Entlang der Bode · Rübeland
Rübeland: Tropfsteinhöhlen, Bergkönigin und Blauer See
Tropfsteine, eine Kristallkammer, die steilste normalspurige Adhäsionsbahn Europas und ein See, so blau wie in einem Winnetou-Film: Rübeland steckt voller Wunder.
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Im Rübeländer-Elbingeröder Gebiet befinden sich zahlreiche trockene Karsthöhlen und Flußhöhlen, die in jüngerer Vergangenheit durch die Lösungsarbeit der Ur-Bode entstanden sind.
Rübeland liegt also auf der Harzhochfläche, allerdings im tief eingeschnittenen Bodetal. Der kleine Ort ist durch seine zauberhaften Tropfsteinhöhlen weithin bekannt geworden. Schon in der Steinzeit, bis vor etwa 100.000 Jahren, wurden die Rübeländer Höhlen von Jägern als Unterkunft benutzt. Der von ihnen gejagte Höhlenbär avancierte vor einhundert Jahren zum Wappentier des Ortes und wird mit einem Denkmal auf der Herzklippe verehrt.
Die Mär will wissen, daß 1536 der Bergmann Friedrich Baumann eine Höhle entdeckte, die bis heute nach ihm „Baumannshöhle“ genannt wird. Ab 1646 werden offiziell Höhlenführungen durchgeführt. Und natürlich: „Goethe was here“, wie könnte es anders sein. 1866 wird bei Straßenbauarbeiten die Hermannshöhle entdeckt. Eine Flußhöhle, könnte man sagen, wenn man in Betracht zieht, daß der Höhlenbach lediglich ein zeitweilig abgespaltener Teil der Bode ist. Ohne Bode keine Höhlen! Kaum kommt die Bode durch wasserlösliches Gestein, gerät sie also schon auf Abwege. In diesem Fall sind die „Abwege“ allerdings von ausnehmender Schönheit und daher vorzeigbar.
Die Hauptattraktion in Rübeland – die Tropfsteinhöhlen – werden jährlich von ungefähr 200.000 Touristen des In- und Auslandes besucht. Die einmalige Schönheit der unterirdischen Traumwelt aus Stalagmiten und Stalaktiten entführt die Phantasie der Besucher ins Reich der Fabelwesen und Berggeister.
Freilich kann man das Werden der Tropfsteine auch wissenschaftlich erklären. Von dem Moment an, in dem das an Calciumkarbonat gesättigte Wasser durch eine Kluft an der Höhlendecke austritt, beginnen zwei Vorgänge. Freisetzung von Kohlendioxid infolge Druckentlastung und Verdunstung. So wird die Lösung übersättigt. Diese Übersättigung ist wiederum Ursache für die Bildung der vielfältigen Formen des Sinterschmuckes der Höhlen. Bei starkem Zufluß läuft das Wasser als feiner Strahl zur Höhlensohle und tropft in schneller Folge, so daß für eine Verdunstung an der Decke keine Zeit bleibt und es keine Deckenzapfen gibt. Im Bodenlehm kann zunächst eine kleine Grube ausgeschlagen werden, die sich in Zeiten der Verdunstung mit Calcit füllt. Aus dieser Wurzel beginnt der Bodenzapfen, also der Stalagmit, emporzuwachsen. Von oben herabhängende Tropfsteine werden Stalagtiten genannt.
In der Hermannshöhle hat Mütterchen Natur sich dann selbst übertroffen, indem sie in dieser Höhle auch eine Kammer voll mit abertausenden kleinen Glitzer-Calciten spendierte: die Kristallkammer. Ein Fest für die Augen. – Aber auch die Rübeländer Höhlenfestspiele ziehen viele Besucher mit dem Programm des Harzer Bergtheaters in ihren Bann.
Die Harzgebirgsbahn, heute Rübelandbahn, zwischen Blankenburg und Rübeland wurde 1885 in Betrieb genommen, deren höchstes Eisenbahnviadukt des Harzes mit 30 Metern Höhe ist im Rübeländer Ortsteil Kreuztal zu bestaunen. Eine rührige Arbeitsgemeinschaft veranstaltet jährlich einige Traditionsfahrten mit Dampftraktion. Die Bahn ist die steilste normalspurige Adhäsionsbahn Europas; die Züge bewältigen die extremen Steigungen ohne Zuhilfenahme von Zahnstangen. Verständlich, daß nur speziell zugelassene Loks auf dieser Strecke verkehren. Von der legendären Dampflokbaureihe der Tierklasse wartet die Lok „Mammut“ als letzte ihrer Art hier in Rübeland auf Besucher. Mit der „Bergkönigin“, wie die 95027 liebevoll genannt wird, finden vorgenannte touristische Fahrten auf dieser sonst nur dem Güterverkehr vorbehaltenen Strecke statt.
Doch der Wirtschaftsverkehr verlangt gebieterisch nach höchster Leistung, weshalb die Strecke seit 1965 elektrifiziert ist. Mit einem für Deutschland ungebräuchlichen Stromsystem von 25 kv und 50 Herz, was sich durch die Insellage der Bahnstrecke wegen fehlender Anbindung an das Oberleitungsnetz des Landes erklärt. Hervorgegangen aus einer Erzstufen- oder Schurrenbahn, über die Bewältigung der enormen Steigungen mittels eines weltneuen Zahnstangensystems, die Einführung der Bergloks bis hin zur Elektrifizierung – die Rübelandbahn wurde immer leistungsstärker! Diese Strecke der bahntechnischen Superlative bringt ungefähr ein Viertel des gesamten Frachtaufkommens Schiene in Sachsen-Anhalt!
Nach der Wiedervereinigung forcierte sich die Entwicklung Rübelands zum Tourismusort. 2004 wird der Ort offiziell „Höhlenort Rübeland“. Der Harzer-Hexen-Stieg verläuft am Ort vorbei. Eine neue Sehenswürdigkeit im Ortspark gegenüber der Baumannshöhle sind von Kunststudenten aus Bäumen heraus geschnitzte Mythologie-Figuren.
In Richtung des reizvollen Winkels Neuwerk führt die Bundestraße 27 durch das Kreuztal, einem Seitental der Bode. Bergan auf halbem Weg nach Hüttenrode erreicht man linksweisend den Parkplatz des „Blauen Sees“. Dieses Naturphänomen kennt jeder, der je einen Winnetou-Film sah. Dessen Drehort – die Plitvicer Seen in Kroatien – faszinieren mit ihrem postkartenblauen Wasser. Hier im Harz steht der Besucher vor der gleichen Naturerscheinung. Ein wassergefüllter alter Kalksteintagebau wird durch Karstquellen gespeist. Das übersättigte Wasser scheidet Calciumkarbonat aus, das alle Schwebstoffe, auch Algen, umhüllt, die dadurch beschwert zu Boden sinken und dort sedimentieren. Daraus erklärt sich das außerordentlich klare Wasser, in dem wie im Meer die roten bis grünen Spektralbereiche des Sonnenlichtes absorbiert werden, so daß eine blaue Restfärbung verbleibt. Im Sommer kann mit zurückgehender Quellschüttung und gleichzeitigem Nährstoffeintrag die Farbe nach grün umschlagen, weil die Algenproduktion nicht mehr kompensiert werden kann.
Notieren sie das zeitige Frühjahr, gleich nach der Schneeschmelze für ihren Besuch! Allerdings zeigt der See nur alle paar Jahre diesen Effekt, es gehört ein glückliches Timing dazu.
Ein gewisses Blau dringt in deine Seele ein.
Henri Matisse
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 67–74

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