Spitzwegerich
Plantago lanceolata – Obwohl der Wegerich weltweit artenreich vertreten ist und als Kosmopolit die Welt bevölkert, wird er in dieser Bedeutung und auch als »König« am Wegesrand heute nicht mehr wahrgenommen.
Diese Pflanze im Garten läßt den Doktor draußen warten.
Obwohl der Wegerich weltweit artenreich vertreten ist und als Kosmopolit die Welt bevölkert, wird er in dieser Bedeutung und auch als »König« am Wegesrand heute nicht mehr wahrgenommen. Hat Heinrich Waggerl Recht mit seinem Vers:
»Der Mensch jedoch in seiner Pein glaubt nicht an das, was allgemein zu haben ist. Er schreit nach Pillen«?
Der Wegerich kommt und geht mit den Menschen, mit den Hufen der Haus- und Reittiere, selbst über die Wagenräder, weil seine klebrigen Samen auch an den Fußsohlen hängen bleiben. Daraus erklärt sich auch der lateinische Name plantago: planta = Fußsohle, auch Pflanze, und -ago [von agere = bewegen, gehen]. Seit dem Neolithikum ist der Wegerich ein Kulturanzeiger und war auch mit den frühen Besiedlungen in der Harzregion angekommen. In unseren Breiten kennen wir neben dem Spitzwegerich den Breitwegerich [plantago major], auf dessen Blattform sich die »Fußsohle« bezieht, und den Mittleren Wegerich [plantago intermedia]. Als Arzneipflanze ist heute lediglich der Spitzwegerich anerkannt, der seinen deutschen Namen seinen spitzen fünfnervigen Blättern verdankt, und wegen der rauhen Oberfläche auch noch Schafzunge genannt wird. Andere Bezeichnungen sind Hundsrippe, Rippenkraut, Spießkraut oder auch Spitz-Wegeblatt. Die Endung -rich leitet sich vom gotischen -reikos [lat. Rex = König] ab, denn der Wegerich beherrscht wie der Knöterich, der Hederich oder vormals auch der Gute Heinrich nicht nur die Wegränder.
Den Bestäubungsdienst übernehmen sowohl die Insekten als auch der Wind. Außerdem vermehrt er sich durch Ausläufer, so daß um den Herrscheranspruch keine Sorge besteht. Und zur Blütezeit des Spitzwegerichs überragt der kantige Blütenschaft die Blattrosette und trägt wie einem König angemessen auch ein zartes Krönchen.
In alten Kräuterbüchern wird uns von zahlreichen Anwendungsmöglichkeiten berichtet. Auch Pfarrer Kneipp schreibt: »Wie mit Goldfäden näht der Wegerichsaft den klaffenden Riß zu, und wie an Gold sich nie Rost ansetzt, so flieht den Spitzwegerich jede Fäulnis und faules Fleisch«.
Bei den germanischen Völkern hatte die Pflanze ein hohes Ansehen als Sympathiemittel bei Fieber. Dazu wurden die Blätter mit den offenen Leitbündeln nach unten als Wickel um den Hals gebunden. Nach einer bestimmten Anzahl von Tagen war dieser Kragen unbesehen in ein fließend Gewässer zu werfen: Das Fieber war dann abgeleitet und hinweggespült. Symbolhaft eine sinnvolle Handlung. – Vorwiegend wegen der antibakteriellen und blutstillenden Wirkstoffe verdient der wertvolle Spitzwegerich eine gebührende Anerkennung. Nachgewiesene Inhaltsstoffe sind unter anderem Aucubin, Glycoside, Gerbstoffe, Phenolcarbonsäuren, Flavonoide, Kieselsäure und Saponine. Daraus erklärt sich der bittere, salzige und zusammenziehende Geschmack der Blätter. Die Wirkung ist antibiotisch und antibakteriell und soll der des Penicillins entsprechen. Weiterhin sind wundheilende, hustendämpfende, auswurffördernde, reizlindernde und entzündungshemmende, aber auch blutstillende und sogar harntreibende Wirkungen hervorzuheben.
Die vordergründigen Indikationen sind Bronchialerkrankungen, Katarrhe der oberen Luftwege und Hustenreiz, außerdem äußerlich als Wiesenpflaster bei Hautverletzungen, Quetschungen oder Insektenstichen.
Die Gerbstoffe berechtigen die Anwendung bei Schleimhautentzündungen und bei blutenden Wunden. Leichte Verbrennungen lassen sich mit frischem Saft aus den Blättern kühlen [Feuerlöschereffekt].
In der Homöopathie findet der Spitzwegerich Anwendung bei Zahnschmerz, Ohrweh und Neuralgien.
Aber der Spitzwegerich ist mehr als ein Arzneimittel. Neben seinen heilenden Vorzügen ist sein Kraut auch in der Küche willkommen. Junge Blätter verfeinern Salate und Kräutersoßen.
Für den Spitzwegerich-Honig – eine wirkungsvolle und einfach zuzubereitende Hustenmedizin – benötigt man gleiche Teile Spitzwegerichblätter und Bienenhonig, der mit seinen eigenen antibiotischen und desinfizierenden Eigenschaften die arzneiliche Wirkung ergänzt und verstärkt.
Die zerkleinerten Spitzwegerichblätter und der flüssige Honig werden schichtweise einen Zentimeter hoch in ein Glas gefüllt, mit Honig wird abgeschlossen. Nach zwei Stunden haben sich die Blätter gesenkt, nun muß mit Honig randvoll aufgefüllt werden. Luftdicht verschlossen wendet man die Flasche täglich so, daß das Kraut immer von Honig umspült ist. Nach vier bis sechs Wochen den Honig in kleine dunkle Flaschen füllen und kühl stellen. Bei Husten mehrmals einen Teelöffel langsam schlucken und danach eine halbe Stunde nichts essen und trinken, damit sich die Wirkstoffe an der kranken Stelle gut entfalten können.
In der Landwirtschaft ist der Wegerich nicht beliebt, er ist ein Heudieb! Denn da, wo er seine Rosette spreizt, wächst kein Gras [Heu] mehr.
Aus dem Buch: Altes Kräuterwissen aus dem Harz, S. 154–157: „Spitzwegerich“

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