Entlang der Bode · Thale
Thale: Hexentanzplatz und Roßtrappe
Mit der Seilbahn hinauf zum Hexentanzplatz und hinüber zur Roßtrappe, wo das Ross der Riesentochter Brunhilde seinen Hufabdruck im Granit hinterlassen haben soll.
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Die Kleinstadt Thale am Ein- und Ausgang des Bodetals besitzt seit 1970 eine ganz besondere Attraktion. Zusammen mit slowakischen Spezialisten wurde am Tor zum deutschen Grand Canyon eine atemberaubende Personenbeförderung zum Hexentanzplatz errichtet. In Gondeln für je vier Personen wird in ungefähr vier Minuten ein Höhenunterschied von 250 Metern überwunden. Eine einzige Stütze von allerdings stolzen 45 Metern Höhe hält das Tragseil, wenn man vom Überläufer am Wachlerfelsen mal absieht. Vom Stützturm zum Überläufer sind es allein 500 Meter, da läßt sich die Aussicht wirklich genießen. Wem das noch nicht reicht, der kann eine der Gondeln mit Glasboden besteigen, so läßt sich das Hochgefühl noch einmal steigern. Den Zeitgenossen, denen es im Magen so eigenartig wird, sei tröstlich mittgeteilt, daß das Tragseil vier Zentimeter stark ist und ab Windstärke sieben der Fahrbetrieb sicherheitshalber eingestellt wird. Mit jedem gewonnen Höhenmeter bei Bergfahrt wird die Aussicht grandioser, oben angekommen ist keine Steigerung mehr denkbar.
Das hätte sich Ernst Wachler sicher nicht träumen lassen. Sein Naturtheater, Deutschlands erstes unter freiem Himmel, das ungezählte Aufführungen seit 1903 erlebte und ebenso viele ungezählte Stars der Bühnen hierher lockte, ist heute immer noch ein Magnet. Freilich profitiert das Theater auch von der Berühmtheit des benachbarten Platzes, der mittlerweile zum Synonym für Harzevents gilt: Hexentanzplatz!
Hier, an ursprünglich altsächsischer Kultstätte, treffen sich heute verschiedenste Völkerstämme aus aller Welt, und die Auswahl an Angeboten ist riesig: Seilbahn, Eventgastronomie, Walpurgishalle, Tierpark, Sommerrodelbahn, Homburgswarte und schön gestaltete Waldwegspielplätze für die Kinder. Seit dem Sommer 2024 präsentiert sich der ganze Platz überdies in neuem Gewand.
Die alten Germanen wären freilich mit der auf gegenüberliegender Talseite gelegenen Roßtrappe als Kultort eher einverstanden. Unverfälscht, unverbaubar. Der Hexentanzplatz jedoch gehört zum festen Bestandteil eines jeden Harzbesuches. Und wenn am 30. April das Fest der Feste im Harz gefeiert wird, klar – Walpurgis – muß der Hexentanzplatz bis zu 20.000 Partiegäste aufnehmen. Da ist‘s tröstlich zu wissen, daß der Teufel und dessen Großmutter sowie ein hinzugekommener Homunkulus auch auf dem Platz weilen und für die rechte Stimmung sorgen. Jochen Müller als Schöpfer dieser Plastiken kennt sich mit Teufeln, wie es scheint, gut aus; stammen doch dieselben im unweit gelegenen Teufelsbad zu Blankenburg auch von ihm.
Wer dem Trubel entfliehen will, genießt den sagenhaften Ausblick ins Bodetal und hinüber zur Roßtrappe. Und unwillkürlich denkt man an die verfolgte Riesentochter Brunhilde, die im pfeilschnellen Ritt von hier aus zu ihrem unglaublichen Sprung über das Bodetal ansetzte und auf der gegenüberliegenden Roßtrappe mit knapper Not aufsetzte; den Sprung gerade so gestanden hatte.
Die Haltungsnote wäre undiskutabel gewesen. Daß bei dieser, aus höchster Not geborenen Aktion der Hufabdruck ihres braven Rosses sich in den harten Granit förmlich hineinbohrte, war ein Kollateralschaden, der hingenommen werden mußte. Ihr Verfolger, der blind verliebte Riese Bodo, schaffte es – man ahnt es schon – nicht über den Fluß. Er stürzte mitsamt Pferd in den schauerlichen Abgrund. Doch war sein Sturz für ihn zwar bedauerlich, allerdings nicht umsonst. Dort unten erfüllt er heute noch eine wichtige Mission: die Bewachung der Krone, die Brunhilde während ihres Wahnsinnssprunges leider vom Haupt rutschte und nun für immer im ‚Kronensumpf‘ des Flusses ruht, dem Bodo überdies seinen Namen leihen mußte. Brunhilde und Pferd haben bei diesem Rekordsprung eine Weite von 500 Metern geschafft, bei einer Sprunghöhe von 200 Metern. Weniger poetisch ist die Deutung, nach dem ein loser Granitblock auf der Felsspitze, den unaufhörlichen starken Winden des Pleistozäns ausgesetzt, ungezählte Male sich auf der Stelle drehte und so den größten Teil der Eintiefung schuf.
Die alten Germanen kannten bereits diese rätselhafte wie unerklärliche Eintiefung, gerade deswegen entwickelte sich der Ort auch zu einer Kultstätte; 250 Meter über der Bode. Hierher kamen die Helden, die den Aaren des Anfangs gefreundet waren, auf halsbrecherischem Pfad. Seit 1900 ist der heutige Weg, mittels tiefreichenden Trockenmauern gegründet, sicher begehbar, was entscheidend zur Popularität der Roßtrappe beitrug. Die ist seit 1980 vom Grund des Bodetals mit einem Sessellift bequem erreichbar, die gesamte Anlage wurde 2005 neu errichtet. Auf 668 Metern Länge überwindet die Liftanlage 244 Meter Höhenunterschied und befördert bis zu 400 Personen in einer Stunde. Oben angekommen, sind es noch etwa 500 Meter bis zur Trappe.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 223–233

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