das vielfach Grundlage für weitere Kräuterbücher wurde.

Das umfassendste Werk der Kräuterbuchgeschichte ist das Kreuterbuch des Jacobus Theodorus Tabernaemontanus aus dem Jahre 1731. Auf 1.160 Seiten hat der Arzt und Apotheker in 38 Jahren über 3.000 Kräuterbeschreibungen in außergewöhnlicher Ausführlichkeit zusammengetragen.

Bis weit ins 18. Jahrhundert war der »Tabernaemontanus« das Standardwerk der Botanik und Pharmakologie. Jakob Theodor [1525-1590], nach seinem Heimatort Bergzabern in der Pfalz »Tabernaemontanus« genannt, war Schüler von Hieronymus Bock. Sein Leben lang arbeitete er an dem 1588 erschienenen »Neu vollkommen Kreuter-Buch, darinnen 3000 Kräuter mit schönen künstlichen Figuren... beschrieben« – das bedeutendste Werk mit 2300 Holzschnitt-Abbildungen. Seinen Vorgängern gegenüber hebt es sich mit wesentlich besseren Holzschnitten und treffenderen Beschreibungen deutlich ab. Zahlreiche schöne Illustrationen, die später vermehrt wurden, waren weit bis ins 18. Jahrhundert vielen Botanikern eine Einführungshilfe in die europäische Flora. Der letzte und schönste Nachdruck erfolgte 1731.


Originale aus dem Harz: Der Waldschrat

Harzer Originale: Der Waldschrat

Bis Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts konnte man sie auch im Harz noch vereinzelt antreffen: die tuckernden Bandsägen, die nur mit hörbarer Mühe die steilen Berge erklommen. Doch deren eigentliche Bestimmung bestand ja auch keineswegs aus dem Fahren. Das war nur Mittel zum Zweck. Mangels Baumärkten waren Besitzer von Bandsägen überall stets hochwillkommen, wenn es darum ging, sich das Holz für den heimischen Ofen klein schneiden zu lassen - und das alles für ein paar Alu-Pimperlinge. Kettensägen gab es indessen nur für Forstleute. Irgendwann verschwanden aber mit der untergeganenen DDR auch die Uralt-Verdampfer aus dem Straßenbild und gerieten so nach und nach in Vergessenheit.

Längst sind funktionierende Bandsägen daher zu echten Raritäten für passionierte Sammler und Schrauber geworden. Heutzutage wird man zwischen Osterode und Thale, Nordhausen und Bad Harzburg lange nach solchen rollenden Sägewerken suchen müssen. In Zilly stehen gleich zwei, die aber beide nicht mehr funktionstüchtig sind, geschweige denn sich noch zum Sägen eignen würden.

Um so überraschter ist man, auf dem Hof des Elbingeröders Karsten Böhme noch auf ein Exemplar, Baujahr 1927, zu stoßen, welches von ihm in nur zwei Jahren aufs Feinste restauriert wurde. »Ich wollte schon immer etwas Außergewöhnliches haben, bis mir ein Freund von einer Bandsäge auf der anderen Seite des Harzes erzählte. Ich wußte damals noch nicht mal so genau, was das eigentlich sein soll.« Dabei schien das Schicksal gerade dieser Bandsäge eigentlich schon vor Jahrzehnten besiegelt. In Steina, einem Ortsteil von Bad Sachsa, gammelte sie 20 Jahre unter freiem Himmel vor sich hin, bis irgendwann die Brennnesseln aus dem löchrigen Blechdach herauswuchsen. Ausgesägt und ausgedient.

Doch jener Mann mit dem Vollbart, der »Waldschrat« oder »Holz-Michl« nach eigenem Bekunden für die treffendsten Beschreibungen seiner Person hält, hat ein kleines Wunder vollbracht. Gab es doch seinerzeit niemanden, der angesichts des kläglichen Schrotthaufens nicht die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen hätte. Böhmes Ehefrau Nicole zuallererst. Auch der mit dem Abtransport beauftragte Fuhrunternehmer quittierte das rostende Elend lediglich mit einem vielsagenden Kopfschütteln: Da hätte sich ja nicht mal die Anreise über den Harz gelohnt! Und dafür auch noch Geld ausgeben? Der Spediteur verweigerte sich zunächst komplett und wollte am liebsten unverrichteter Dinge wieder nach Hause fahren. Mit Hängen und Würgen konnte ihn der Enthusiast Böhme vom Gegenteil und letztlich mit einem Kasten Bier überzeugen: »Roste es, was es wolle...«.

Das Ergebnis dieser Überredungskunst und monatelanger Friemelei ist ein funktionsfähiger Oldtimer aus den Händen der Firma Hans Rode aus Kassel. Im übrigen mit verblüffend genialer Technik und noch dazu von hohem Nutzwert - wenn »Mann« ihn denn benutzen wollte. Aber Böhme weiß sein Schmuckstück zu sehr zu schätzen. Ist er doch selbst Forstarbeiter, der sich heute natürlich ganz anderer Technik bedienen kann. Für manche Dinge ist es vermutlich das Beste, sie restauriert zu haben und einfach nur zu besitzen. Der originale und völlig heruntergekommene Zwei-Zylinder-Motor von Güldner hatte sich wegen zu erwartender Kosten von mehreren Tausend Euro zwar nicht ersetzen lassen. Dafür sorgt jetzt ein Ein-Zylinder-Motor von Deutz mit 16 PS für den Antrieb. Am meisten überrascht war Böhme vom Innenleben des Getriebes: »Darin sah alles aus wie frisch aus dem Werk!« Das benötige ja auch kein Öl, so der Experte: »Das freut sich, wenn ich mal mit einer Fettpresse vorbeikomme.«

So gibt es nur ein oder zwei Gelegenheiten pro Jahr, in denen die Bandsäge auf einer Oldtimer-Ausstellung in der Harz-Region öffentlich präsentiert wird. Theoretisch könnte sie auch selbst nach Hüttenrode oder Wasserleben fahren. Aber mit der Spitzengeschwindigkeit von 5 km/h müßte Böhme unterwegs auch noch eine Übernachtung buchen. So wurde das gute Stück gar nicht erst polizeilich zugelassen und wird im Falle eines Falles eben auf einen Hänger verladen. Ab und an hätten schon mal Interessenten bei ihm in Elbingerode vor der Tür gestanden. Die werden dann stets mit der gleichen Not-Lüge abgeschreckt: »Die Bandsäge ist unverkäuflich, weil schon seit hundert Jahren in Familienbesitz ...«


Harzer Originale: Die Schrauber aus Zilly

Was andere für puren Schrott im weitesten Sinn halten, ist für die Niebels in Zilly immer noch brauchbar. Und das selbst für den Fall, daß manches Teil nach dem Einsammeln weitere zehn Jahre auf seinen Einsatz warten muß – in irgendeiner von hunderten Kisten und Kästchen, ölverschmierten Regalen oder an einer der Wände, die eigentlich alle schon vor Jahren keinen Platz mehr boten. Was wirklich nicht mehr paßt, wird kurzerhand an die Decke gehangen. Doch auch die ist längst derart voll, daß nur noch an ganz wenigen Stellen der Blick auf die uralten Balken der legendären Harzer Bike-Schmiede überhaupt möglich ist.

Für den Außenstehenden scheint kein nachvollziehbares System dahinter zu stecken – ein krasser Irrglaube! Was Opa Wilfried einmal in den Händen hatte, läßt sich mühelos nach Monaten binnen kürzester Zeit wieder hervorkramen. Diesen Test hat er, wie auch sein Sohn Tilo, längst hundertfach bestanden. Daß oft Dinge zusammenfinden, die ursprünglich nie zusammengehörten, ist Teil der Niebelschen Philosophie. »Wir wollen beweisen, dass man auch mit einem Abschluß der achten Klasse mehr anstellen kann, als nur blöd gucken«, bringt es Wilfried Niebel auf den Punkt, um später zu ergänzen: »Mein Vater ist im Krieg geblieben. Ich mußte mir daher alles selbst beibringen. So habe ich es auch mit meinen Kindern gehalten. Inzwischen sind auch meine Enkel von der Schrauberei infiziert,« so der gelernte Elektromeister. »Alle mußten schon in jungen Jahren ihre Fahrräder selbst reparieren, später waren es die Mopeds.« Sie hätten sich auch leicht etwas Neues kaufen können, so der Großvater mit der ledernen Bikermütze in Schwarz, aber dann wäre das Geld weg gewesen und der Spaß am Tüfteln und Ausprobieren wäre höchstwahrscheinlich erst gar nicht aufgekommen.

Daß sich dabei zumeist die halbe Werkstatt im Garten verteilt hat und Spritzpistolen niemals gereinigt wurden, nahm Niebel mit stoischer Gelassenheit in Kauf. »Ich war einfach froh, daß sie nicht in der Kneipe rumgehangen haben, rauchten oder irgendwelchen anderen Blödsinn machten.« Als Sohn Tilo sich seine erste zerlegte MZ »BK 350« besorgte, um ihr vielleicht doch noch einmal neues Leben einzuhauchen, war er gerade mal Zwölf! Ohne Bauanleitung sollte das, gemeinsam mit dem Bruder, auch gelingen. Bis heute gilt als ungeklärt, wer damals eigentlich stolzer war – die bei den Jungen oder deren Vater. Auf den Feldwegen rund um Zilly wurde die Maschine zusammen mit den Kumpels regelrecht zu Tode geritten – und doch immer wieder erfolgreich repariert.

Mitte der 70er Jahre geriet der Kauf eines Oldtimers für einen seiner beiden Söhne zu einer Initialzündung. War dies doch der Anfang einer bis heute einzigartigen Fahrzeugsammlung. Weil die Schmiede dafür zu keinem Zeitpunkt genügend Platz bot, stehen die Schmuckstücke in Blech neuerdings nebenan in einer extra für diesen Zweck ausgebauten riesigen Scheune. Vierzehn Meter hoch und zunächst baulich in desolatem Zustand, wurde auch diese in Eigenregie ausgebaut. Mit neuem Material aus dem Baumarkt? Fehlanzeige! Das wäre allen gegen den Strich gegangen. Bei den Niebels wird nicht wiedergekäut, aber gnadenlos wiederverwertet. Nun also kann sich auf zwei Etagen verteilen, was sonst in den zahlreichen kleinen Schuppen und Garagen sein Mauerblümchendasein fristen mußte. Aber selbst dort beginnt es schon wieder eng zu werden.

Pures Glück, einzigartige Zufälle oder auch ganz gezielte Suchaktionen auf den Schrottplätzen landauf, landab führten bis jetzt zu einem Fundus, der seinesgleichen sucht. Und das sicher weit über den Harz hinaus. Wilfried Niebel: »Als Elektriker bist du ja auch irgendwie ein Zigeuner. Du kommst auf jedes Grundstück, in jede Scheune oder Keller und entdeckst bei den Leuten immer etwas, was achtlos in der Ecke steht, aber eigentlich doch noch zu gebrauchen wäre.« Eigentlich kein Wunder, daß der Ort Zilly längst zum Synonym für pure Sammlerleidenschaft geworden ist. Das quittieren im Dorf aber längst nicht alle mit Anerkennung und Respekt: »Die Niebels spinnen doch!«

Daß man überregional in der Biker- und Oldtimer-Szene in der ersten Liga mitspielt, genügt den professionellen Bastlern mit der vorsätzlich zur Schau getragenen Schraubermacke indessen vollends. Die anerkennenden Einträge von Besuchern im Internet nach den Führungen durch die Bike-Schmiede sprechen Bände. Und ob es ein anderes Dorf im Nordharz je zu einer derartig medialen Präsenz schaffen wird, daß sich die Fernsehanstalten geradezu die Klinke in die Hand geben, darf ebenfalls bezweifelt werden. Im 800 Einwohner zählenden Zilly hätte man allein schon deswegen allen Grund, über alle Maßen stolz zu sein.

Wie auch immer – die Enthusiasten mit dem Benzin im Blut haben sich zumeist einen Teufel darum geschert, angepaßt zu sein und nicht aufzufallen. Wilfried Niebel nahm nie ein Blatt vor den Mund – zu DDR-Zeiten nicht und heute schon gar nicht. Unter Honecker klickten deswegen gleich drei Mal bei ihm die Handschellen. Pikanterweise immer, wenn er allein auf der Toilette war: »Die Männer mit den nach allen Seiten drehbaren Pferdeohren haben mir dann stets den Unterschied zwischen Meinungsäußerung und Hetze klarmachen wollen. Zu einer richtigen Verhaftung hat es aber nie ganz gereicht.«

Zwei Jahre nach dem Mauerfall rückte die zu komplettierende Oldtimersammlung immer mehr in den Fokus. Es ist jene Zeit, da man sich im Osten nur zu gern der historischen Technik entledigt. Aber nicht immer sind die in Scharen einfallenden Sammler aus den Niederlanden schneller als die Niebels vor Ort. Alle paar Monate stößt man irgendwo auf einen neuen Oldtimer, der offensichtlich seit Jahrzehnten auf begnadete Schrauberhände gewartet hatte. Darunter befindet sich mit dem »Siyz 110«, Baujahr 1949, auch die erste DDR-Staatskarosse von Otto Grotewohl. Das Ganze ein außergewöhnlich seltenes Exemplar der Automobilgeschichte und von daher heutzutage kaum bekannt. Im übrigen ein Packard-Nachbau, dessen 36 Kilogramm schweres Radio schon damals über einen Sendersuchlauf verfügte. Der Wagen ist sieben Meter lang, drei Tonnen schwer und besticht mit einem Verbrauch von unbescheidenen 40 Litern pro 100 Kilometer. Selbst die elektrohydraulischen Fenster würden wartungsfrei bis heute tadellos funktionieren – »ohne jeglichen Schnick-Schnack und sowieso ohne Serviceheft!« Der eingesetzte Ölspaltfilter ist für die Ewigkeit gebaut und müsse praktisch nie gewechselt werden. Niebel: »Man stelle sich mal vor, wie viele Ölfilter jeden Tag in Deutschland ausgetauscht und als Sondermüll entsorgt werden müssen. Eine Million? Eine halbe?« Es ist jedenfalls unfaßbar und aus Niebels Perspektive einfach nur dumm, weil es schon einmal besser ging: »Wir verschleudern unsere Ressourcen – und alle machen mit! Für mich ein Indiz dafür, daß wir es verlernt haben, mit unserem Wohlstand angemessen umzugehen.«

Unterdessen ist die Sammlung auf fast 300 Modelle angewachsen. Die meisten davon sind Motorräder und Mopeds. Jedes zweite Fahrzeug ist wieder in einen betriebsbereiten Zustand versetzt worden. Unterdessen laufen Planungen auf Hochtouren, die Exposition noch um ein Spielzeugmuseum zu erweitern. – Ganz ohne eigene Kreationen sollte es bei den Niebels aber nie abgehen. Das erste Husarenstück gelang ihnen mit der »Big Mama«. In dieses gewaltige Motorrad mit seinen 115 PS wurde nach dem Willen der beiden Söhne der Motor eines Tatra 603 verbaut. Motto: Geht nicht, gibt`s nicht. Einmal angelassen, bekommt auch das letzte Haus am Zillyer Ortsrand noch etwas vom martialischen Klang dieses Unikats ab. Die acht Zylinder sorgen automatisch dafür, daß die Schuhe entstaubt und zerknitterte T-Shirts ähnlich platt sind wie deren Träger.

Wenn sich 8 Zylinder miteinander unterhalten, möchte man vor Demut niederknien