Entlang der Bode · Rappbodetalsperre
Der große Bau der Rappbodetalsperre: Neubeginn nach 1945
Hüttenzement statt Scherbeneis: Nach 1945 wurden die Pläne neu durchdacht, während ein Oberingenieur die stillgelegte Baustelle gegen Diebe verteidigte.
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Nach 1945 wurden zunächst die alten Planungsunterlagen des Bodewerks kritisch durchgesehen und teilweise verändert.
Insbesondere der Baugrunduntersuchung wurde große Aufmerksamkeit gewidmet. Der Baukörper erhielt Sparräume, um einerseits wertvolle Baustoffe zu sparen und andererseits um die Hydrationswärme des abbindenden Betons effektiver abzuführen. Diese Maßnahme in Verbindung mit dem Einsatz von Hochofenzement statt Portlandzement machte die ursprünglich vorgesehene Eisfabrik obsolet – deren Fundamente dienen heute als Refugium für Fledermäuse. Der technologische Schwenk vom Portland- zum Hüttenzement geschah vor Baubeginn 1949/50. Entsprechend einer Vorgabe des Bauministeriums wurden nochmals Vorversuche im Betonlabor durchgeführt. Zielstellung war, den in der Herstellung hinsichtlich des Kohlenbedarfs aufwendigen Portlandzement durch geeignete gleichwertige, mit weniger Energieaufwand herzustellende Bindemittel zu ersetzen.
Denn je niedriger die Anfangstemperatur, desto niedriger die zu erwartende Höchsttemperatur des Betons. Um eine niedrige Abbindetemperatur zu bekommen, war eigentlich die Zugabe von Scherbeneis, das von der Eisfabrik geliefert werden sollte, schon 1938 geplant. Der Einsatz des Hüttenzements statt Portlandzements machte die Eisfabrik nun überflüssig. Da die Abbindetemperaturen beim Einsatz von Hüttenzement kein gravierendes Problem mehr darstellten – ein nicht hoch genug einzuschätzender Vorteil! – konnte das komplizierte Kühlsystem auf Basis von Scherbeneis entfallen. Trotzdem war 1949 die Eisfabrik betriebsbereit. Gebaut, um mittels des hier erzeugten Eises die Abbindetemperatur des Betons durch Zugabe von Eiskristallen von 30 auf 4 Grad herabzusenken. Doch nun kam dieses Verfahren nicht mehr zum Einsatz. Nachteilig beim Einsatz des anderen Zementtypes war freilich eine geringere Anfangsfestigkeit, die beim Bodewerk allerdings kompensierbar war.
Nach den riesigen Abholzungen im Bereich des späteren Staubeckens wurde ein Teil der Stämme im betriebseigenen Sägewerk zu Schal- und Schnittholz aufgeschnitten. Weiterhin wurde das Hochwasserschutzbecken Warme Bode zurückgestellt und wenig später komplett gestrichen. Ebenfalls zurückgestellt, später entfallen war auch das Kraftwerksprojekt in Thale samt zugehörigen Wasserzulaufstollen und Ausgleichbecken. Immerhin hätte dieses Kraftwerk eine Druckhöhe von 170 Metern nutzen können. Eine Binsenweisheit der Wasserkraftexperten lautet: „Nennenswerte Mengen Energie gewinnt man nur aus Druck!“ Gebaut wurde alternativ in den sechziger Jahren ein „Trinkwasser“kraftwerk, das die Druck- und Strömungsenergie des Trinkwassers auf seiner Reise nach Wienrode nutzte. Weiterhin ein Kraftwerk im Umlaufstollen. Beide Kraftwerke befinden sich am Fuße der Rappbodestaumauer. Sämtliche Elektroenergie, auch die des Pumpspeicherkraftwerkes, wird zur Übergabestation nach Hüttenrode geleitet und dort in das mitteldeutsche Hochspannungsringnetz eingespeist. Alle Kraftanlagen sind in den Hauptstrom des Wassers eingebunden. Doch wurden die alten Pläne nicht nur abgespeckt, es kamen auch neue Projekte hinzu. Ein Pumpspeicherkraftwerk einschließlich des notwendigen Oberbeckens wurde dem Planungsentwurf hinzugefügt.
Es muß unbedingt erwähnt werden, daß der ehemalige Oberingenieur Theodor Schwenk, der Stellvertreter von Reinhold Winter, dem Leiter des Talsperrenbaubetriebes Quedlinburg, in der schweren Nachkriegszeit ständig die Baustelle kontrollierte. Denn alles, was nicht niet- und nagelfest war, wurde gestohlen. Die Baustelle war ja trotz Stilllegung 1942 und Abzug einiger Spezialfirmen immer noch gut ausgerüstet, deswegen gefährdeten die Verluste aus Diebstählen und Vandalismus eine Wiederaufnahme der Arbeiten.
Kurzzeitig wurden bei der Wiederaufnahme der Baustelle im Oktober 1948 Strafgefangene und zur „Bewährung in der Produktion“ verurteilte Personen mit Arbeitsplatzbindung auf der Baustelle eingesetzt, doch blieb es bei diesem kurzen Einsatz. Die nächsten Bauarbeiter waren anders. Spezialisten und Enthusiasten waren gefragt.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 108–135

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