Entlang der Bode · Thale
Thale: Mythenweg und Teufelsmauer
Midgardschlange, Nidhögg und Wodans Raben säumen den Mythenweg in Thale, und an der Teufelsmauer scheiterte der Teufel an einem verfrühten Hahnenschrei.
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Die Mystizität von Hexentanzplatz und Roßtrappe strahlt nach Thale hinein und wohl deshalb bereicherten mehrere Künstler die Innenstadt mit nachgebildeten Wesen aus germanischer Sage. Hufeisensymbole verbinden die 13 Figuren. Ein Mythenweg entstand, eines von vielen Projekten, die dem Gebirge den neuen Beinamen „Sagenharz“ einbrachten. Das vorausgeschickt, versteht man nun, warum in Thale die holzgeschnitzte Midgardschlange nach ihrem ewigen Widersacher Thor Ausschau hält, wohingegen der Neiddrache Nidhögg aufwändig aus Stahl gearbeitet wurde. Solchermaßen gestählt, frißt er beständig an der Wurzel des Baumes der Welt. Wenn es ihm gelingt, den Baum zu Fall zu bringen, ist Ragnarök – der Untergang der Götter, der Weltuntergang – nicht mehr fern. Gott Wodan ist auch vertreten, kenntlich durch die auf seinen Schultern sitzenden Raben Hugin – der Gedanke – und Munin – das Gedächtnis – sowie seine Wölfe Geri und Freki. Auch sein treues achtbeiniges Ross Sleipnir reiht sich dem Reigen der mystischen Figuren unserer Altvorderen hinzu. In den pferdeköpfigen Windfedern norddeutscher Bauernhäuser zeigt sich bis heute die Verehrung für Wodans Pferd. Im kollektiven Gedächtnis ist germanisches Gedankengut nur mäßig vertreten, wohl weil durch die Zeitenläufte unsere Vorfahren sozusagen im Kindesalter ihres Volkes die eigenen Götter dahingegeben hatten. Die 3000-Schritte-Wanderung sollte man sich wahrlich nicht entgehen lassen, denn diese Figurendichte gibt es nur hier! Das passende Goethe-Zitat ist schnell zur Hand:
„Was ich nicht erlernt habe, das habe ich erwandert.“
Der Weg endet am Kloster Wendhusen, dem ältesten in Sachsen-Anhalt.
Unten im Grund trifft die Bode am Ortsrand von Thale auf allerlei Freizeitangebote für Touristen, die das in großer Zahl gern nutzen. Dann endet ziemlich abrupt die Orgie der Granitfelsen und übergangslos wird der Fluß aus dem Harz entlassen.
Es ist Winter geworden im Bodeland. Das Sternenkind hat noch einmal seine Kraft gebündelt und schäumt gegen die Ufermauern in Thale und Weddersleben an. Denn nun legt sich ihm ein letzter Riegel in den Weg. Es sind die Felsklippen der Teufelsmauer, ein uraltes Sandsteinmassiv aus einer Zeit, als noch die Dinosaurier die Erde bevölkerten.
Sagenumwoben ist dieses Felsband, denn auf den ersten Blick ist klar, daß nur der Teufel diese grotesken und phantastischen Steinformationen aufgetürmt haben konnte.
Und so erzählt die Sage vom Zwist, den der Höllenfürst mit Gott hatte. Der Teufel forderte mehr Besitz, wollte den erzreichen Harz sein Eigen nennen. Gott stellte aber die Bedingung, daß sein Widersacher das künftige Herrschaftsgebiet in einer Nacht bis zum ersten Hahnenschrei mit einer Mauer umfrieden müsse. Luzifer und die Heere der teuflischen Helfer schufteten wie Besessene, die Mauer wuchs ständig, aber in dem Moment, als sich der Teufel nach dem letzten Stein bückte, krähte in der Ferne ein Hahn! Die Nacht war vorüber, die Chance vertan.
Was der Teufel nicht wußte: Der neue Tag war noch gar nicht angebrochen, doch eine noch müde Bauersfrau aus Timmenrode war schon zeitig mit einem Hahnenkorb auf dem Wege zum Markttag. Als sie aber die Umrisse der Teufelsmauer erblickte, erschrak sie so heftig, daß sie ins Straucheln kam, der Hahnenkorb ihr aus der Hand rutschte und der Hahn ein verfrühtes „Kikeriki“ ins Land schmetterte.
Nach diesem Debakel hatten die Hähne im Harz einen schweren Stand beim Teufel; er drehte ihnen kurzerhand den Hals um.
Der Harz aber war vor dem Teufel gerettet.
Die Bode, das Sternenkind in weißem Gewand verläßt nun sein Stamm- und Ursprungsland und setzt die Reise durch flaches Harzvorland und Börde fort. Nach weiteren 106 Kilometern übergibt sie ihre Wasser an die Saale mit dem Ziel, die Nordsee bei Hamburg zu erreichen.
Doch das Leben im Harz folgt erneut den großen Zyklen der Natur von jeher. Im frühen Frühjahr wird der Kreislauf des Wassers wieder lebendig. An den Quellen der Bode ist es zuerst zu spüren und an ihren Ufern. Wer aber zu den Quellen will, muß sich auf den Weg machen und hoch steigen.
Wasser: Welch ein Geschenk!
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 223–233

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