Trinkwasser aus dem Bodewerk – Hier trinkt das Land
Mehr als eine Million Menschen zwischen Harz, Magdeburg und Leipzig trinken Wasser aus der Rappbodetalsperre – entnommen aus einer kalten Tiefenschicht von annähernd 4 °C.
Trinkwasserbereitstellung gehört zu den Kernaufgaben des Bodewerks. Man hatte in der Entwurfsphase gegen den Wasserentzug zugunsten des Industriegebietes Salzgitter opponiert, nun sollte das einheimische Wasser auch der mitteldeutschen Heimat zugutekommen.
Denn große Teile Mitteldeutschlands liegen im Regenschatten des Harzes. Im Übergangsbereich zwischen dem Seeklima des Atlantiks und dem Kontinentalklima Osteuropas liegt der Harz. Von Westen ankommende dickbäuchige Wolkenschiffe sind durch ihre gewaltige Wasserlast unfähig, den Harz, insbesondere das Brockenmassiv zu überwinden. Die ‚Caravellen des Regenwassers‘ müssen Ballast abwerfen, um darüber hinwegzukommen. Wenn dann die Wolken brechen, bekommt die Erde Wasser in Fülle! Im Westharz mit Brockenmassiv gibt es also ein überreichliches Wasserangebot. Östlich davon gehen die Niederschlagswerte schnell zurück, um in der Börde ihr Minimum zu finden. Hat der Brocken zumeist 1600 Millimeter Jahresniederschlag, liegt Wernigerode bei nur 640 Millimeter und Magdeburg bei 500 Millimeter. Die durchschnittliche Niederschlagsmenge im Einzugsgebiet des Talsperrensystems beträgt 1000 Millimeter. Wie ungleich doch die Gaben der Natur verteilt sind! Doch besitzt das Regenschattengebiet im Dreieck Harz-Magdeburg-Halle eine sehr starke Industrie und Landwirtschaft sowie eine große Bevölkerungszahl. Dieses Gebiet umfaßt etwa 10.000 Quadratkilometer. Mensch und Gewerbe benötigen Unmengen sauberen Wassers, das nach Lage der Dinge nur aus dem Harz zu bekommen ist. Regen und Schnee bringen im Winter und Frühjahr viel Wasser in das Bodesystem, dieses gilt es aufzufangen und einzuspeichern. Dieses aufgefangene Wasser stellt nun einen wertvollen Rohstoff dar, der verarbeitet werden will.
Ein Wasserwerk mußte her. Das entstand am Fuße der Harzberge, dort, wo der legendäre Anstieg der Bundesstraße 81 ein graues Band hinter Cattenstedt mit 14% Steigung in die Berge schwingt und dem eiligen Kraftfahrer Respekt und Demut lehrt. Eine eher unscheinbare Betonseitenstraße führt zur Trinkwasseraufbereitung, kurz TWA. Hier endet der Trinkwasserstollen, durch den das Rohwasser aus der Rappbodetalsperre geleitet wird. Im freien Fall, was enorm wichtig für die Energiebilanz des Werkes ist. Die Reise des Wassers beginnt also schon in der Mauer der Sperre, wo Absperrschieber von gigantischem Ausmaß zur Regulierung und zum Ablaß aus verschiedenen Wasserhöhen vorhanden sind. Um eine ausgezeichnete Wasserqualität zu garantieren, gibt es ein ganzes Bündel von technischen und administrativen Maßnahmen. Trinkwasserschutzzonen wurden eingerichtet, ein Badeverbot für alle Sperren erlassen. Gleichzeitig gilt es zu verhindern, daß durch unumgängliche Wasserspiegelschwankungen des Stausees Uferbrüche entstehen. Ein geschlossener Gürtel aus teils dornigen Sträuchern und baumartigen Gehölzen erfüllt diese Aufgabe am besten. Wo Rohwasser zur Trinkwasseraufbereitung entnommen wird, ist das Talsperrensystem für jede andere Verwendung tabu. Nichts soll das klare Wasser des Harzes trüben. Anfang der 1990er Jahre wurde für das anfallende Schmutzwasser des Einzugsgebietes eine zentrale Kläranlage in Rübeland gebaut, so daß eine Verschmutzung der Bodezubringer durch unkontrollierte Abwässer der Vergangenheit angehörte.
Die Entnahmeeinrichtungen sind in der Lage, gestautes Wasser aus beliebiger Stauhöhe zu entnehmen, was im Sommer- oder Winterstau-Regime schon seine Bedeutung hat. Betriebsgeheimnis der Talsperren- und Wasserexperten! Tatsächlich schichtet sich das eingestaute Wasser in der Rappbodetalsperre in unterschiedlichen Qualitäten; in kleineren Talsperren ist dieser Effekt nicht so ausgeprägt zu beobachten. Die kalte Tiefenwasserschicht (Hypolimnion) mit annähernd 4 °C ist weitestgehend frei von Algen und Zooplankton. Beste Voraussetzung für die Entnahme von Rohwasser! Weil das Hypolimnion jahreszeitlich in seiner vertikalen Ausdehnung schwankt, kann durch Entnahme in verschiedenen Höhen qualitativ gegengesteuert werden.
Zwei mächtige Stahlrohre führen das Rohwasser zunächst zum Trinkwasserkraftwerk, wo die Fließenergie sinnvoll zur Stromerzeugung genutzt wird – und um das Krafthaus sogleich wieder zu verlassen. Immer noch in zwei Stahlröhren geht’s zum Bodedüker. Hier wird die Bode, die gleichzeitig einen Ausläufer der Wendefurther Sperre darstellt, unterquert.
Der Stausee der Rappbodetalsperre ist eine der bedeutendsten Rohwasserreserven in Mitteldeutschland. Alle Talsperren des Bodewerkes – außer Wendefurth – leiten ihr Wasser da hinein. Nur von der Hauptsperre aus findet die Rohwasserentnahme für die Trinkwasserversorgung statt.
Das „Harzwasser“ ist besonders weich und angenehm im Geschmack. Aus dem Rohwasser werden zunächst durch Filtration Algen und Kleinstlebewesen entfernt. Kohlendioxid und Kalkwasser härten anschließend das Wasser bedarfsgerecht auf und stabilisieren den pH-Wert. Bevor es auf den Weg zum Endverbraucher geht, werden noch geringe Mengen von Chlor und Chlordioxid für eine gleichbleibende Qualität hinzugefügt. Ein Labor überwacht und steuert diese Vorgänge. Das Wasserwerk Wienrode wird von dem Unternehmen Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz GmbH mit Hauptsitz in Torgau betrieben. Im Normalbetrieb werden dem Stausee der Rappbodetalsperre täglich etwa 130 000 Kubikmeter Rohwasser entnommen, die Gesamtkapazität des Wasserwerks liegt bei 180 000 Kubikmeter Wasser. So deckt das Flußsystem der Bode mehr als ein Drittel des Trinkwasserbedarfs in Sachsen-Anhalt ab. Mehr als eine Million Einwohner im Gebiet zwischen Harz, Magdeburg und Leipzig erhalten Rappbodewasser. Die derzeitige Abgabe beträgt 48-50 Millionen Kubikmeter pro Jahr. Mehr wäre möglich, aber dann müßten das Netz und die Ressourcen des Wasserwerkes Wienrode erweitert werden.
Die Wasserreise zum Endversorger geschieht über Stahlrohrleitungen, in geringem Umfang auch Betonrohre, mit einem Durchmesser von einem Meter. Über ein System aus Hochbehältern und rund 300 Kilometer Fernleitungsnetz beliefert die Fernwasserversorgung Elbaue-Ostharz Gmbh ab Wienrode heute einen Großteil des mittleren und südlichen Sachsen-Anhalts mit Trinkwasser aus der Rappbodetalsperre. Dazu kommen hunderte weitere Kilometer Leitungen der angeschlossenen Wasserverbände und Stadtwerke, die ihrerseits das Wasser bis zum Endverbraucher liefern. Die oben genannten Städte und über 400 Landgemeinden werden mit gutem Harzwasser versorgt; Fernwasserleitungen liefern das kostbare Harzer Naß auch nach Magdeburg, Halle, Leipzig und darüber hinaus! Eine Zeitung titelte unlängst durchaus zutreffend: Hier trinkt das Land!
Wasserlieferant Harz: Heute können in den 31 klassifizierten Talsperren des Gesamtharzes rund 400 Millionen Kubikmeter Wasser gespeichert werden.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 104–107

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