Entlang der Bode · Rappbodetalsperre
Der große Bau der Rappbodetalsperre: Baustart 1938
Keine Straße, kaum Arbeitskräfte, dafür eine 3,7 Kilometer lange Seilbahn für den Zement: So begann 1938 in einer der entlegensten Ecken des Harzes die größte aller Baustellen.
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Die ersten Arbeiten am 1938 genehmigten Bodewerk galten der Errichtung von nötigen Infrastrukturen. Die Baustelle mußte in einer der entlegensten Ecken des Harzes errichtet werden, am Anfang mangelte es an allem. Ja, nicht einmal eine Straße führte zur größten aller Baustellen – der Rappbodetalsperre. Im Wesentlichen stand nur der Bodeweg, der von Wendefurth heraufkam, zur Verfügung. Einige Spezialbaufirmen wie der bekannte süddeutsche Tunnelbauspezialist Baresel kamen mit eigenem Personal und richteten ihre Baustellen auch selbst ein. Da der Tunnelbau bautechnisch den Sperrbauwerken vorauslaufen muß, begannen diese Spezialisten unverzüglich mit dem bergmännischen Vortrieb des Umleitungsstollens; dessen Funktion war für die Inangriffnahme der Mauer eine zwingende Voraussetzung. Viele Projekte wurden zeitgleich begonnen, unter anderem auch das Hochwasserschutzbecken an der Warmen Bode. Interessanterweise waren die Baumfällungen im Bereich dieses geplanten Beckens eine der ersten Arbeiten des Gesamtprojektes mit Namen „Bodewerk“. Die Erklärung: Der Reichsarbeitsdienst war kurzfristig in der Lage, eine Einheit dorthin zu kommandieren. Die RAD-Einheit 3/134 baute nahe der Baustelle im Forstort Wiethfeld ihr Unterkunftslager „Albrecht der Bär“ und hieb eifrig die Baustelle frei. Spezialbaufirmen kamen erst später hierher.
Bei der Einstellung des Gesamtprojektes 1942 wurde auch die RAD-Einheit abgezogen; es gibt die Vermutung, daß ihr nächster Einsatz in Gerwisch erfolgte. Die Bauarbeiten hier oben wurden nie wieder aufgenommen.
Bei der Neubewertung der alten Projekte um 1952 wurde entschieden, daß die Talsperre Königshütte eine Hochwasserwelle durchaus auch ohne die Vorsperre Warme Bode abzufangen in der Lage sei. Einige Stimmen warnten indes, daß die Streichung dieses Hochwasserschutzbeckens nicht nur eine um 80 Kubikmeter höher liegende Hochwassermenge bringen würde, sondern auch die Möglichkeit ausschalte, die Abflüsse kleinerer Hochwässer vollständig zur Rappbode überleiten zu können. Die technische Lösung, mittels Überleitungssperre und Überleitungsstollen das Becken der Rappbodetalsperre zu füllen, bedingt allerdings auch eine Vollstauhöchstgrenze der Hauptsperre „Rappbode“. Anderenfalls würde Rappbodewasser rückwärts durch den Überleitungsstollen fließen.
Von der Baustelle Hohenwarte wurden die freigewordene Kabelkrananlage und die Steinbruch- und Betoniereinrichtung übernommen, umgesetzt und wieder aufgebaut. Schon wurden einheimische Arbeitskräfte rar. Da eine Schwergewichtsmauer aus Beton geplant war, galt es, große Mengen Zement für die eigene Betonherstellung zur Baustelle zu bekommen. Diese Aufgabe übernahm eine 3,7 km lange Seilbahn, Fabrikat Bleichert aus Leipzig. Von der Bahnstation Hüttenrode führte diese Seilbahn in Richtung Kirchenholz, dann weiter über das Schiefertal, um schließlich das Bodetal in Höhe des heutigen Wasserschlößchens zu queren und die Betonfabrik zu erreichen. Die gesamte Anlage stand auf Holzmasten, in verschlossenen Gondeln wurde der wertvolle Zement transportiert. Umgehend begann der RAD mit zwei Einheiten und 260 Mann auch an der Baustelle Rappbodetalsperre mit einer großangelegten Baumfällaktion im Rahmen der notwendigen Baufreiheitsschaffung für Baustellen, Objektstraßen und künftige Speicherräume. Die verschiedenen Planungen seit 1920 wurden allesamt von Talsperrenämtern, später sogar Talsperrenneubauämtern, in Quedlinburg und Rübeland ansässig, entworfen. Auftraggeber war der Provinzialverband Sachsen-Anhalt. Dieser Zusammenschluß von Kommunen kümmerte sich um die Daseinsvorsorge für die im Gebiet lebenden Einwohner. Dazu zählte und zählt auch die Bereitstellung von Trinkwasser. Im fraglichen Gebiet herrscht, bedingt durch den Regenschatten des Harzes, ein grundlegender Wassermangel, der durch das Vorhandensein größerer Industrieansiedlungen noch verstärkt wird. Hier bestand also ein großes Interesse an einer stabilen Trinkwasserbereitstellung und -versorgung. Begehrlich schaute man auf das Harzwasserangebot der Bode.
1941 initiierte der Verband den Wasserverband Ostharz (WVO) und arbeitete fortan in dieser Struktur. Der WVO ließ alle Spezialarbeiten des Riesenprojektes von privatwirtschaftlichen Firmen, die sich ihrerseits zu ARGEN zusammengeschlossen hatten, ausführen. Eine Reihe von „einfachen“ Arbeiten sollten durch angeworbene Arbeiter im Rahmen üblicher Arbeitsverträge erledigt werden, zumal den ARGEN bestimmte Voraussetzungen zu Baubeginn zugesichert worden waren. Das Reich beteiligte sich zum einen durch finanzielle Bürgschaften am Projekt, zum anderen durch „Bereitstellung“ von Arbeitskräften. Freie Arbeitnehmer, zumal in den gesuchten Berufen waren 1938 schon nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt zu bekommen. In dieser Situation wurden für die ersten Arbeiten, wie zum Beispiel Urbarmachung von Flächen, Abholzen der waldbestandenen Baustellenareale, Bau von Straßen, der Reichsarbeitsdienst und die Organisation Todt eingesetzt. Doch schon 1939 wurde der RAD teilweise abgezogen; er wurde im Rahmen der Kriegsvorbereitungen anderswo dringender gebraucht. Es verblieben im Sommer 1939 also 460 Bauarbeiter auf der Baustelle, davon 100 Tschechen und 150 Juden. In dieser schwierigen Situation wurden zum Herbst 1939 Überlegungen angestellt, polnische Kriegsgefangene – einige Hundert – einzusetzen, allein das Bodewerk besaß nicht die höchste Priorität unter der Flut von Bauvorhaben im Reich. Der „Kampf“ um Arbeitskräfte durchzog auch die nachfolgenden Jahre. Als das Rüstungsministerium auch die Einheiten der Organisation Todt anderswo dringender benötigte und von der Baustelle abzog, war das Projekt erstmalig von Einstellung bedroht.
Eine offizielle Grundsteinlegung, mit Durchschneidung eines Bandes oder dem ersten Spatenstich ist nicht nachweisbar, mutmaßlich sollte das dem Reichskanzler vorbehalten bleiben, der allerdings während seiner Amtszeit nur einmal, 1934, im Mittelharz weilte. Aber natürlich gab es eine Ansprache des Bauherren, vertreten durch den Regierungsbaumeister a.D. Reinhold Winter aus Blankenburg. Er war Leiter des Talsperrenbaubetriebes Quedlinburg und ab 1941 auch Geschäftsführer des WVO; insofern gilt er als Motor des Talsperrenbaus.
Aus dem Buch: Wunder verbinden, S. 108–135

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