Entlang der Bode · Rappbodetalsperre
Der große Bau der Rappbodetalsperre: Die Baustelle im Krieg
„Der Bode-Talsperrenbau hat begonnen!“, meldeten die Zeitungen 1938 – doch Zwangsarbeit, Krieg und der Baustopp von 1942 prägten die ersten Jahre an der Rappbode.
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Am 15. November 1938 meldeten die Tageszeitungen: „Der Bode-Talsperrenbau hat begonnen!“ Wie in diesen Zeiten üblich, wurde mit großem Aplomb der Projektumfang gemeldet: 1. Rappbodesperre mit Kraftwerk, 110 Millionen Kubikmeter, 2. Wendefurther Sperre, 10 Millionen Kubikmeter mit Druckstollen (7100 m) nach Thale, 3. Hochwasserschutzbecken Kalte Bode 4,5 Millionen Kubikmeter, 4. Hochwasserschutzbecken Warme Bode 5,5 Millionen Kubikmeter, 5. Überleitungsbecken 1.2 Millionen Kubikmeter mit Überleitungsstollen (1700 m) zur Rappbode, 6. Vorbecken Hassel, 7. Vorbecken Rappbode, 8. Kraftwerk Thale, 9. Ausgleichweiher 0,2 Millionen Kubikmeter, 10. Reinigungsanlage für Trinkwasser, 11. Trinkwasserstollen (3100 m) mit anschließender Leitung und einem Verteilungsbehälter, 12. Trinkwasserleitung nach Magdeburg und Dessau, 13. Trinkwasserleitung nach Halle-Bitterfeld.
Die Bauarbeiten an der Rappbode-Talsperre inklusive Aufschluß des Steinbruchs im Möhrental begannen noch 1938.
Der Steinbruch würde einen guten Diabas liefern, denn die Geologen der Preußischen Geologischen Landesanstalt unter Federführung von Dr. Schroeder konnten im unweit gelegenen Möhrental eine kleine Lagerstätte dieses hochfesten Gesteins nachweisen. Der Aufschluß des Steinbruches Möhrentals war vordringlich, sollte doch mit diesem Zuschlagstoff der Beton der Mauer hergestellt werden. Das ersparte unzählige Massentransporte von Betonkies, die mangels entsprechender Transportinfrastruktur in diesem einsamen Harztal ohnehin nicht durchführbar waren. Mittels Feldbahn und Seilbahn wurden die gebrochenen Körnungen der Betonfabrik der Sperrmauer zugeführt. Eine weitere Seilbahn brachte den Zement aus Unterwellenborn von der Bahnstation Hüttenrode zur Baustelle.
Eine sehr schwere, aber auch anspruchsvolle Arbeit war das Ausheben der Baugrube. Dort herrschte Hochbetrieb, tägliche Sprengungen lösten das Schiefergestein, Dampfbagger wühlten sich in die Massen, dampflokbetriebene Kippzüge transportierten die Schiefermassen auf die Kippe entlang zum Langen Hals am Zusammenfluß von Rapp- und Hauptbode. Um die 500.000 Kubikmeter Schiefergestein aus der Baugrube sind hier gekippt worden.
Unter ständiger Trockenhaltung der Baugrube durch Ausnutzung des Umlaufstollens wurde kurz vor Erreichen der Endtiefe der letzte Meter bis zur projektierten Sohle zum neuralgischen Punkt. Von Hand, mit Hacke, Schaufel und Presslufthammer wurde vorsichtig abgetragen; dergestalt wollte man Rißbildungen im Gestein vermeiden. Anschließend nahmen Spezialbohrfirmen die Abdichtung des Untergrundes vor. Mit Reihen von bis zu 70 Meter tiefen Bohrungen und deren anschließendem Verpressen mit Zement und Wasserglas sollten spätere Wasserdurchtritte und Wasserverluste verhindert werden.
Doch wurde die Arbeitskräftelage infolge der Vollbeschäftigung im Reich immer angespannter, so daß in typischer Manier des Dritten Reiches erst auf „Renitente“, das war der damalige Terminus für Strafgefangene in Gefängnissen oder Zuchthäusern, und, als die auch nicht mehr zu bekommen waren, auf schlesische und Wiener Juden als Zwangsarbeiter gesetzt wurde. Deren Leid war naturgemäß groß. Es gab also auf der Baustelle angestellte deutsche Arbeitskräfte, vor allem Ingenieure, Meister, Poliere und Vorarbeiter, weiterhin vorwiegend deutsches Personal bei den vertraglich gebundenen Spezialbaufirmen. Dies waren die Firmen der ARGE „Bodewerk“, bestehend aus Polensky & Zöllner, Frankfurt/ Main, Beton- und Monierbau, Berlin, und Allgemeine Baugesellschaft Lenz & Co., Berlin. Den Straßenbau verantwortete eine Firma August Heise. Für Spezialbauten zeichnete die Firma C. Baresel Stuttgart, Niederlassung Halberstadt verantwortlich. Weiterhin Fa. Dipl. Ing. Karl Walter, Berlin, für Lichtlochteufe im Trinkwasserstollen sowie die Gesellschaft für chemische Verfestigung und Abdichtung Nordhausen, Cheverab. Der immense Arbeitskräftebedarf führte weiterhin zum Einsatz „israelitischer (Zwangs)arbeiter“ – so im offiziellen Schriftverkehr –, die in einem von der Gestapo bewachten eingezäunten Lager untergebracht wurden und sich nicht frei bewegen durften. Ihr Leben galt wenig, zumal die ARGE stets damit rechnete, neue Arbeitskräfte zugewiesen zu bekommen. Auch wurden aus der Ostmark und dem Protektorat Böhmen und Mähren – heute Österreich beziehungsweise Tschechien und Slowakei – und Ungarn Fremdarbeiter angeworben. Zeitweise waren auch Kriegsgefangene, Franzosen, Belgier und Kroaten im Einsatz. Der höchste Arbeitskräftebestand betrug um 1500 Mann, bei einem geforderten Bedarf von 2500.
Als im Mai 1942 das Rüstungsministerium alle nicht kriegswichtigen Bauvorhaben im Reich stoppte, unterfiel auch das Bodewerk diesem Verdikt. Ausschlaggebender Grund war die Nichtbereitstellung von Eisen für die Fernwasserleitung nach Magdeburg; ohne diese Leitung verlöre aber das gesamte Projekt Sinn und Bedeutung. Arbeitskräfte und Maschinen wurden abgezogen; nur die Baustelleneinrichtung im Eigentum des Auftraggebers blieb an Ort und Stelle. In geringem Umfang wurden noch Abdichtungsarbeiten an der Talsperrensohle bis März 1945 durchgeführt, dann führten die Kriegshandlungen innerhalb des Gebirges am 18., 19. und 20. April 1945 zur endgültigen Einstellung aller Arbeiten. Am 20. Februar 1945 wurden die letzten jüdischen Zwangsarbeiter nach Theresienstadt abtransportiert. In den Kämpfen um die Festung Harz spielte das eigentliche Baustellengelände keine Rolle, auch sind Schäden aus direkten Kriegseinwirkungen nicht aufgetreten.
Zusammengefaßt der Zustand zum Kriegsende: Es wurde die Gründung der Staumauer weitestgehend ausgehoben, Abdichtungsarbeiten im Baugrund und in den Talfeldern vorgenommen, besonders der wasserseitige Dichtungsschleier, die für den Zementtransport erforderliche Seilbahn von Hüttenrode her errichtet, die Eisfabrik gebaut und der zur Umleitung der Rappbode während der Bauzeit und später als Grundablaß vorgesehene Umleitungsstollen mit dem Einlaufbauwerk und Schützenschacht bis August 1940 so weit fertiggestellt, dass die Flußumleitung erfolgen konnte. Der Steinbruch Möhrental war betriebsbereit. Mehrere Wohnlager für Arbeiter existierten. An den geplanten Sperren Rappbodevorsperre und Hasselvorsperre waren noch keine Bauleistungen erbracht worden.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 108–135

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