Entlang der Bode · Schierke
Schierke: Feuerstein, Brocken und Goethe
Ein Apotheker, ein Kräuterlikör und ein spöttischer Grabspruch: Die Geschichte des Schierker Feuersteins führt bis hinauf zum Brocken und hinab ins Elendstal zu Goethes Faust.
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Mit „Plitsch und Platsch“ fallen lautmalend einige neckische Wasserspritzer auf eine Flasche „Schierker Feuerstein“, die in der Bode just in einem Kolk mit Granitgrus kühlt; Hinweis darauf, diesen Kräuterlikör unbedingt kalt zu genießen! Der Feuerstein ist ein sehr bekannter Granitfelsen unweit der Bode oberhalb Schierkes in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs der Brockenbahn. Doch ist er in diesem Zusammenhang nicht gemeint.
Der Name Feuerstein wurde für eine Geschäftsidee aus Schierke benötigt. Passend zum Schierker Aufschwung kreierte ein pfiffiger Pillendreher einen Gebirgskräuterlikör für Schierkes Gäste.
„In dieser kalten Grube liegt der Apotheker Drube.
Wanderer geh fort von hier, sonst steht er auf und säuft mit Dir!“ sangen die Neider, doch dessen ungeachtet entwickelte sich Willy Drubes Likör zu einer Erfolgsgeschichte und zum Botschafter des Gebirges. Der Lauf der Geschichte machte aber auch vor seiner Apotheke „Zum Roten Fingerhut“ nicht Halt. Nach Kriegsende und besonders zur Zeit der Errichtung der innerdeutschen Grenze war die Likörfabrikation in Schierke von Rohstoffmangel bedroht. Immer mehr zeichnete sich die Abschottung der DDR gegenüber Westdeutschland ab. In Schierke wurde in diesen Jahren nach der sogenannten „Kriegsrezeptur“ produziert, da viele Kräuter und Wurzeln durch die grenzbedingte Kappung der wirtschaftlichen Verbindungen nicht mehr beschaffbar waren. Seither wird im ursprünglichen Ausweichstandort Bad Lauterberg nach Original-Rezeptur produziert.
In Schierke aber ist mit der Namensgebung des neuen überdachten Eissportstadions der Name Feuerstein weiter sehr lebendig.
Mit der Teilung Deutschlands lag Schierke freilich in der politischen Sperrzone und mußte sich neu erfinden. Als „Kurort der Werktätigen“ warb der Ort nun dem Zeitgeist entsprechend. Werbewirksam weilten Parteigrößen der allmächtigen Staatspartei SED – Walter Ulbricht, Otto Grotewohl – des Öfteren hier.
Schierke aber ist vor allem untrennbar mit dem Brocken verbunden, auf seinem Gemeindegebiet liegt der „Berg der Deutschen“. Dieser 1142 Meter hohe prominente Gipfel, dessen Name sogar einmal für eine Schiffsbenennung der Deutschen-See-Reederei der DDR zu Ehren kam, zieht ungeahnte Touristenströme an. Für einen Harztrip scheint ein Brockenbesuch zum Pflichtprogramm zu gehören.
Das Gros der Brockenbesucher reist bequem mit der Dampfeisenbahn auf schmaler Spurweite von nur 1000 Millimeter hier herauf. Empfehlenswert ist die Mitfahrt auf dem offenen Peron des letzten Wagons, der Ausblick ist stellenweise atemberaubend. Wenn auch derzeit die dunklen Fichtenwälder dem Fraßhunger von Milliarden Borkenkäfern zum Opfer gefallen ist, so entschädigt der nun möglich gewordene Ausblick in ungeheure Fernen dafür. Dieser Ausblick wird immer besser, je höher die Bahn sich gen Gipfel windet, das Betrachterglück kulminiert beim Passieren der Brockenspirale kurz unterhalb der kahlen Brockenkuppe. Ob mit Bahn oder per Pedes oder mit dem Radel – alle wissen, daß hier ein mystischer Ort ist. Bevölkert mit Hexen, Teufeln und anderen Sagengestalten, die vielfach in der Literatur besungen wurden, es läßt der berühmte Goethe grüßen. Beim Abstieg registriert man ein Gewusel von Quellen. Wasser ist allgegenwärtig und auf 360 Grad unterhalb des Gipfels verteilt. Hier liegt das Quellgebiet mehrerer Harzer Flüsse; die jungfräuliche Bode ist nur einer unter mehreren. Wasser in Fülle! Schierke verlassend, strebt die Kalte Bode dem Elendstal zu.
Gleich darauf entschwindet das Wasser der Bode ins geheimnisvolle Dunkel des engen Elendstales. Das Tal ist geeignet, einen köstlichen Eindruck von den Spielarten des Granits, der ja nichts weiter als eine tief im Erdinneren erstarrte Schmelze mit gut sichtbaren Bestandteilen ist, zu vermitteln. Man kennt vielleicht den Geologenspruch: „Feldspat, Quarz und Glimmer – die drei vergeß ich nimmer.“ Tatsächlich sind diese drei Minerale die Hauptbestandteile des Granits, den schon der besagte Goethe besungen hat. Doch nicht allein der Granit weckte sein Interesse am urigen Elendstal, auch sein opus magnum „Faust“ nimmt das Motiv auf. Man sieht die wilde Landschaft förmlich vor dem inneren Auge vorbeiziehen, wenn Mephistopeles deklamiert:
„Und die Klippen die sich bücken, Und die langen Felsennasen, Wie sie schnarchen, wie sie blasen!“
Mit ‚Johann Wolfgang von‘ beginnt der Tourismus sich langsam zu entwickeln, gerade wegen der urigen Natur. „Das Naturbild um Schierke öffnete mir die Augen“, schrieb der Dichterfürst am 4. September 1784 aus Elbingerode. Dieser Bodeabschnitt dient auch heute oft den Städtern als Vorlage für ihre Vorstellungen, wie „Natur“ aussehen sollte, doch ist die Wirklichkeit oft nicht so romantisch. 1705 ist hier übrigens der letzte Bär des Harzes erlegt worden.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 42–48

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