Entlang der Bode · Rappbodetalsperre
Der große Bau der Rappbodetalsperre: Grundsteinlegung und Betonrekord
Mit einem Taxi fuhren Vertreter der Baustelle nach Berlin, um Geld für den Weiterbau zu erhandeln – 1952 folgte die festliche Grundsteinlegung und bald ein gesamtdeutscher Betonrekord.
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War der Bau bis in die Nachkriegszeit zwar volkswirtschaftlich erforderlich, so war er doch privatwirtschaftlich organisiert. Mit acht Arbeitern begann der zweite Anlauf zur Errichtung der Sperrmauer. Ein einziger Dampfbagger arbeitete einsam an der weiteren Vertiefung des Baugrundes. Immerhin gründet die Sperrmauer 18 Meter unter Gelände – gigantische Erd- und Felsmassen waren zu bewegen! Sägewerk, Werkstatt, Zimmerei und Meilerei arbeiteten bereits mit voller Kraft. Mit acht Stahlretorten wurden Unmengen gerodeter Baumstümpfe des künftigen Wasserbeckens zu Exportholzkohle gekohlt– was sehr haushälterisch gedacht war! An diesem Standort wird auch heute, wenngleich historisch exakter, immer noch Qualitätsholzkohle erzeugt.
Im Februar 1949 wurde der Bau volkseigen. Doch schon im Herbst 1950 war kein Geld mehr da, Entlassungen drohten. Die mittlerweile auf 350 Mann angewachsene Belegschaft legte Geld für ein Taxi zusammen und Vertreter der Baustelle fuhren ins Ministerium nach Berlin. Dort konnte die weitere Finanzierung erhandelt werden.
Der neue Hauptauftragsnehmer war die „Bauindustrie Mittelland“, dann die „Bau-Union Halle“. Erst 1954 wurde mit dem neugegründeten „VEB Talsperrenbau und Wasserkraftanlagen Weimar“ die passende staatliche Zuordnung gefunden. Cheverab, der spätere „VEB Schachtbau Nordhausen“ nahm 1947 nach kriegsbedingter Unterbrechung die Abdichtungsarbeiten wieder auf. Der Baugrund wurde bis 18 Meter tief verfestigt, zumeist mit Gebirgsankern. Gleichzeitig wurde an der Rappbodesperre der wasserseitige Dichtungsschleier bis 70 Meter und der luftseitige bis 35 Meter Bohrtiefe fertiggestellt. Nach 1952 wurden mit ähnlichem Aufwand die Baugründe der Vorsperren und die Überleitungssperre Königshütte bearbeitet. Die Baustelle war bei den „Nordhäusern“ trotz des erforderlichen Fußmarsches zur Harzquerbahnstation „Eisfelder Talmühle“ nicht nur wegen der Wochenendrückfahrt sehr beliebt, gab es hier doch gelegentliche Sonderzuteilungen an Harzkäse, Pferdefleisch oder Deputatkohle und pünktliche Lohnzahlung!
Doch dann: Festliche Grundsteinlegung am 1. September 1952. Feierlich fuhr die Kabelkrananlage den ersten Kübel mit 2,5 Tonnen Beton heran; weitere 860 000 Kubikmeter Beton sollten in den folgenden Jahren verbaut werden. Wie es sich sich für einen ordentlichen Bau gehört, versenkte der Polier eine Kapsel mit Zeitdokumenten und Gründungsurkunde im ersten Beton – fein in Versalien geschrieben vom Geodäten Erich Rätel. 1950 wurde ein Architekturwettbewerb zur Gestaltung der Talsperre gestartet, bei dem immerhin 120.000 Mark Preisgeld ausgelobt wurden. Die architektonische Gestaltung der Mauer folgte einem Entwurf von F. Schaarschmidt aus Dresden und wurde unter drei Varianten durch die Bauarbeiter im Rahmen einer improvisierten Zettelabstimmung ausgewählt.
Eine entscheidende Bedeutung für die Heranführung von Material und Ausrüstung hatte der Bahnhof Hüttenrode. Einen riesigen Lagerplatz hatte man neben dem Bahnhofsgelände eingerichtet. Hier wurden alle Großteile wie Schieber, Turbinen, Stahlkonstruktionen und vieles mehr zwischengelagert. Auch Korrosionsschutzarbeiten erledigte man hier. Ein zweiter Lagerplatz, speziell für Großrohre, befand sich in der Kiesgrube Helsungen. In Hüttenrode begann die Zementseilbahn, die täglich Hüttenzement auf die 3,7 Kilometer lange Reise zur Betonfabrik an der Rappbode schickte. Eine staubige und sicher auch gesundheitsgefährdende Angelegenheit war die Entladung des angelieferten Zements, dessen Temperatur bis 70-80 Grad betragen konnte. Es kamen offene Güterwagons, die mit Planen abgedeckt waren! Diese hohen Temperaturen können in Zeiten großen Zementversands, insbesondere im Sommer, im Zement auftreten, wenn er für das Abkühlen nicht lange genug gelagert werden konnte. Der Einfluß der Zementtemperatur auf die Frischbetontemperatur wurde bei der Planung aber überschätzt: Bei einem Zementgehalt von 300 kg/m³ bewirkt eine um 10 °C höhere Zementtemperatur nur eine Erhöhung der Frischbetontemperatur um 1 °C. ‚Heißer‘ oder ‚mühlenwarmer‘ Hüttenzement kann ohne Nachteile für den Beton verarbeitet werden. Der Zement wurde in Ganzzügen aus dem thüringischen Unterwellenborn geliefert, bei Seilbahnhavarien stauten sich die Züge in Blankenburg und Hüttenrode. Aus ungefähr 250.000 Tonnen Hochofenschlacke aus der Maxhütte und 200.000 Tonnen Hochofenschlacke aus Eisenhüttenstadt wurden unter Zusatz von Portlandzement und Gips ca. 600.000 Tonnen Hochofenzement aus Unterwellenborn geliefert.
Leider blieben Havarien bei der störanfälligen Seilbahn nicht aus. Zum einen führte der Materialverschleiß zu mehreren Seilrissen; wie auch die im Winter auf der Hüttenröder Hochfläche ungehemmt tobenden Orkane großen Schaden an der Seilbahn anrichteten. So wurde einmal eine große Holzstütze bei Windstärke 12 mitten durchgebrochen. Um das am Tragseil noch baumelnde Reststück abschlagen zu können, mußte ein Mann hoch zu dem 35 Meter hohen Tragseil. Ein Monteur, ehemaliger Matrose, ließ sich im Bootsmannsstuhl hochhieven – nichts für schwache Nerven. Noch gravierender war der Seilriß im Schieferbachtal. Eines der unzugänglichsten Täler des Harzes überhaupt und das im Februar bei -15 Grad und 70 cm Schneehöhe! Nur mit Pferdeschlitten konnte man sich an die tiefverschneite Unglücksstelle herankämpfen. Die Reparaturmannschaft baute Zelte auf, legte Wärmefeuer an. Seilmuffen wurden montiert, Kabel gespleist. Zement war für diese Baustelle lebenswichtig wie Mehl für den Bäcker. Auch der Baugrund machte Sorgen. Zweimal rutschte aus den Berghängen der brüchige Schiefer und jedes Mal rauschten 7000 Kubikmeter in die schon fertigen Talfelder.
Da es, wie auch schon 1940, nicht gelungen war, eine Stahlschalung aufzutreiben, mußten alle Betonagen mit Holz geschalt werden, was einen exorbitant hohen Einsatz der Berufsgruppe „Zimmerleute“ hervorrief.
Bei den Arbeiten in halsbrecherischer Höhe kam es immer wieder zu schweren Abstürzen. Den beim Bau verunglückten Arbeitern gedachte man mit einer Gedenktafel, die noch heute am Fuß der Rappbodestaumauer davon ehrend und mahnend kündet.
Die Baustelle schrieb mehrfach Technikgeschichte. Betoniert wurde bis -22 Grad! Einmal holten sich die Talsperrenbauer den gesamtdeutschen Rekord im Betonieren – 22.000 Kubikmeter in einem Monat! Mit zwei Kabelkränen! Staatschef Walter Ulbricht, der am 11. Juni 1957 hier vorbeischaute, sparte nicht mit Lob und Preis.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 108–135

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